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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-21 · Heft 3 (21.1.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 3 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 3. W e niger w ä r e m e h r! Das gilt vor allem von unserem Gottesdienst mit seinen zahllosen Gebeten, deren unendlichen Wiederholungen, den vielen Festen. Man klagt, dass die Gottes- Häuser leer sind, dass es trotz der schönen Gesänge, trotz der Orgelklänge, trotz der eingeschobenen deutschen Gebete, trotz der geistvollen Predigten, an Besuchern, und selbst unter diesen an Andächtigen fehle. Ist diese Klage begründet? Za und nein! Sie nimmt ab und stirbt aus, die Verhältnismäßig kleine Zahl — der Ueberrest, wie es in anderem Sinn in Vielen Gebeten unzutreffend von den jetzt gegen einst an Zahl gewachsenen Glaubensgenossen heißt — der gewohnheitsmäßigen, alltäglich Früh und Nachmittags, oder auch nur allfabbathlich die Synagoge Besuchenden. Viele von ihnen mögen es aus innigem Drange, mit herzlicher Befriedigung gethan haben und thun. Aber zunimmt in geometrischem Vechältniße die Zahl der Fernbleibenden, und auch von ihnen mögen Viele aus innerem Drange und mit herzlicher Befriedigung fernbleiben. Denn sie finden sich dort kalt oder kühl berührt. Zuerst von der hebräischen Sprache. Sie ist nicht die ihre, nicht die unsere. Geschichtlich ist sie erklärlich, wissenschaftlich berechtigt. Aber so wenig der christliche Religionsschüler griechisch lernt, so wenig in deutschen Kirchen griechisch gebetet wird, obschon das neue Testament in dieser Sprache abgefasst ist, so wenig den Protestanten die lateinischen Litaneien der Katholiken ansprechen, so wenig passen für uns Deutsche jüdischen Bekenntnißes jetzt noch hebräische Gebete. Und es ist nicht blos die unfern Herzen fremde Sprache, in der Kindheit mit Mühe erlernt und meist bald wieder vergessen, die uns amnuthet, wie eine Verkleidung, wie eine phantastische Rück- Versetzung des Geistes in ferne Jahrtausende, die uns ansinnt, unsere Gefühle und Gedanken in das Prokrustesbelt einer längst vergangenen Zeit und Sprache einzuzwängen — es sind auch viele der in dieser Sprache überlieferten Gebete, die zurückschrecken. Die Probe darauf bieten die wörtlichen Uebersetzungen, bieten viele, im hebräischem Gebetsstyl verfasste deutsche Gebete, z. B. die für den Freitagabend- und Sonnabend-Gottesdienst bestimmten im Joel'schen Gebetbuch, die wie kalte Wasserstrahlen auf den Hörer wirken. Was sollen ״die heut hierher kamen um Gotteswort zu vernehmen" aus der Vorlesung eines Bibelabschnittes über Opfer an ״guten Vorsätzen" für's Leben mit nach Hause nehmen, wie lässt sich solches Gebet rechtfertigen? Fürwähr, man mochte Savignys bekanntes Wort über, moderne Gesetzgebungsknnst auch auf moderne Gebetsverfassnngskunst anwenden! Aber der Grund für diese Schwierigkeit liegt tiefer: Gebete für unsere Zeit müssen kurz, modernen Empfindungen angemessen sein. Sind das viele unseres alten, auch in Neubearbeitungen beibehaltenen Gebetbuchs? Neben schönen, ehrwürdigen, innigen Gebeten finden wir da solche, die unserem Empfinden zuwiderlaufen. Ich spreche nicht blos von den Opfer- und Rückkehrgebeten, obwohl dieselben in vielen der neueren Gebetbüchern nur halb, nur theilweise beseitigt sind — ein Beweis dafür, dass das ganze hebräische Gebetbuch von der Sehnsucht nach dem altpalästinensischen Tempel- und Opferkult durchweht ist, mit ihr steht und fällt. Ich spreche auch nicht blos von der, diesem alten Gebetbuch eigenthümlichen und daraus gleichfalls in Neubearbeitungen nur stellenweise, nicht gänzlich beseitigten Berühmung mit der Erwählung — einem Chauvinismus übrigens, der in ähnlicher Weise auch im alleinseligmachenden Katholicismus, in der orthodoxen protestantischen Auffassung, dass ohne Christi Blut und Gnade Keiner selig werde, zu finden ist. (Schluss folgt.) Sprechen und Singen. Der wichtigste Punkt für die Erziehung des Kehlkopfes besteht darin, die Reinheit des Tones durch genaue Einstellung der Stimmbänder zu sichern. Jeder Ton muß mit vollkommener Das Blntmärchen auf Probe. (Orig. 33er.