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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-01 · Heft 1 (1.1.1895) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 1 (1.1.1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. 9fr. 1. Gesterreichisch-ungarische Lcmtoren-Aeitung. und Kaufleute, auf dem Lande als Milchverkäufer, Fuhrleute und Hausierer,juirgends begegnete man jener trostlosen Armuth, wie sie zur Zeit der Jnternirung im ״Ghetto" überall zu finden war. Au Stelle jenes Elends trat eine durchaus auskömmliche Existenz, an Stelle der elenden Lehmhütten, in denen die Aermsten dicht zusammengedrängt, kaum Schutz vor Wind und Wetter finden konnten, sowohl in Städten und Dörfern als auf dein Lande menschliche Wohnungen, die meist nur von einzelnen Familien bewohnt wurden, und in den traurigen sanitären Verhältuißen eine bald zu Tage tretende erfreuliche Wendung zeitigten. Das Resultat jahrelanger Beobachtung jener Verhältniße führt mich nun zu einem Vergleich derselben mit der äugenblicklichen Lage der hier nach Wiederaufhebung der Freizügigfeit und der daraus hervorgegangenen Existenzvernichtung eingewandelten russischen Juden. Ein solcher Vergleich muß nun; namentlich im Hinblick auf die neuesten Strikebewegungen, das Schwitzbuden-System und die neuesten Enthüllungen über die entsetzlichen Zustände in den Tenementhäusern der von russischen Juden, bewohnten Stadtviertel fraglos und bei Weitem zu Gunsten der ersterwähnten Lebensverhältniße der Israeliten in der alten Heimat ausfaüen. Schon ein Gang durch . die Straßen ״Klein-Jerrlsalems" überzeugt den.aufmerksamen Beobachter, dass der Eingewanderte, der jüngst dem elenden. ״Ghetto", in das ihn ein barbarisches Gesetz zurückdrängte, entfloh, kaum etwas Besseres in den Täusch genommen hat. Die Lehmhütte des ״Ghettos" hat er mit einem Teneulenchause vertauscht, das zwar äußerlich einen ganz passablen ’ Anblick gewählt, sich aber beim Betreten als noch viel schlimmer erweist, als jene auch äußerlich armselige Hütte. Ich habe tiefes Mitleid empfunden, als ich zum. ersten Male Gelegenheit hatte, eine jener niedrigen, meist nur aus zwei Wohnräumen und eurem Küchenraume bestehenden Wohnstätten des ״Ghettos" zu betteten, es dünkte mir kaum möglich, dass je zwei Familien in jeden! dieser Räume existtren konnten, und doch wiirde es mir heute nicht schwer, fallen, zwischen einem tapezierten Zimmer eines hiesigen jüdischen Tenementhauses und jenem kaum zehn Schritte im Durchmesser zählenden Raume, dessen durchsichtigen Wände mit Moos verstopft sind, um die Kälte fern zu halten, zu wählen. Die Unsauberkeit dürste vielleicht in beiden Fällen die gleiche sein, aber es lässt sich in jener verfallenen Baracke wenigstens athmen, sie liegt nicht in einem gedrängten Häusermeer, sondern in fteier frischer Luft des kleinen Dorfes, umgeben von Gärten oder wenigstens einem Raume für solche. — Darf man sich da wundern, wenn in dem bedauernswerthen Bewohner dieser städtischen Pesthöhlen die Sehnsucht, wenn auch nicht nach dein ״Ghetto", so doch nach den menschlichen Wohnungen, die er zur Zeit der Freizügigkeit in der Czaren- Heimat sein eigen nannte, erwacht! Doch es darf sich ein Vergleich nicht allein auf die Wohnungsverhältniße beziehen, bezüglich welcher der russischpolnische Jude durchschnittlich kaum prätensiöser ist, als der uomadisixende Zigeuner; aber auch die sonstigen Lebensverhältniße der . .Hier in den letzten Jahren eingewanderten Israeliten des Czarenreiches können zwar einen Vergleich mit den Erwerbsquellen im ״Ghetto", nicht aber einen solchen mit den Tagen der Freizügigkeit früherer Jahre bestehend Der erst jüngst beendete Strike der Mäntelmacher hat ein recht trübes Schlaglicht auf die augenblickliche Lage der hiesigen ruffisch-jüdischen Arbeiter geworfen. Wer die hungrigen und spärlich gekleideten Weiber und Kinder gesehen hat, die in der letzten Pertode des Ausstaudes diejenigen Locale umlagerten, in. dm«! sie von dm bezüglichen Comites mit den nothdürstigsten Mhrungsmitteln versehen wurden, dem musste sich unwillkürlich der Gedanke aufdrängen, dass gar Viele dieser Hungernden sich nach der Czarmheünat außerhalb des ״Ghetto" zurücksehnen, wo.es keine Arbeiter-Organisationen und in Folge dessen auch ^ine Strikes giebt; selbst dm! Anhänger solcher, im Princip gewiss anerkennenswerthen Organisationen konnte ein solcher Gedanke bei vorhandener