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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Seite 5. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Ich will damit nicht gesagt haben, dass ein Sänger seine eigene Sensationen überhaupt nicht berücksichtigen und in verba magistri schwören solle, wie die Betschwester auf die Aussprüche ihres Beichtvaters. Wenn der Lehrer darauf besteht, dass der Schüler in einer Weise singe, dass derselbe fortwährend eine starke Anstrengung fühlt, wenn jede Lektion von einer unbehaglichen Abspannung der Kehlkopfmuskeln, Schmerzen im Hals, Schwäche oder Heiserkeit gefolgt ist, dann sage ich: höre nicht auf die Stimme deines Lehrers, auch wenn derselbe eine Autorität ersten Ranges ist, sondern höre lieber auf die Warnungen des überbürdeten Organs. Der erfahrenste und geschickteste Lehrer kann irren, aber die Natur hat immer Recht und der Mißachtung ihrer Gesetze folgt die Strafe unfehlbar. Ich lege auf diesen Ausspruch großen Nachdruck, weil die Gesanglehrer im allgemeinen vielleicht etwas weniger von Zweifeln an ihrer Unfehlbarkeit belästigt werden, als andere Sterbliche. Ein Bariton kann so wenig in einen Tenor verwandelt werden, wie ein Strauß in eine Nachtigall und eine Einzwängungsmethode kann nur Schaden stiften. Es giebt Maestri von durchaus nicht geringem Rufe, deren Ideal Prokrustes ist, und deren Motto lautet: Der Bien muß. Sie vertheidigen ihr. System durch den Hinweis auf die prachtvollen Stimmen, die sie ausgebildet haben. Sollten diese nicht vielmehr ein Beweis für das Ueberleben des Passendsten im Kampf ums Dasein sein? Ausnahmsweise kräfüge Naturen können natürlich Lehrmethoden vertragen, die schwächere zu Grunde richten würden. * * Die technische Ausbildung der Sümme hat die Ausgabe, die drei Grundbedingungen der Gesangsümme zu entwickeln, die bewegende Kraft, das schwingende und das resonierende Element. Der richtige Gebrauch jedes einzelnen dieser Theile bei der Gesammtwirkung, die vortheilhafteste Anwendung derselben bei der Gesammtwirkung, die Uebung des einzelnen Theiles und des Zusammenwirkens, das muß den Grundstock der Lehren des Gesanglehrers bilden. Die mehr ästhetischen Regionen des kiinstlerischen Gefühles und der ästhetischen Wirkung liegen, wie schon oben gesagt, außerhalb des Bereiches meiner Auseinandersetzungen. Die bewegende Kraft liefert natürlich der durch die Lungen gelieferte Luftstrom. Die Herrschaft über die Lungenathmung ist die erste Bedingung eines guten Gesanges, und so schön die Sümme auch sonst sein mag, bei fehlerhafter Athmung kann keine künstlerische Wirkung erzielt werden. Der erste Schutt bei jedem System muß daher darin bestehen, dem Schüler beizubringen, wie und wann er die Luft in die Lungen einziehen soll und wie er die Entleerung der Lungen bewerkstelligen und controlieren soll. Die Vollkommenheit des Athmens beim Singen besteht darin, dasselbe in für Andere nicht wahrnehmbarer Weise zu bewerkstelligen. Man erzählt, dass Lablache, trotz darauf gerichteter Aufmerksamkeit, den singenden Rubini vier Minuten lang nicht Athem holen sehen konnte. Dies ist entschieden einer der schwierigsten Punkte der ganzen Gesangslehre; aber er muß durchgemacht werden, weil er von entscheidendster Bedeutung ist. Zuerst muß jede fehler- Hafte Atemmanier beseitigt werden. Dies gilt besonders von den; Damen, deren Zwerchfellbewegung durch Korsettstangen behindert - zu sein pflegt. Ja selbst bei solchen Personen, welche das Nach- ■ th eilige dieser Tracht eingesehen nnd dieselbe beseitigt haben, ' macht sich oft nachträglich noch durch Entstellung des Körper-; Wuchses oder permanente fehlerhafte