‘ des ״Neuen Wr. Tagblatt".) Der Vorfall, den wir im Nachstehenden erzählen, ist ein ein kleines Schulexempel, und zwar ein Exempel aus der Schule des Mechanikers Schneider. Dieser Herr ist ja bekanntlich Specialist auf dem Gebiete des ״rituellen Mordes", welchen er den Juden anzudichten versucht, und der im Folgenden mitge- Heilte kleine Zwischenfall, wenn er auch eines komischen Anstriches nicht entbehrt, ist ein Beweis dafür, dass die Nichtswürdigkeit Schule macht. Derselbe gehört, wenn man sich auch weiter nicht darüber zu echauffiren braucht, zu den abscheulichen Miasmen, welche aus dem Pfuhl der antisemitischen Hetze aufsteigen. Eine Frauensperson hat einem jüdischen Geschästsmanne ein Kind zum Kaufe angeboten, und zwar ״z u m A b s ch l a ch t e n", und als ״der Jud", wie Herr Schneider sich auszudrücken Pflegt, sie arretiren ließ, sagte sie, dass sie das Anerbieten nur probeweise gemacht habe. Wenn der Jude darauf eingegangen wäre, hätte sie ־ ihn angezeigt. Also ein Blutmärchen auf Probe, eine Art antisemitischer ״Probekuss", aber nicht witzig und nicht originell,! sondern perfid, gemein und dumm. Die interessanteste Frage! aher geht wohl dahin, wer dahinter steckt, wer diese ״Versuchung" - veranlasst uns in Scene gesetzt und wer die Frauensperson geschickt hat, von deren Handlungsweise wir im Nachstehenden berichten: Vorgestern Nachmittags gegen 1A4 Uhr erschien in dem Geschästslvcale des in der Brigittennau, Othmargasse 12 etablirten Gemischtwaarenhändlers Nathan Neumann ein circa zwanzigjähriges, nett gekleidetes Mädchen und verlangte um 5 kr. Butterbrot. In dem Geschäfte war nur Frau Neumann anwesend; sie verabreichte der Fremden das Gewünschte, allein die Frauens- Person verließ darauf nicht das Local, sondern meinte im Flüstertöne: ״Könnte ich nicht vielleicht mit Herrn N e u m a n n sprechen?" Frau Neumann war über diese Bitte etwas erstaunt, doch sie rief ihren Gatten, der sich in einem Nebenraume befand. Herr N e u m a n n kam und fragte die Fremde um ihr Begehren, doch diese zögerte, mit einem Blicke auf Frau Neu mann, zu sprechen, und erst als Herr Neumann die Kunde in sein Wohnzimmer geführt hatte, in dem sich Niemand befand, wurde die Fremde redselig. Und nun entspann sich ein seltsames Gespräch. ״Geben Sie mir Ihren Handschlag, dass Sie verschwiegen sein werden!" begann die Fremde, und als Herr Neumann ihr thatsächlich Verschwiegenheit versprochen hatte, fuhr sie fort: ״Es hat hier im Hause ein Fräulein Tula gewohnt, das mir erzählt hat, dass Sie ihr ihr Kind um dreihundert Gulden abkaufen wollten. Die Tula mag das aber nicht, denn ihre Quartierfrau, die Frau Mach ul a, meint, dass um das Kind Schade sei. Ich aber habe ein Kind von vier Monaten, wollen Sie es?" Verblüfft hörte Herr N e n in a u n die Worte der Unbekannten, dann aber fragte er: ״Ja, was sollte ich denn mit dem Kinde machen, da ich ja ohnehin schon genug Kinder habe?" . . . Das Mädchen lachte. ״Was Sie mit dem Kinde machen sollen? Nun — abschlachten! Die Tula hat mir gesagt, dass Sie nur deshalb ein kleines Kind suchen, um es abzuschlachten. Nehmen Sie meines. Ich hab's in der Kost und mein Vater weiß ohnehin nichts davon." Herr Neu mann wusste nicht, ob erwache oder träume. Nach einigen Augenblicken der lleberlegung kam er zu der lieber-

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