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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 2. Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Endlichen ^Beziehung zu Gott, dann können wir nicht beten. Wer aber nicht beten kann, ist unglücklich unter Millionen Glücklichen, seine Welt ist todt, und Kummer ist seines Lebens Loos. Er verdurstet an den frischen Lebensquellen, stehet Wüsten in den Paradiesen. ״Ich aber, an Gott halten ist mein Gut, ich habe auf den Ewigen, den Allmächtigen, meine Zuversicht gestellt, zu erzählen deine Werke. (Ps. 73, 28.) VI. Gebete in der Bibel. Mit dem Opfercultus, welcher in alter Zeit bei allen Völkern und auch in Israel eingeführt war, tritt auch das Gebet als Mittel der Gottesverehrung und Anbetung ein, und stnden wir auch Spuren davon schon bei den Urmenschen. Mit dem Ermahnen des Selbstbewusstseins gegenüber einer ihm überlegenen Macht ist der Beginn des Gebetes, des Aufschwunges nach einem ihm beistehenden, höheren Wesen. So lässt die Bibel das Gebet als Bekenntnis der Ohnmacht und des Fehls nach der ersten blutigen Befehdung des ersten Bruderpaares eintreten. Dem Kain wird von einer höheren Macht die Strafe seines verübten Brudernwrdes verkündet, und er beugt sich demüthig und betet: ״Groß ist, meine Sünde zu ertragen". (1. M. 4, 12.) Die Anrufung Gottes zum Beistände und zur Hilfe begann schon mit der Ausbreitung der Menschen, mit dem Erwachen des Bewusstseins ihrer -Ohnmacht und Abhängigkeit. Auf einer höheren Stufe sehen wir das Gebet mit dem Beginne der Geschichte der Hebräer. Abraham der Jbri unser erster Stammvater, betet, aber nicht blos für seine Rettung, sondern auch für die anderen Völker, für die Schonung Sodoms, für das Wohl seines Gastfreundes Abimelech und seines Hauses. (1. M. 20, 17.) Nicht minder edel ist das Gebet Eliesers, des Knechtes Abrahams, um den göttlichen Beistand zur Vollziehung des. ihm übertragenen Auftrages; ebenso sein Dankgebet nach den! Gelingen seines Werkes. (1, M. B. 24.) Schon in dieser kurzen Geschichte sehen wir das Gebet nach vier Gestalten entwickelt: Als Bekenntnis der Ohnmacht und Abhängigkeit; Aufschau um Hilfe und Beistand, als Fürbitte und Dank. Ergreifend ist das Gebet Jakobs vor seinem Zusammentreffen mit seinem Bruder Esau (das. V. 26.) und das Danklied Moses nach dem Durchzug der Israeliten durch das rothe Meer, wie sein Gebet um den Miteinzug nach Kanaan (5. M. 3, 23.) Innig und rührend sind überhaupt dessen Gebete bei jedem ,Abfalle Israels von Gott, welches mit Vernichtung bedroht war, um dessen Erhaltung er zu Gott betete. Auch stehende Gebete wurden schon in der Bibel festgesetzt, so der Priestersegen (4. M. 6, 22), das Dankgebet bei der Darbringung der^Erstlinge und nach Entrichtung der Zehnten (5. M. 26), die Segens- und Verdammungsformale zur Er- Neuerung der Beeidigung Israels auf das Gesetz am Berge . Gurisim und Ebal. (das. 27, 11.) In den späteren Geschichts- .büchern kommen verschiedene Gelegenheitsgebete vor, von denen . wir das Gebet Jofuas nach erlittener Niederlage seiner Mannschaff (Jos. 7. 4—9), das Lied der Prophetin Deborah nach . Besiegung Sisra's (Nicht. 10, 15), das Dauklied Hanna's bei der Weihung ihres von Gott erbetenen Sohnes Samuel (1. . Sam. .1), erwähnen. Am reichhalügsten liefert David in den ihm zugeschriebenen Psalmen eine Auswahl reichlicher Gebete, die einen großartigen Aufschwung des Gottesdienstes bekunden. Dieselben zerfallen in -Dank-, Lob-, Bitt- und Bußgebete, und bilden die Grundlage - der-später sich bildenden Tempel- und Synagogenliturgien. Auch find besonders hervorzuheben die Gebete Salamons, der bei einem Regierungsantritte, wo er nicht um Reichthnm und Vernichtung seiner Feinde, sondern nur um Weisheit. betete, sein Volk leiten zu können (1. Kön. 3. 