Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-21 · Heft 3 (21.1.1895) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 3 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453335-3453338--4192-3458627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Scirc 2. erreichisch-ungarlschc *£-11110re11־<£)eiiu1kj. iKi. 3. I Da ist in letzter Zeit Zu diesen Ucbelständen noch ein neuer gekommen. Vor etwa einem Jahre wurde ein Verein Zur Czechisierung der Juden gegründet, allein die Regierung hat diesem Vereine den Lebenssadeu abgeschuilten, indem sie ihn anslöste. Die Herren hatten aber ihr Treiben nicht ansgegeben, sie wechselten nur die Arr und Weise des Kampfes. Sie gründeten ein Organ Cesko zidovske listy betitelt. Dasselbe erscheint vorläufig nur zweimal monatlich. In diesem obskuren Blättchen werden alle jene Cultusgemeinden, Vorstände und Private, die sich nicht mit Gewalt czechisieren lassen wollen, vor der Oesfentlichkeit an den Pranger gestellt und ihr Patriotismus in Zweifel gezogen. Ganz besonders haben es diese Herren gegen die cvnfessiouelle deutsche Volksschule abgesehen. Sie, die von Erziehung und Unterricht so viel wissen, wie der Blinde von den Farben, sie, die vielleicht jüdische Erziehung nennen, am Sabbath mit der Cigarre im Gasthause bei einem guten Schw—braten zu fitzen? sie wollen um jeden Preis die cousessionelle Schule von der Erde vertilgen, blos deswegen, weil sie deutsch ist, ohne an deren Stelle etwas anderes, besseres zn setzen. Welchen Schlag sie dem Judenthume in Böhmen versetzen, bedenken diese Leute nicht. Mein Gott, sollen doch unter ihnen manche sein, die das Kadischgebet nach ihren verstorbenen Eltern nicht im Tempel recitieren können, sie haben, im Dorfe geboren und erzogen, erzogen unter Andersgläubigen, nie Gelegenheit gehabt, eine confesfionelle Volksschule auch nur von Außen kennnen zu lernen, sonst müssten sie wissen, dass der Zweck derselben vornehmlich der ist, das jüdische Kind von 6—11 oder 12 Jahre j ndi s ch religiös-sittlich zu erziehen, was bei der allgemeinen öffentlichen Volksschule durchaus nicht der Fall sein kann, weil der Zweck der Volksschule früher wohl eine sittlich-religiöse Erziehung war, aber auf Andrängeu gewisser Elemente wurde die religiöse, d. h. katholische Erziehung vorangestellt. Das weiß Jeder, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, dass ein katholischer Lehrer kein jüdisches Kind jüdisch-religiös erziehen kann und mag. Ueber die religiös-sittliche Erziehung jüdischer kleiner Kinder in öffentlichen Schulen könnten wir den Herren Patentirten Pattioten haarsträubende Geschichten erzählen. So hatte ein jüdischer Knabe von 10 Jahren, der in einem kleinen Orte lebend, nicht Gelegenheit hatte, eine confessionell-jüdische Volksschule zu besuchen, sondern die allgemeine öffentliche Schule besucht, uns mit dem Gruße: ״Gelobt sei ... ." begrüßt, und als der Religiouslehrer, der erst wenige Tage vorher den obliguten Religionsunterricht 2 Sttmden wöchentlich begonnen, ihm das verwies, antwortete der Knabe: Der Herr Lehrer habe es den Schülern im Allgemeinen geboten, und er wusste nicht, dass das nicht sein sollte. Damit ist noch lange nicht das Capitel über die Ignoranz der Jungen und Alten in religiöser Beziehung erschöpft. Was soll da für eine jüdische Jugend aufwachsen, was soll der tüchtigste Religiouslehrer in zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden leisten? — Das alles tangiert die Herren Pattioten nicht! Ihnen ist die deutsche Sprache, die sie selbst zwar gut erlernt haben und ebenso gut sprechen als schreiben, jetzt ein Dorn im Auge, oder eigentlich Mittel zum Zwecke, die Juden in das jungczechische Lager zu treiben. Wir achten jede Ueberzeugung, ob jenmud sich zu dieser oder jener Nationalität