Athmung der Schaden derselben geltend. Häufige kurze Athemübungen sollen sowohl in aufrechter als in liegender Stellring vorgenommen werden. Beim Stehen soll der Körper aufrecht, der Kopf gerade, aber nicht nach hinten gebeugt, gehalten werden. Die Athembewegung soll irr natürlicher Weise ohne Hast oder Anstrengung in regelmäßigen Zwischenräumen vorgenommen werden. Dabei achte man darauf, dass die Schultern während des Athmens nicht zu sehr in die Höhe gezogen werden. Diejenigen, welche aus Schwäche oder Nachlässigkeit gewohnheitsmäßig gebückt gehen oder, mehr als gestattet, mit ihren Gliedern schlenkern, werden gilt daran thun, die Athemübungen auf dem Rücken liegend vorznnehmen. Die dabei in erster Linie zu beachtenden Regeln sind erstens: den Brustraum in genügender aber möglichst wenig sichtbarer Weise mit Lust anzufülleu, zweitens: beim Singen oder Sprechen ohne merkbare Unterbrechung des Satzes zil athmen. Beim Ausathmen müssen die Lungen vollkommen, aber ohne Geräusch entleert werden und der Schüler lnuß darnach eine solche Controle über den Athemvorgang zu gewinnen, dass er in jeden: Moment den austretenden Lnftstrom anhalten m:d seine Menge und Kraft so reguliren kann, dass kein Theil desselbeil ungenützt entweicht. Die Athemcapacitüt muss durch eigens dahin zielende Uebungen vergrößert werden. Spazierengehen, Klettern, Laufen, Fechten, Schwimmen, Federballspiel sind geeignet, die Athmung zu verbesseru, vorausgesetzt, dass sie :licht bis zur Erschöpfung betrieben werden. Ich bemerke übrigens, dass diese Uebungen nur dann vorgenommen werden sollen, wenn nicht unmittelbar eine Aufführung bevorsteht, auch nach einer anstrengenden Leistung sind sie nicht zweckmäßig. Die Primadonna oder der tragische Held soll, wenn eine größere Rolle bevorsteht, sehr wenig oder gar keine Uebungen vornehmen, weil die Leistungen selbst oft eine collossale Anforderung an die Nerven itnb Muskelkraft stellen. Es ist kaum nöthig zu sagen, dass die Athmung gerüuschlos vor sich gehen muß: nichts kann störender sein als lautes Athmen, welches oft durch eine Melodie wie das Heulen des Orkans hindurch braust. Die Lust soll durch deu vou der Naülr dazu bestimmten Kanal, die Nase, eingezogen werden: den Mund brauche man dazu nur in zweiter Linie und nur, wenn es unumgänglich nöthig ist. L a m P e r t e pflegte zu sagen, der Sänger solle wie der Schwinrmer den Athem tief einziehen und anhalten. Allerdings bringen es diejenigen, die diese Methode befolgen, zu einen: hohen Grad der Vervollkommling in der Athen:- Ökonomie. Die alten italienischen Meister empfahlen bei der Athmung die Oberbauchgegend leicht einzuziehen und jene Methode wurde 150 Jahre lang befolgt: aber im Jahre 1855 bekämpte Mandl die Methode aus anatomischen Gründen, von der Anschauung ausgehend, dass das Hiuabtreten des Zwerchfells durch die Wölbung der Oberbauchgegend erleichtert werde und dass diese deshalb bei der Athmung ausgedehnt werden solle. In England wurden die Anschaungen Mandls von Brown und Behnke acceptirt und ich selbst hatte Neigung, mich derselben anzuschließen. Ich fühlte indessen noch einige Zweifel, umsonrehr, als Gottfried Weber, einer der eifrigsten Forscher über diesen Gegenstand, den Ausspruch that, dass, obgleich man nicht recht sagen könne, weshalb, in der Praxis sich die Methode der alten Italiener als die beste erweife. Früher versuchte ich die verschiedenen Anschauungen in Uebereinsümmung zu bringen, aber weitere Forschungen haben mich gelehrt, dass die alten italienischen Maestri im Rechte sind,! und dass im weiten Bauchranm auch ohne Vorwölbung der

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