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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-01 · Heft 1 (1.1.1895) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 1 (1.1.1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. G österreichisch-ungarische Lantoren-Aeilung. Seite ». der jüdischen Bevölkerung in Petersburg nicht zufriedengeben wird. Der junge Czar, der. auf der Höhe der modernen Bildung steht und dessen sämmtliche Regierungsacte den Stempel der Humanität tragen, ist weit davon entfernt, sich in seinem Palaste zu isoliren und sein Ohr nur einseitigen Einflüsterungen von Leuten zu leihen, deren Anschauungskreis über die finsteren Vorstellungen des Mittelalters nicht hinausreicht. Heute ist es möglich, dem Czar ein wahres Bild davon zu entrollen, wie die beständigen Einschränkungen und Bedrückungen der Juden dem Handel. und der Industrie des Landes tiefe Wunden geschlagen haben, wie Moskau, Petersburg, Kiew, Charkow und die anderen, großen Handelscentren in ihrem Wohlstände zurückgehen, seit man überall angefangen hm, die Juden, die sich auf diesen Gebieten als ein überaus nützliches Element bewährt haben, znrückzudrängen. Die Personen, welche es fertig gebracht haben, aus Moskau, Riga und anderen Städten Tausende von Juden nach dem ״jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschieben", waren sich wohl bewusst, dass die Klagen der hiedurch geschädigten russischen Bevölkerung nicht bis zu den Stufen des Thrones gelangen würden. Man gieng deshalb achtlos dari'lber hinweg, dass der ganze russische Süden, der Kaukasus, die Krim, Polen die Judenpoüük mit sehr bitteren Gefühlen verfolgte, und fühlte sich vollständig dadurch gedeckt, dass auch die Commission in Petersbürg, welche zur Regelung der Judenfrage eingesetzt war. immer noch weitere Maßregeln zur Einschränkung der Juden plante. Die Arbeiten der Commission waren immer sehr einseitig, und man hörte nichts davon, dass dieselbe-wirkliche Kenner des jüdischen Volkes und des jüdischen Lebens zu Rathe gezogen hätte. Dem Blicke Nikolaus' H. sind alle diese Erscheinungen nicht entgangen, und wenn auch die Abstellung aller Missstände, welche die bisherige Judenpolitik gezeitigt hat, ein sehr schwieriges Unternehmen ist, so ist nicht zu zweifeln, dass der neue Czar vor keinen Schwierigkeiten znrückschreckt, wenn es sich darum handelt, auszuführen, was er den Interessen des Landes für zuträglich hält. Wie wir hören, hat auch der Prinz von Wales bei seinem Aufenthalte in Petersburg die Gelegenheit wahrgenommen, den Czar in der Ueberzeugung zu bestärken, dass der neue Weg, der in der Judenpolitik eingeschlagen werden soll, der richtige ist. Es ist natürlich, dass der Verwirklichung der gerechten und humanen Absichten des Czars noch mancherlei Hinderniße in den Weg treten können, und dass es deshalb verfrüht ist, sich ungemessenen Hoffnungen hinzugeben; aber eines kann doch gemiss hingestellt werden, dass der Czar entschlossen ist, alle seine Unterthanen, gleichviel welcher Confessiou, vor ungerechter Willkür zu schützen. Die hohe Finanzwelt, welche es stets mit Bedauern gesehen hat, dass Russland durch seine Judenpolittk die eigenen Interessen des Landes schädigt, scheint ebenfalls der Ansicht zu sein, dass gewisse Garanüen für eine nahe bevorstehende Aenderung dieser Poliük vorliegeu. So erklärt sich auch das ganz außerordentliche Interesse, das allgemein der neuen russischen Anleihe entgegengebracht wird, in der Ueberzeugung, dass die Kräfte des Staates merklich wachsen müssen, wenn die neue Poliük einige Millionen zufriedener und glücklicher Unterthänen mehr schafft und diesen die Möglichkeit gibt, an der Entwicklung des Landes thäügen Antheil zu׳ nehmen. Das Heimweh der ruWchen Juden in Amerika. New-Aork, 8. December. Die selbst auf die hiesigen Vertteter der russischen Regierung gewiss überraschend wirkende große Zahl hier lebender russischer Unterthanen, die sich im Laufe