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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-21 · Heft 3 (21.1.1895) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 3 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 3. dem Kehlkopfspiegel kann man die krankhafte Röthung der Stimm- Länder wahrnehmen, welche bei Anwendung eines falschen Registers eintritt und Lei Umwandelung in das richtige sogleich wieder verschwindet. Glaubwürdige Erzähler theilen mit, dass das Beispiel Duprez, des bekannten französischen Tenors mit ungewöhnlicher Höhe der Bruststimme, auf andere Tenore einen sehr nachtheiligen Einfluss geübt hat. Dieselben versuchten invitä Minerva sich zu derselben Höhe auszuschwingen, und ihr Kehlkops hatte dann das traurige Schicksal des Frosches, der sich zur Größe eines Ochsen aufblasen wollte. Die Ausbildung soll stets mit den mittel gelegenen Tonen ansaugen und es soll kein Versuch gemacht werden, den Stimmumfang zu vergrößern, bis die Töne in der messa di voce vollkommen beherrscht werden. Die meisten Lehrer pflegen die Stinuneu in erster Linie nach oben zu vervollkommneil, der gesunde Menschenverstand würde lehren, dieselben gleichzeitig nach oben und nach unten auszubilden. Eine Art tiefen Gebrülles, welches Garcia als Strohbaß bezeichnet (man hört denselben nur in den russischen Kirchen und im großen Raubthierhaus des zoologischen Gartens) verursacht bei den ersten Versuchen heftigen Husten imd pflegt bei dauernder Anwendung die Stimme vollständig zu Grunde zu richten. In neuerer Zeit hat die interessante Gruppe der russischen Sänger uns Gelegenheit gegeben, den Strohbaß kennen zu lernen. Ein wohlwollender Kritiker der ..Musical World-‘ wollte mich veranlassen, zwischen den ungewöhnlich tiefen Noten dieser Sänger und den im großen Raubthierhaus gehörten Tönen Vergleiche zu ziehen. Ich lehnte diese liebenswürdige Aussorderung ab, weil ich durch diesen Vergleich den slavischen Sängern zu nahe zu treten fürchten musste. Es ist allerdiilgs etwas Majestätisches im Gebrüll dieser mächtigen Thiere, das für mich etlvas überwältigendes hat und auch meinen Ohren durchaus nicht unmusikalisch klingt. Ich glaube jedoch, dass die Production derartiger Töne an das menschliche Stimmorgan unnatürliche Anforderungen stellt und aus die Dauer dasselbe meistens ruiniren wird. Der Strohbaß ist. kurz gesagt, eine Parforceleistung und übt daher gerade als solche eine große Anziehungskraft auf ein gewisses Publicum. Gleichzeitig mit der messa di voce soll der Schüler das Portamento üben, d. h. die Kunst, die Stimme von eurer Note aus die andere zu übertragen, anstatt mit derselben von Note zu Note zu springen. Porfcamento ist gewissermaßen eine Fahrt durch alle Noten, ein ununterbrochenes Gleiten durch die gesammte Tonreihe. Messa di voce ist der Grundstein des Kunstgebäudes, porfcamento seine Krönung. Es ist die physikalische Vorbedingung des künstlerischen Ausdrucks. Obgleich das Porfcamento eine vorzügliche Uebung für die Stimme ist, sollte es beim Vortrage so wenig als möglich in Anwendung gezogen werden. Gewohnheitsmäßig und kritiklos verwendet, veranlasst es eine Art Ebbe und Flut in der Tonprodnction, welche zuerst ermüdend, später geradezu unangenehm wirkt. Dieser Fchler wird im Sängerargot als ״Schaufeln" bezeichnet. Die Verzierungen sollen nicht früher studiert werden, bevor der Schüler diese Grundlagen vollkommen beherrscht. Triller, appeggiaturas, eadenzas und andere Verzierungen sind natürlich nothwendig: sie umgeben das trockene Gerippe des Gesanges mit lebendem Fleisch und fügen zu der Form die Farbe hinzu. Außerdem ist die Uebung dieser Meisterwerke der Kehlgeläufigkeit die einzige Methode, um die Vollkraft der Stimme zur Entwiche! u n g zu bringen und sie zu dem Grade von