5—15), und das Gebet bei der Einweihung des von ihm erbauten Tempels, welches sich durch Gedankenfülle und Menschenfreundlichkeit auszeichnet. (Das. 8, 22). Eine ganz andere Gestalt erhielt das Gebet während des ersten jüdischen Staatslebens und nach der exilischen Zeit, es nimmt eine bestimmte, feststehende Gestalt an. Gebete werden täglich zu gewissen Stunden abgehalten, als Gegenstand der Pflicht betrachtet. So wird schon dreimal ganz analog (Ps. 55, 17) das tägliche dreimalige Beten angeordnet nach Daniel (K. 10. 11.) Auch nach der Erbauung des zweiten Tempels und der Wiedereinfiihrung des Opferdienstes blieb das Gebet und bildete einen Theil des Gottesdienstes, die Lewiten sangen Psalmen, und das Volk betete im Vorhofe des Tempels. (Fortsetzung folgt.) . Sprechen und Singen. Das erste, was der Lehrer zu thun hat, ist die Prüfung der Fähigkeiten seines Schülers. Vor allen Dingen soll die eigentliche Natur der Stimme genau bestimmt werden. Dies ist der Grundstein des Gebäudes, und ein Jrrthum, der hier begangen wird, wird sich im ganzen weiteren Verlauf des Unter- Achtes fortwährend geltend machen. Wird dieser Jrrthum nicht rechtzeitig verbessert, so wird die Sümme wesentlich verschlechtert oder vollständig ruinirt werden. Es ist übrigens nicht immer ganz leicht, die natürliche Lage einer Sümme zn erkenneil, besonders zu einer Zeit, wo dieselbe noch nicht vollkommen physiologisch entwickelt ist. Der Kehlkopfspiegel gewährt unschier keine Unterstützung, denn esgiebt keinen sicheren laryngoskopischen Anhalt, um eine Altstimme von einer Sopranstimme oder einen Tenor von einem Baß zu unterscheiden. Das musikalische Ohr ist hier der beste Führer. M a r i o und Sims R e e v e s wurden, meines Wissens, beide zuerst als Baritons ausgebildet, ehe man ihre wahre Stimmlage erkannte. Bei Faure machte man den umgekehrten Jrrthum icud hätte so fast die Oper ihres schönsteil Baritons beraubt. Es würde anmaßend von mir sein, den Gesanglehrern Vorschrifteil auf einem Gebiete machen zu wollen, das ihre ureigene Domäne darstellt, doch sagt uns schon der gesunde Menschenverstand, dass die Stimme in den Lagen, in welchen zu singen ihr am leichtesten wird, auch das Beste leisten wird. Die am bequemsten liegenden Noten geben den Maßstab für die Kategorie, zu welcher die Stimme gehört; es sind nleistens diejenigen, die die Mitte der natürlichen Stimmlage bilden. Eine gute Höhe ist ein unzuverlässiges Maß. Eine Baritonstimme kann einerseits den größten Theil des Tenorumfangs, andererseits einen großen Theil des Baßumfangs beherrschen, wird sich aber stets durch geringen Klang unb mindere Reinheit in denjenigen Partien unterscheiden, welche die Grenzen ihrer eigenen Lage überschreiten. Das Urtheil des nicht ausgebildeten Sängers verdient bezüglich des Charakters seiner eigenen Stimme wenig Vertraueil, denn die relaüve Leichtigkeit oder Schwierigkeit, mit der er die verschiedenen Töne singt, können in Mangel an Uebung oder schlechter Gewohnheit ihren Grund haben. Man sagt, dass niemand sein eigentliches Gesicht je im Spiegel gesehen hat; ebensowenig kann jemand seine eigelle Stünme ' ordentlich hören.

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