der letzten Wochen, natürlich freiwillig, zur Ablegung des Huldigungseides im russischen Consulat gemeldet haben, giebt zu Betrachtungen Anlass, die nicht allein für den russischen Unterthan und die russische Regierung, sondern auch für den Amerikaner von Interesse sein dürften. Dieser offenbare Umschwung in der Gesinnung der hierher ausgewanderten Czaren-Unterthanen ist entschieden der Hoffnung entsprungen, dass mit Nicolaus II. eine neue Aera liberalerer Gesinnung an's Ruder gekommen sei, einer Hoffnung, die gleichzeitig den Wunsch einer Rückkehr nach der alten heimailichen Scholle involvirt. Dieser Wunsch muß logisch als die einzige Erklärung gelten für die verhältnismäßig große Zahl derjenigen Personen, die das gelockerte Band mit der alten Heimat durch einen den! jungen Czaren geleisteten Treueid zu befestigen suchen. Bezöge sich nun diese plötzlich erwachte Loyalität für den Selbstherrscher aller Reußen nur auf die verhältnismäßig geringe Zahl der hier eingewanderten Naüonat- Russen, so wäre die an und für sich wohl eigenthümliche Erscheinnng kaum einer Betrachtung werth, weil eine eventuelle Rückwanderung dieser Elemente auch in größerer Menge für die Ver. Staaten von! socialen Standpunkte aus von nur geringer Bedeutung wäre; der Andrang zur Eidesleistung im hiesigen russischen Consulate hat uns aber gezeigt, dass die weitgrößte Zahl der Petenten hier lebende russische Israeliten waren, und damit gewinnt die scheinbar so nebensächliche Frage denn doch allgemeines Interesse. Die Massen-Einwanderung russisch-polnischer Juden nach den Vereinigten Staaten und hauptsächlich nach New-Jork, die, vor etwa o Jahren beginnend, im Jahre 1892 ihren Höhepunkt erreicht hatte, war nicht etwa eine Fortsetzung jener vor etwa 10 Jahren beobachteten recht bedeutenden freiwilligen russischjüdischen Emigration, denn sie entsprang nicht mehr der damals herrschenden Ueberzeugung des russischen Israeliten, dass er in dem Dollarlande ein zweites Palästina finden müsse; dazu lauteten die Berichte bereits hier lebender Glaubensgenossen schon damals nicht mehr ermuthigend genug. Nein, die schaarenweise Einwanderung russisch-polnischer Juden, die man hier, trotz des dem heimatlosen Bettelvolke entgegengebrachten allgemeinen Mitgefiihls, zu beschränken bemüht war, zeigte sich als eine directe und unausbleibliche Folge jener judenfeindlicheu Maßregeln, in denen sich die Regierung Alexanders Hl., des jüngst verstorbenen Czaren. gefiel. Diese Auswanderung war nicht eine durch die allgemeinen Verhältniße, sondern durch jene Knechtungs-Maßregeln erzwungene, somit unfreiwillige, sie glich einer planlosen Flucht von Bedauernswerthen, die erst durch jene Verfolgungen an den Bettelstab gebracht wurden, die nur dem Hungertode zu entgehen suchten und hier als Bettler eintrafen. Die allgemeine Lage der russischen Juden war noch während der ersten Periode der Regierung Alexanders HI. eine keineswegs so bedauernswerthe, wie man allgemein annahm. Die unter dem liberalen Regiment Alexanders H. den israeliüschen Unterthanen des Czarenreiches gewährte Freizügigkeit, d. h. die Nichtanwendung des Gesetzes, nach welchem denselben der Aufenthalt nur in einzelnen Gouvernements des immensen Reiches gestattet wurde, gab den früher so Beengten nach längerer Pause wiederum die Möglichkeit, sich im ganzen Reiche ihre Erwerbsquellen zu öffnen, die ihnen indem bis dahin angewiesenen ״Ghetto" in Folge der durch Ueberfüllung unausbleiblichen Concurrenz schon damals zu versiegen drohten. Schon ein Jahrzehnt nach jener Befreiung aus dem ״Ghetto" finden wir die russisch-polnischen Israeliten, im ganzen Reiche und besonders im westlichen Theike desselben zerstreut, in, wenn auch nicht glänzenden, so immerhin geordneten und durchaus erträglichen Verhältnißen, den verschiedendsten Beschäftigungszweigen nachgehend. In den Städten prosperirten sie als Handwerker

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