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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-11 · Heft 2 (11.1.1895) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 2 (11.1.1895)
Date
1895-01-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Seite 3. Nr. 2. dem auch ein Mann von hoher Intelligenz war, konnte es nicht verwinden, als Bannerträger des Feldherrn Sulzer zu gelten, er strebte vielmehr darnach, selbst ein Feldherr zu sein, und Dank der Heeresfolge, die ihm von den damaligen ungarischjüdischen Cantoren und Componisten gedankenlos geleistet wurde, ist ihm sein Vorhaben, was den Choral- und Gemeindegesang betrifft, auch unumschränkt gelungen: in keinem Lande der Welt werden so viel Choräle gesungen, als in Ungarn. Was den Chasen und Lamden Friedmann veranlasste, einer solch' eminent antijudischen Einrichtung das Wort zu reden, ist oben bereits angedeutet. Zugestanden, dass der Drang nach organisatorischer Bedeutung mehr oder weniger im Herzen jedes Menschen, demnach auch in dem jedes jüdischen Cantors von einigem Ansehen lebt, bleibt es unaufgeklärt, welche Ueberzeugung den tüchtigen und allgemein gebildeten Friedmann auf diesen Irrweg drängte. Strebte er wirklich darnach, irgend eine weltbewegende Nenschöpfung mit seiner Persönlichkeit in Zusammenhang zu bringen, so bot ihm ja die exclusive ungarische Nationalmusik einen Arbeitsboden, wie er verführerischer gar nicht erträumt werden konnte, oder war es ihm wirklich Herzensangelegenheit, seinen Patriotismus zu bekunden, weshalb ließ er es nicht bei der Einführung der Landessprache beenden? weshalb musste er zu dem brüchigen, altersschwachen und unjüdischen Choralstoffe greifen, der in der Entwicklungsgeschichte der christlichen Kirche eine solch' bedeutsame Rolle spielt? Es bleibt uns hiefür kein anderer Erklärungsgrund, als die krankhafte Sucht, die Synagoge in eine jüdische Kirche umzuwandeln. *) Die Thatsache bleibt aber feststehend, dass die Einführung des Chorals- und Gemeindegesanges in der ungarischen Synagoge eine Schöpfung Friedmann's war und die Geschichte des Synagogengesanges wird einstens darüber zu urtheiten haben, welcher Bedeutnngsgrad dieser Friedmann'schen Schöpfung beizumessen sei. Wir sind nicht in der Lage, dieser Einrichtung das Wort zu reden. Selbst abgesehen von den im vorigen Aufsatze entwickelten fachlichen Gründen, die gegen die Ausnahme des Choral- und Gemeindegesanges zeugen, stellen sich auch der einfachen praktischen. Ausführung desselben bedeutungsvolle Hinderniße entgegen. Choral- und Gemeindegesang, wenn dieselben nur einigermaßen correct ausgeführt sein sollen, können niemals selbstständig zur Anwendung gelangen, sondern müssen stets von Instrumentalmusik unterstützt sein, weil der Massengesang, selbst bei einer etwaig tüchtigen Schulung — und diese Massenschulung kann niemals sorgfältig und andauernd gepflegt werden — nicht selbstständig zu singen im Stande ist, ohne musikalischen Schwanlangen unterworfen zu sein und daher zum Zerrbilde zu werden: deshalb ist vom Gemeindegesawg zur Einführung der Orgel nur ein Schritt. Man beachte nun den sicheren Entwicklungsgang dieser drei Hauptstützen des Kirchengesanges auf synagogalem Boden: Choral, Gemeindegesang und Orgel. Es dürfte keinem jüdischen Cantor schwer fallen, die freundliche (?) Weitergestaltung dieser Einrichtung zu errathen. Das Ideal dieses Zukunfts-Synagogengottesdienstes, wie es von den Reformern angestrebt, bis nun jedoch nur eine kümmerliche Existenz fristet, wäre 1. Gemeindegesang, 2. Predigt und 3. Gemeindegesang. Wir vermeinen, jeder weiteren Auseinandersetzung enthoben zu sem. Um nicht zu Zweideutigkeiten