Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1895)
- Date
- 1895-01-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitnng. Seite 3. Damit wollen wir durchaus nicht die Juden abhalten, sich in politischer Hinsicht jener Partei anzuschließen, die ihnen in czechtschen oder deutschen Gegenden die Verhältniße gebieten; aber jüdisch-religiöse Erziehung und Unterricht der Jugend soll und darf dem Moloch Politik nicht geopfert werden. __ Nemo! Fromme Wünsche. Von R.-N. Emil Lehmann in Dresden.*). Seit Jahrzehnten wird die Frage behandelt: soll die nothwendige Reform des Jndenthums, der Gebete, des Gottesdienstes, bei der Jugend beginnen oder bei den Erwachsenen? Namhafte Männer vermeinten, sie können mit der Religionsschule anfangen und bildeten sich wirklich ein, sie hätten dort durch einen freisinnigen Religionsunterricht den Grund gelegt für eine Neligionsanschauuug des Heranwachsenden Geschlechtes, in nwderner zeitgemäßer Richtung. Das Geschlecht wuchs heran, der Gottesdienst blieb in der Hauptsache, von kleinen Abändernngen abgesehen, beim Alten, und infolge davon nahm die Zahl seiner Theilnehnier mehr und mehr ab. Sagt man: hinweg mit den hebräischen Gebeten, der deutschgeborene, mit den ersten Mntterlauten im deutschen Vaterlande deutsch zu hören und zu sprechen Gewöhnte, kann nnmöglich das, was ihm das Herz ins tiefste bewegt, was sein sittliches, sein religiöses Empfinden kundgeben soll, wahrheitsgemäß und in sich selbst überzeugender und ergreifender Weise anders als in deutscher Sprache von sich geben und auf sich wirken lassen: wird dagegen — hier auf die Alte n, dort auf die Jungen hingewiesen. Auf die Altenj weil sie an das Hebräische gewöhnt seien und ihnen dessen Beseiligitng etwas Liebgewordenes, Altgewohntes, in der Kindheit Anerzogenes nehmen würde; auf die Jungen, weit ihnen die geforderte Beschränkung des Religionsunterrichtes auf Deutsches, der gewünschte Ausschluss des Hebräischen die Möglichkeit entziehe, mit Verständnis am Gottesdienst der Alten theilzunehmen. So bewegt man sich in dieser, wie in anderen, das Judenthum betreffenden Fragen fortwährend im Kreise, kommt nicht von der Stelle, weil man die einander widersprechendsten Einwendüngen geltend inacht und durchsetzt. Das trifft, wie bei der Gebetsprache, auch bei dem Gebetinh alt, bei der geschichtlichen Auffassung des Judenthums zu. Der gebildete, denkende und mit den Ergebnißen der Religionswissenschaft wohlbekannte Lehrer und Prediger wiirde sich vor seinem wissenschaftlichen Gewissen scheuen, die sogenannte heilige Schrift, diese Sammlung der erhabensten Geistesschätze der Welt, als Gottes Wort, als göttliche Offenbarung, und nicht vielmehr als Meuschenwerk, als Reste einer tausendjährigen Litteratur anzusehen. Er würde im Gespräch mit Berufsgenossen, in wissenschaftlichen Arbeiten Bedenken tragen: Moses als den Verfasser der nach ihm benannten fünf Bücher, König David als Dichter der Psalmen, König Salomou als den des hohen Liedes, als llrheber des Predigers und der seinen Namen tragenden Sprüche zu bezeichnen, n. s. w. Aber — auf der Kanzel, in der Religionsschule, da klingt es sofort anders. Da wird derselbe Grund betont, der vorhin hervorgehoben ward; dass die Alten von Kindheit auf *) Populkr-wissclischaftlichcs Monatsbl. Frankfurt a. M. Nicht weil wir den Anschauungen des Autors beipflichtcn, sondern nur, um zu zeigen, auf welche Weise man in den ^Kreisen der deutschen Neformjudcn den religiösen Sinn zu heben glaubt, reproducircn wir den obigen Artikel. Die Red. gewöhnt sind, von der Göttlichkeit der Bibel zu hören