Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1895)
- Date
- 1895-01-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarifche Lantoren-Zeitung. Nr. 2. Vorderwand genug Platz für das herabsteigende Zwerchfell ist. Durch die italienische Methode wird die Athemverschwendung verhindert und mit geringer Kraftanstrengung mehr erreicht. Auch die nur oberflächliche Beobachtung lehrt, dass vor größeren Anstrengungen bei der Einathmung der Oberbauchraum eingezogen wird. Der Taucher, der ins Wasser gehen will, der Fechter, der einen mächtigen Hieb führen will, zieht instinctiv die Bauchwand ein und stellt sie fest. Die biblische Phrase: ״Die Lenden gegürtet" ist vielleicht eine bildliche Umschreibung dieser instinktiven Handlung, durch welche die Bauchgegend ebenso wie durch den im Orient allgemein verwendeten Gurt oder Gürtel festgestellt wird. Dieses Kleidungsstück unterstützt die sestgestellte Bauchwand und bewirkt daher künstlich die Ver- Hinderung der Luftverschwendung. Aus persönlicher Erfahrung füge ich noch hinzu, dass die italienische Methode von einem großen Theil der ersten Sänger, welche zugleich eine überaus vollkommene Controle über ihre Athmung haben, angewendet wird. Kleine Chronik. Wien. Die am 31. December 1895 festgesetzte Ziehung der Gold-, Silber- und Effecten-Lotterie zu Gunsten der Erbauung eines Tempels im VIEL Bezirke der Stadt Wien, musste, da noch eine große Anzahl Lose ausständig sind, verschoben werden. Die Ziehung wird unwiederruflich am 26. März 1895 stattstnden. Wien. Sonntag, den 13. Jänner, 4 Uhr Nachmittags findet im israel. Blindcn-Jnstitute auf der hohen Warte eine Gedächtnisfeier für den verewigten Freiherrn Jonas von Königswarter statt. Wien. Die Antisemiten nahmen die Debatte im nied.- österreichischen Landtage über die Verpflegskosten am allgemeinen Krankenhause zum Anlass, uni gegen die Wiener Universität, namentlich aber die medizinische Facuttät, an welcher ihnen einige jüdische Professoren ein Dorn im Auge sind, loszuziehen. Der Abgeordnete Gregorig verstieg sich sogar zu der Frechheit, die Wiener Hochschule ein ״Mauscholeum" zu nennen, dass an einem ״Nothnagel" hängt. Da erhob sich der Rector Magnificus, Theologieprofessor Dr. Müllner, zu einer flammenden Entgegnung, die den Antisemiten eine wohlverdiente herbe Züchtigung brachte: ״Ich bin der schlichten Meinung" sagte der Rector, ״dass man Dinge, über die man spricht, vorher gelernt haben muss. Zu meinem Erstaunen mußte ich heute hören, dass es genügt, Abgeordneter zu sein, um über sämmtliche vier Facultäten hier in einem einzigen Satz ein Urtheil abzugeben, ein Urtheil, dass obendrein in ein Witzwort gekleidet war, von dem ich als Professor der Philosophie, der ich auch Aesthätik vorzutragen habe, nur das Eine sage: Es scheint mit wenig geschmackvoll. Es wurde gesagt, unsere Universität soll zu einem ״Mauscholeum" herabgesunken sein. Ich bin seit zwanzig Jahrei: katholischer Priester. Der Landtag wird ja Gelegenheit haben, meine streng und entschieden katholische Ueberzeugung hier zu hören. Aber, dass die Herren, sie mögen dieser oder jener Confession augehören, diese oder jene Wissenschüft vertreten, sie mögen sich zum Christenthum so oder anders stellen, pauschaliter so behandelt werden, und zwar in Betreff ihrer wissenschaftlichen Leistungen, das muss ich ablehnen, und ich scheue mich nicht zu sagen, dass ich dem ganzen hohen Landtage die Competenz zu einem solchen Urtheile abspreche. Ein College wurde mit Namen genannt, Professor Nothnagel. Die Affaire, die sich an seinen Namen knüpft, braucht hier nicht besprochen zu werden. Nachdem aber diese Aeußerung geschehen ist, in Bezichung zu einem Schlagworte des Tages, möchte ich als katholischer Gelehrter noch Eures bemerken. Ich glaube, Dante war vielleicht ein Christ. Ich bitte, seine ״Göttliche Komödie" einzusehen und die Aeußerung Dante's über einen Juden, über Aveross, dort zu lesen. Dante war ein großer Geist und Thomas von Aquino war ein Mann von großem Adel und er war auch ein Heiliger. Die Aeußerungen, die von solchen Männern auch über jüdische Gelehrte gefällt worden sind, sind im Tone ganz anders gehalten, auch dort, wo eine