Glanz und Biegsamkeit zu erziehen, dessen fie fähig ist. Vom Hhgienischen Standpunkt ist über diese Seite des Gegenstandes, die ganz dem Ressort des Gesanglehrers angehört, nichts hinzuzufügen. Die Erziehung der Nesvnatorer Vars nicht versäumt werden, da eine verkehrte Verwendung derjenigen Theile, welche diese wichtige Funktion erfüllen, die Wirkung auch der schönsten Stimme beeinträchtigt. Bezüglich des Kehldeckels ist wenig zu sagen, denn über die Nolle, die derselbe bei der Tonbildung spielt, ist wenig bekannt und seine Bewegungen sind, mit seltenen Ausnahmen, vom Willen nicht abhängig. Mund und Nachenhöhte modifizieren den durch sie hindurchgehenden Ton wenig in der Klangfarbe, aber bedeutend in der Qualität. Nichtige Verwendung dieser Theile ist daher eine Grundbedingung des Singens. Jeder Vokal hat seine besondere Höhe; andererseits ist die Mundrachenhöhle ein Resonator, dessen Eigenton je nach seiner Größe und Form verschieden ist. Jeder Vokal fordert daher eine bestimmte Stellung der betreffenden Theile (Lippen, Mund, Zungen, Gaumen und Rachen), uni) wenn auch die Dazwischenkunft der Consonanten meistens eine ganz genaue Einstellung der Resonatoren vereitelt, so sollte man doch stets den Stand- Punkt der Correctheit im Auge behalten und demselben so nahe als möglich zu kommen versuchen. Durch richtige Anwendung der erwähnten Theile kann nicht nur die Feinheit und Fülle des Tones, sondern die Klangfarbe der Stimme selbst zum Vortheil verändert werden. Manche Süngerstimmen sind beim Sprechen rauh und unangenehm, werden aber weich und mächtig beim Gesang, ihrem eigentlichen Element. Jeder Vokal soll vor dem Spiegel sorgfältig geübt werden mit besonderer Berück- , sichtigung der Lippenstellung und der Weite der Mundspalte. Kleine Chronik. Wicir. Unter den neuernannten Mitgliedern des Herren- Hauses finden wir auch zu unserer Genugthmmg Freiherrn von Oppenheimer, welcher einer hervorragenden jüdischen Familie entstammt, deren Ahnherr schon vor Jahrhilnderten dem Kaiser- Hause und dem Staate hervorragende und unvergessene Dienste geleistet hat. Wir zweifeln nicht, dass die Wirksamkeit des neuen Pairs eine den Traditionen seiner Familie entspechende sein werde. Ludwig Freiherr v. Oppenheimer winde im Jahre 1843 in Leipzig geboren, wo er auch an der Universität nationalöconomische Studien betrieb. In der Folge wendete er sich landwirthschaftlichen Studien 31t und prakticirte auf den Gütern des Herzogs von Braunschweig. Im Herbst 1866, fast gleichzeitig mit dem Freiherrn v. Beust, mit dem er in innigen, freundschastlichen Beziehmrgen stand, kam Herr v. Oppenheimer nach Oesterreich; hier erwarb er die Staatsbürgerschaft und übernahm die Herrschaft Klein-Skal in Böhmen. Seit dem Jahre 1873 gehört Herr v. Oppenheimer dem böhmischen Landtage ununterbrochen und dem Abgeordnetenhause als Vertreter des Großgrundbesitzes an. In beiden Körperschaften war er ein verlässlicher Genosse der liberalen Partei. Durch sein conciliantes Wesen und seine guten Umgangsformen verstand es indess Herr v. Oppenheimer, sich bei allen Parteien Beliebtheit und Ansehen zu erwerben. So gieng er auch seit dem Jahre 1885 aus dem Wahlkreise Reichenberg des böhmischen Großgrundbesitzes immer als Compromiss-Candidat beider Parteien hervor. Wiederholt nahm Herr v. Oppenheimer auch an den Verhandlungen der Delegation theil, und hier wurde von ihm insbesondere die Frage der Verbesserung der Mannschaftskost angeregt und immer wieder in Erinnerung gebracht. Auch durch einige politische Schriften hat sich Herr v. Oppenheimer hervorgethan, insbesondere durch die Brochüre ״A.nstriacau während der Aera Taffe. Freiherr v. Oppenheimer wird sich der Verfaffnngs- Partei des Herrenhauses anschließen.

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