oder politischen Partei zählt, aber es darf Niemandem eine poliüsche Ueberzeugnug octtoirt werden, und ganz besonders soll die confessionelle Volksschule mit der politischen Partei nichts zu schaffen haben. Sie mögen es wagen, einer israelitischen Cultusgemeinde in Ungarn das Ansinnen zu stellen, ihre Volksschule aufznlösen und behufs Assimilation die jüdischen Kinder in die öffentlichen Volksschulen zn senden, dort würde man diesen Herren unsanft die Thüre zeigen, aber bei uns in Böhmen, wo der Jndifferentismus alles beherrscht und wo sich jeder Einzelne fürchtet, geschäftlich geschädigt zn werden, weil die Namen der Cultusgemeinden und deren Mitglieder, die sich der" Auflösung der israelitischen Volksschule widersetzen, in dem Czechisirnngs- Organ ״t'68ko -.'!dovsks listy״ an den Pranger gestellt werden, wird einfach eine Vollversammlung der C'.lltnsgemeindemitglieder einberufen, ein Emissär ans Prag erscheint in der Versammlung, zu der ad majorem Cechiae gloriam der Bürgermeister, Landtags- und Reichstags-Abgeordnete und sonstige Honoratioren des Ortes geladen wurden, und hält eine fulminante Rede gegen die confessionelle Schule, die es verhindert, dass sich die Inden in . . . nicht assimiliren können. Die guten Herrn wollen sich assimiliren! Mit wem? Man weist uns ja überall die Thür und doch drängt sich eine vorwitzige Minorität der Majorität auf, die uns nicht mag. Sind die Herrn wirklich mit Blindheit geschlagen? Wo war der Jude mehr deutsch als in deutschen Städten und Dörfern?! Es gab keinen Verein, in welchem nicht die Juden Geld, Zeit und Mühe opferten, und was geschieht? Sie werden einfach hinauscomplimentirt, man braucht sie heute nicht mehr. Seinerzeit wurden die israelitischen Lehrer an den deutschen Schuten die zerstreute Wacht des Dentschthums au der Moldau, Beraun, Sazawa u. s. w. genannt, aber kein Finger regte sich je, etwas zn Gunsten dieser ärmsten der Armen, dieser Parias und Heloten der. bürgerlichen Gesellschaft zn thun. Der Freiheitsrausch ist vorüber und reaktionär klingt der Ruf: Judeureiu. Glauben die Herren, dass es in czechischen Vereinen besser ist? Sie mögen hinausgehen und hören, wie man z. B. keinen Inden in einen Sokolverein aufnimmt, ja nicht einmal zu einem Balle ladet. Wünschen die Herren Namen, wir werden ihnen dienen. Wir könnten dieses Capitel sehr — sehr weit ausdehnen, allein sapienti sat! Und in der gegenwärtigen Strömung, wo man dem Inden den Erwerb nach allen Seiten erschwert, siehe die letzten Gewerbegesetze im Reichsrathe, will man dem Inden noch die Möglichkeit nehmen, die deutsche Sprache zu erlernen? Soll der Jude nicht einmal Eorporal werden können, höchstens Nacht- Wächter in einem böhmischen Dorfe, wenn nämlich ein Jude es werden könnte. Während die czechischen Eltern ihre Kinder in deutsche Familien tauschen, während die czechischen Führer ihre Kinder nach Leipzig, Berlin, Frankfurt u. s. w. zur Erlernung der deutschen Sprache senden, soll der arme Judenknabe hiezu keine Gelegenheit haben. Der Reiche wird sich Hauslehrer halten oder sein Kind in die Fremde geben, nur dem armen Juden soll dieser Patriotismus anfgepfropft werden auf Kosten seiner Widerstandsfähigkeit in Handel und Gewerbe, er soll an die Scholle gebunden werden. Nun, jüdische Eltern in Böhmen, ist das euer Streben für euere Kinder, glaubt ihr, dass euere Kinder nicht jüdischreligiös sittlich erzogen werden sollen, glaubet ihr, dass sie die Kenntnis der deutschen Sprache als Advokaten, Aerzte, Buchhalter, Lehrer oder Geschäftsleute nicht brauchen, so thut den Patentirten Patrioten den Gefallen und löseteure jüdischen Volksschulen auf, wo nicht, so weiset den Wölfen im Schafspelz die . Thüre! — Aber energisch! I •I il I ,4 B

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.