Kenntnis jener auf die Israeliten bezüglichm russischen Verhältniße nicht gar zu ferne liegen. Der russische Jude hat sich in der alten Heimat von Arbeiter-Organisationen, die unter den Arbeitern anderen Glaubens auch in! Czarenreiche bestehen, fern zu ׳halten gewusst, weil er ihrer nicht bedurfte, und sich, wie in allen übrigen Dingen, auch bezüglich seiner Erwerbsquellen Unabhängigkeit bewahren wollte. Die ganz anderen Verhältniße haben ihm ein solches Fernhalten von organisatorischen Einflüssen ^wesentlich erleichtert; der Mäntelmacher, der sich hier, umttlberhaupt Arbeit finden zu können, nole11s velens einer Organisation anschließen musste, hat drüben in den meisten Fällen für eigene Rechnung gearbeitet, oder, falls er gezwungen war, sich unter einen ״Boß" zu stellen, seinen Lohn in Folge geringer Concurrenz ausbedingen können. Ganz ähnlich gestaltete sich die Lage der übrigen Handwerktteibenden; das Gros, der Kaufmann, der Fuhrmann, Pächter und Schaukwirth, zeigten sich jenen Einflüssen gegenüber naturgemäß noch viel ablehnender. So giebt es heute noch im Czarenreiche keine größere Orgamsation jüdischer Arbeiter, somit auch kein Strike-Elend. Es mag nun der Einwand erhoben werden, dass gerade dieses Fehlen einer Organisation niedrigere Lohnraten und somit eine geringere Existenzfähigkeit der jüdischen Arbeiter in! Czarenreiche bedinge, doch einem solchen Einwande muß, natürlich nur mit Bezugnahme auf die eingangs erwähnten Zeiten der Freizügigkeit, die vergleichender Weise allein in Betracht kommen können, widersprochen werden. - In jenen augenblicklich leider immer noch der Vergangenheit angehörenden besseren Zeit er! war die Lage der neuerdings hier. eingewanderten russischen Juden in der alten Heimat eine fraglos bessere, als ihre äugenblickliche im Dollarlande. Dort vermochte der Familienvater durch seiner Hände Arbeit allein die Seinen vor Noth zu schlitzen, hier müssen nicht allein die erwachsenen, sondern auch die halbwüchsigen Kinder frühzeitig in's Joch, um ein kümmerliches Dasein der Familie zu ermöglichen, die in! Durchschnitt trotz alledem aus spärlich gefüllter Hand in den Mnnd leben muß. Es tritt die Unzufriedenheit des hier lebenden russischen Juden mit seiner augenblicklichen Lage schließlich auch in der Thatsache hervor, dass namentlich in den letzten Jahren die Zahl der hier ins socialistische Lager hinübergegangenen Israeliten aus dem Czarenreiche eine verhältnismäßig nicht unbedeutende!st. Während der Israelit sich in Russland auf das Peinlichste allen derartigen Bewegungen fern zu halten sucht, und nur unter den jüdischen Studenten, nie aber unter den jüdischen Arbeitern Russlands mit Erfolg umstürzlerische Propaganda betrieben werden kann, scheint er hier ein williges Werkzeug, derselben werden zu wollen. Wohl kaum ein Zeichen eines größeren Wohlbefindens für einen Menschen, der sich dem Socialismus bisher wissentlich ferngehalten hat! Czar Nikolaus II. hat nun in der kurzen Zeit seiner Regierung bereits des Oefteren gezeigt, dass er liberaleren Ansichten huldigt, als sein Vorgänger, und dies besonders seinen Unterthanen nicht griechisch-orthodoxer Confessio!! gegenüber, die zu Zeiten Alexanders IH. am meisten der Willkür ausgesetzt waren. Unter diesen Anzeichen liberalerer und toleranterer Gesinnung ist wenigstens in Bezug auf die vorliegende Frage die Einstellung der Verfolgungen lutherischer Prediger in den .Ostseeprovinzen entschieden die bedeutsamste, denn sie zeigt von religiöser Toleranz. Es liegt somit die Hoffnung sehr nahe, dass die heuttge russische Regierung auch die Bedrückung der Juden einstellen werde, und diese thatsächlich unter hier lebenden russischen Juden nicht allein aus Interesse für ihre noch drüben wohnenden Glaubensgenossen, sondern aus rein egoistischen Gründen gehegte Hoffnung gilt auch in maßgebenden Kreisen der hiesigen russischen Colonie als die einzige Erklärung für die sonst nicht erklärliche Eidesleistting so Zahlreicher, wie sie noch jetzt fast täglich im russischen Consulat zu beobachten ist. Man darf somit ohne Zögern behaupten, dass die meisten der neuerdings Vereidigten den innigen Wunsch hegen, das Dollarland wieder mit dem Lande der Bären zu vertauschen, falls aus dem Munde des. jungen Czaren, dem sie soeben freiwillig den Treueid geleistet haben, das erlösende Wort ״Freizügigkeit" ertönt.

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