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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-21 · Heft 3 (21.1.1895) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 3 (21.1.1895)
Date
1895-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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OesterreichisclMingarische Pränumerations-Preis. FüEantorLrrn.Cultusbeanlte in Vefirrrrich-Nngarnr Ganzjährig.fl. •1.— Halbjäbrig.fl. 2.— FürEknrtorrnu.CnUusbrainte im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Prioatr und Instikulr Ganzjährig.fl. 6.— Central-Organ für die Interessen der Cantoren und Cultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor iaeok kauvi׳. Rrdartion und Administration Wien Jf., Novaragajfe Nr. 27. Insernte werden billigst berechnet. | Manuskripte werden nicht retournirt.! Nbmrnemrntsu. Insertion»- betrüge find in Wien zahlbar. Nr. 8. Wien, 21. Jänner 1895. Böhmische Zustände. Vor dein Jnslebentreten der sogenannten neuen Cultusordnung herrschten bei uns Misstünde und Uebelstünde, die jeder ״Beschreibung spotteten. Böhmen zählt an 100.000 jüdische Einwohner, es gab wohl eine große Zahl von sogenannten Cultusgemeinden auf dem Papiere, die aber jeder gesetzlichen Grundlage und deshalb auch der materiellen Mittel zur Führung und Erhaltung einer Cultusgemeinde eiltbehrten, denn nur derjenige, der sich freiwillig herbeiließ, einen Cnltusbeitrag zu leisten, that es; wer sich hiezu nicht freiwillig entschloß, für den gab es keinen Zwang. So war es möglich, dass die Hälfte sämmtlicher Juden in Böhmen, besonders die in kleinere׳.! Orten zerstreut lebenden, zu keiner Gemeinde gehörten und auch nie einen Kreuzer an Cultnsbeitrag leisteten. Nun wurden sie aber mit oder ohne ihren Willen einer Cultusgemeinde zugetheilt und sollen an deren Lasten participiren, dazu wollen sich diese Leute nicht verstehen. Eine Anzahl von Reenrseu sind deshalb bei den Behörden anhängig. Mitunter ergötzliche Szenen — wenn sie nicht zu traurig wären — spielen sich da ab. Der Süden Böhmens, der ehemalige Taborer und Budweiser Kreis, ist sehr reich gewesen an solchen Duodezgemeinden von 10—20 Fiamlien. Die Vorstände überliefen die Behörden mit der Bitte, ihnen ihre Selbstständigkeit zu erhalten, und so geschah es auch. Es wurden sehr viele Cultusgenieinden creirt, die beit Keim der Lebensunfähigkeit in sich trugen, trotzdem ihnen so und so viele Dörfer als Sprengel zugewiesen wurden. Von den vielen Curiosa seien hier blvs zwei angeführt. In K. R. einer alten Gemeinde wurde der Sitz einer Cultusgemeinde bestimmt und derselben nahezu ein ganzer Gerichtssprenget zugetheilt, wo fast in jedem Dorfe 1—2 und selbst mehr Juden wohnen. Als es aber zum Zahlen kam, da wollten sich die guten Leute, die bis dahin keinen Kreuzer entrichtet hatten, hiezu nicht verstehen; sie recurrierten u. s. w., der Vorstand besaß nicht die genügende Energie, und so zahlten und zahlen sie bis heute nichts. Da nun der angestellte Rabbiner, resp. das Mädchen für Alles, keinen Kreuzer Gehalt bekommen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als den Wanderstab wieder zu ergreifen und weiter zu ziehen. Die Leute haben erreicht, was sie wollten: keinen Functionür, daher auch keine Beiträge. In K. . . wird vom Ministeriunt gleichfalls der Sitz einer Cultusgemeinde bestimmt und derselben 2—3 solcher Gemeinden zugetheilt. Was geschah aber? Da in K. . . nur wenige bemittelte Familien wohnen und die kleinen ehemaligen Gemeinden es nicht verwinden konnten, dass sie als solche zu sein anfgchört, anderseits aberbesorgt-wareu^-sie würden jetzt größere Beiträge an die Cultusgemeinde K. . . zahlen müssen, einigten sie sich bei der Wahl des Vorstandes dahin, dass der Vorsteher, dessen Stellvertreter, der Cassier und noch 1—2 Mitglieder in den kleinen Gemeinden domieilieren. während in der Hauptgemeinde blos 1 Mitglied des Vorstandes wohnt. In den bisherigen kleinen Gemeinden haben sie ihren Vorbeter und Religinoslehrer, die Hauptgemeinde aber — Niemanden. Die Behörden kümmern sich nicht darum, und aus eigener Jnitiative thut der Vorstand Nichts. Ich könnte, noch eine ganze Reihe solcher Curiosa erzählen, es dürften aber diese zwei genügen, den Jndifferentismus, wie er besonders in Böhmen slorirt, zu kennzeichnen. Wie es mit dem Religionsunterrichte in den böhmischen Gemeinden, in dem größten Theile derselben und besonders in diesen kleinen bestellt ist, — ist jedenfalls ein trauriges Blatt der Geschichte der Juden in Böhmen. Bis vor wenigen Jahren unterhielt jede israelitische Cultusgemeinde in Böhmen ihre confessionelle Volksschule mit deutscher Unterrichtssprache, nun hat auch für diese die letzte Stunde geschlagen. Große, 100—300 Mitglieder zählende Gemeinden, z. B. in P. . ., lösen die Schulen auf, wegen der großen Erhaltungskosteu, die diese Gemeinden nicht aufzubringeu vorgeben. Aber Tempel in allen bekannten und unbekannten Baustylen für Hunderttausende werden erbaut und erhalten, Doctor-Rabbinen angestellt, die alle vier Wochen vor zumeist Halbleeren Bänken Predigten halten, aber um das eigentliche Arkanum des Jndenthums, religiöse Erziehttng und Religionsunterricht der Jugend, sich gar nicht kümmern. Sie haben andere Arbeit : den Rabbinerverband und die Verfolgung der armen Geschöpfe, Neurabbiner genannt. Woher soll da Hilfe kommen? Die Gemeinden und ihre Vorstände indifferent, und die Herren Rabbiner!!

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