und dass man die Jungen den Alten nicht entfremden dürfe. Oder es wird auch das klngscheinende Wort gesprochen: ״nehmt den Kindern, dem Volke nicht die Poesie, lasst ihm das Traum- und Phantasieleben der Kindheit; sie haben ihre naive Freude au den kritiklosen Fürwahrhalteu alles dessen, was seit Jahrtausenden geglaubt ward: stört sie nicht darin und überlasst es ihrem eigenen Nachdenken, wie die höher Veranlagten von ihnen sich mit der Zeit vom alten Kinderglanben zur reineren Anschaunng entwickeln." Das sind oft gehörte, vielbefolgte, höchst gefährliche Grundsätze, die sich von den Doetrinen eines mit Recht verpönten christlichen Ordens in Nichts unterscheiden. Religion ist das heiligste Empfinden des Herzens, das tiefste Denken des Geistes. Ihr ist Wahrheit die erste Regel, Wahrheit — allerdings Vielen ein relativer Begriff, allerdings oft bitter, und schwer zu erfüllen, Nicht immer und überall liegt klar auf der Hand, was Wahrheit ist. Es mag richtig sein, dass man beim Unterricht vorsichtig verfahren, dass man z. B. vermeiden muß, dem Kinde Einblicke in Dinge zu geben, die es noch nicht ver stehen kann, noch nicht kennen soll, deren vorzeitige Kenntnis ihm schädlich sein wiirde. Das würde sich auch vor! Wahrheiten auf religiösem Gebiete sagen lassen, soweit es sich um philosophische Feinheiten, um bestrittene Fragen handelt. Aber d i e einfachen Wahrheiten, die sich dem Kinde bei nur einigem Umblick und Scharf- oder Spürsimt sofort ergeben: die der Nicht- Übereinstimmung biblischer mit naturgeschichtlicher Darstellung, biblisch wie talmndisch vorgeschriebener Bräuche mit häuslicher Uebuug, die Wahrheit der Wiederkehr altgriechischer Bolkssagen in den Büchern der Richter und Könige — die sollten nicht verschwiegen werden, wenn der Religionsunterricht das fein soll, was er sein muß: ein sittlicher, das Herz erhebender, den Kopf befriedigender, für's Leben nachhaltig wirkender. Aller Orten fast müht man sich in Lehrerkreisen mit die Frage: wie ist der jüdische Religionsunterricht einzurichten? Ec ist von selbst auf nur wenige Stunden beschränkt, ans äußeren Gründen, weil die Schule im klebrigen die volle Zeit in Anspruch nimmt; aus inneren, weil hier weniger mehr ist, weil der Religionsunterricht, der dem Kinde seine Mußestunden entzieht, ihm dafür Ersatz geben muß durch die innere Freudigkeit, die er ihm in seinem Stoff, seiner Form — und nicht zuletzt in seiner weisen Beschränkung — der Zeit, auch im Verzicht auf Gedüchtniswerk und auf Hausaufgaben bietet. Bei dieser nothgedrungenen Beschränkung auf wenige Stunden kann der jüdische Religionsunterricht wohl gedeihlich wirken, wenn er das Hebräische ganz ausschließt, den Hanptton ans die Sittenlehre legt, deren Quellen ja in Propheten und Sprüchen der Väter so reich fließen, ans der Bibel nur die schönsten, sittliche Belehrung bietenden Abschnitte gibt, und für das reifere Alter jüdische Geschichte — unter vorzugsweifer Betonung der Cnltnrgeschichte — und jüdische Alterthnmsknude hinzufügt. So kanu dem heranwachsenden Gefchlechte nachhaltig Liebe zum Judenthum und Sinn und Verständnis für dasselbe eingeflößt werden, so wird ihm die Ueberzeugung eingeprägt, wie das Judenthum keine in seinen sagenhaften biblischen Uebertiefernngen, keine in seinem ersten Reformwerk: dem Talmud, abgeschlossene, sondern eine im Laufe der Jahrtausende ans den Cultnren aller Zeiten zu intmer höherer Feinheit fortentwickelte, allerdings schon vor und zu der Entstehungszeit des Christeuthums auf Gott ei uh eit, Sittlichkeit und Menschenliebe festbegriindet gewesene Religion ist.