Zustimmung unmöglich ist. Ich bin jedes Jahr in der Noth- Wendigkeit, den Spinozismus zu bekämpfen und ich sage es hier, vor einem Hause ernster Männer, ich neige mich trotzdem jedesmal, so oft ich sein System bekämpfe, in Ehrfurcht vor diesem großen Geiste und edlen Menschen. Ich will damit nicht sagen, dass vielleicht alle jüdischen Gelehrten Spinozas seien, weder im Denken, noch vielleicht auch in der menschlichen Größe; aber man kann nicht so unterschiedslos über einen ganzen Stand urtheilen, man kann nicht so pauschaliter über eine Institution urtheilen, die eine Jahrhunderte alte Geschichte hat. Wenn die Herren sich für den Stand der Universität interessiren, so bitte ich, einen buchhändlerischen Jahresbericht über wissenschaftliche Publicatiouen einzusehen. Sie werden finden, dass gerade das Werk eines jüdischen Gelehrten der Wiener Universität in der kürzesten Zeit eine neue Auflage erleben Musste, weil es einfach das Einzige iit dieser Richtung ist; ich nenne keinen Namen, Jene, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, werden wissen, (Znckerkandl) wen ich meine. Man kann daher in dieser Weise nicht aburtheilen. Ich bin ein Christ und Mensch", schloss der Rector seine Rede. ״Als Mensch habe ich mich immer zur Wehre gesetzt, wenn mein menschliches Gefühl verletzt wurde. Sie können aber auch nicht verlangen, dass ein katholischer Priester in Allem dem Antisemitismus Folge leisten muß. Wien, 5. Jänner. (R e ct o r Dr. M ü ll n er ü b e r den Antisemitismus.) Ein Berichterstatter wurde heute von dem B-ector magnificus Professor Dr. Laurenz Müllner empfangen, der sich, anknüpfend an die gestrige Debatte im Landtage, folgendermaßen über den Antisemitismus äußerte: ״Ich bedaure es tief, dass von Seite der katholischen Kirche nicht schon längst gegen dieses grelle Unwesen Stellung genommen wurde. Hier hätten manche Bischöse Gelegenheit gehabt, ihre wahrhaft christliche Gesinnung zu bethätigen. Ich habe" — fuhr Professor Müllner fort — ״wiewohl ich mich niemals mit Politik befasse, nur aus dem einfachen Grunde gesprochen, weil ich dies nicht mehr länger anhören konnte. Traurig genug, dass nicht schon früher berufene Leute den Muth gehabt haben, solche Angriffe abzuwehren. Ich wusste nicht, dass der Landtags-Ab geordnete Gregorig Pfaidler von Beruf ist. Wie kann sich nun, frage ich, ein Pfaidler erlauben, an Männern der Wissenschaft und an einer Universität Kritik zu üben? Es war meine Pflicht, meine abwesenden College׳.: zu vertheidigen, und ich habe nur als katholischer Priester gesprochen. In meiner Jugend hatte ich in Nikolsburg, woselbst ich das Gymnasium besuchte, vollauf Gelegenheit, den Charakter der Juden kennen zu lernen. Von diesen Tagen her habe ich mir bis heute meine treuesten Freunde bewahrt. Und-diese" — fuhr der Gelehrte in erregtem Tone fort — ״soll ich mir durch die Antisemiten wegdisputiren lassen? Es ist eine unbestrittene Thatsache, dass gerade die Juden wie nicht sobald ein Stamm die Wissenschaften cultiviren. Mein langjähriger Hausarzt, dem ich meine vollste Hochachtung und größtes Vertrauen entgegenbringe, ist Jude. Soll ich vielleicht nun ihn wegen der Antisemiten aufgeben? Nie und nimmermehr. Wenn diele Leute der Meinung sind, dass die deutsch-nationalen Studenten nur ihre Sympathien entziehen werden, glaube ich nicht daran, zumal gerade die Vertreter dieser Partei mir nach aus meine Fürbitte gütlich erfolgter Beilegung jener unangenehmen Vorgänge die aufrichtige Versicherung gaben, stets nach meinen Intentionen handeln zu )vollen. Wenn mir Dr. Lueger sagt, die juridische Facultät sei im Niedergange begriffen, so kann ich das mit dem Hinweise auf die Koryphäen daselbst als völlig unbegründet zurückweisen. Wo es sich um die Wissenschüft handelt, soll jede Frage nach Nationalität und Confession ausgeschlossen sein. Sie werden sich in meinem Werke ״lieber Kunst und Litteratur", das in wenigen Wochen erscheint/davon überzeugen können, wie ich in dieser Hinsicht selbst an den Werken erklärter Atheisten Kritik übe. Wo es sich um wissenschaftliche Krittk handelt, kan nichts mein Urtheil ändern. Gestern ging ich in den Landtag, ohne zu ahnen, dass ich sprechen