bezüglich der Bedeutrmg der Orgel Veranlassung zu geben, gestehen wir zu, dass auch wir *)Friedmann gestaltete sogar die Form desOrnates für dieFnnctionäre anders, als es in Wien und allenthalben üblich war. in Anerkennung der Zaubermacht dieser Königin aller Jnstrumente deren Aufnahme in der modernen Synagoge empfehlen, jedoch lediglich für a n ß e r g o t t e s d i e n st l i ch e Zwecke. Beim Gottesdienste selbst könnte die Orgel nur dann Anwendung finden, wenn in den Gotteshäusern des Judenthums die Pflege einer specifisch-jüdischen Musik allgemein Annahme gefunden haben wird. Cultuelles, Rituelles, Liturgisches. Nach Quellen aus talmudischen und nachtalmudischen Schriften bearbeitet und erläutert von Rabbiner L. Wollner. (Fortsetzung). V. Macht und Wirkung des Gebetes. Das Gebet des Menschen ist ein unabweisliches, heiliges Bedürfnis. Gott hat es uns zur Pflicht gemacht, weil das Gebet die sittliche Weltordnung mittragen hilft, weil es auf Geist und Herz, auf Wunsch und Willen veredelnd wirkt. Wenn wir Umgang pflegen mit unserem Gott — und beten ist nichts anderes — wenn wir im Geiste uns den! Urgeiste nähern, Zwiesprache mit ihm halten, muß uns nicht klarer, Heller und überzeugender vor die Seele treten all' die Fülle höchster Kraft und unbegrenzte Liebe, die wir in ihm vorausgesetzt? Müssen da nicht weichen alle unsittlichen Anschauungsweisen des Lebens, wenn es sich uns zeicbnet unter dem vollen Lichte seiner Reinheit? Schwinden nicht alle trüben Wünsche, alle dunkeln Regungen, die das Herz der trügerischen Sinneswelt abgelauscht, beim Gebete dieser Gottesehre; schwinden sie nicht, wie der Schatten der Nacht vor dem Nahen der flutenden Sonne? Dürfen wir hintreten vor Gott mit dein Gefühle des Hasses, mit dem Vorsatze der Bosheit? Drängen sich nicht die dunkeln Gestalten des Lasters wie himmelhohe Scheidewände zwischen uns und ihm? Hören wir nicht im wogenden Herzen tausendsttmmig den Nachhall des himmlischen Rufes: ..Wer geht hinauf den Berg des Ewigen, wer steht auf seiner heiligen Stätte? Der rein an Händen und lautern Herzens ist, dessen Seele nicht nach Eitlem verlangt, der nicht schwört zum Truge". (Ps. 24, 3.) Wie sinken vor dem Echo des Gebetes die Lockungen der bösen Triebe zusammen? Wie erblühen neben ihm die täuschenden Ziele der kleinlichen Selbstsucht? Wie ganz anders fügen sich die Bezie- Hungen der Menschen zusammen, betrachtet von dieser Höhe! Und riesige Kraft strömt in die matten Lebensgeister, und mnthiger kämpft der Mensch den heiligen Kampf mit dem Feinde der Tugend, wenn er betend geweilt in der Nähe Gottes! Ist es Armuth, Noth und Sorge, die uns drängen zum Verbrechen, bete! und wir tragen mit ausdauernder Kraft die Entbehrung, werden voll von der zuversichtlichen Hoffnung auf ihn, der sich wendet zum Gebete der Verlassenen, und es nie verachtet (Ps. 402, 18.) Ist es sittliche Ohnmacht, die uns werfen will in die Arme des Lasters, bete! und uns werden alle Mittel zu einem herrlichen Siege. Wären wir abgeschnitten von aller Hilfe, ohne menschliche Theitnahme, rettungslos, nur erfiillt von unserem Schmerze, wir sind nicht allein, nie verlassen, wenn wir noch beten können. Das Gebet drückt den Schwung der Leidenschaft hinab, und wir kehren mit verdoppelter Kraft, mit vollster Freiheit, versöhnt mit dem Leben zurück in den Kreis unserer schweren aber schönen Pflicht. Bei aller Erkenntnis, bei allen! Wissen vermöchte das der Mensch nicht, wenn ihm das Mittel fehlte, zur innigsten Vereinigung mit Gott, wenn er seine Beziehungen zu ihm nicht aussprechen, wenn er nicht beten könnte. Haben wir uns entrückt von der

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