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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1895-01-01 · Heft 1 (1.1.1895) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
15 (1895)
Issue
Heft 1 (1.1.1895)
Date
1895-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Österreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 1. Sprechen und Singen. Als ob der hier aufgezählte Katalog noch nicht groß genug fei, hat sich Ln den letzten Jahren eine neue Schule gebildet, welche verlangt, dass eine genaue Kenntnis der Anatomie und Physiologie des Stimmorgans, gewonnen durch Präparation an der Leiche und laryngoskopische Untersuchung an Lebenden, Vertrautheit mit dm Mysterien der Akustik, Pneumatik und Hydrostatik, gewürzt durch einen Schuss Metaphysik, zur Ausrüstung jenes unglücklichen Wesens, das den Leichtsinn begeht, Gesanglehrer werdm zu wollen, erforderlich sei. Eure so vielseitige Bildung mag recht Passend sein für Pedanten mit dem Motto des Wagner im Faust: ״Zwar weiß ich viel, doch macht' ich alles wissen", ist aber für einen Lehrer eher ein Nachtheil; denn derselbe soll seinen Schüler zu einem Künstler und nicht zu einem.Gelehrten ausbilden. Apollo Musagetes selbst würde, mit einem solchen Ballast unnützer Gelehrsamkeit beschwert, zu einem Pedanten dritten Ranges herabsinken. Die Meil italienischen Meister, welche von der Wissenschaft wenig wussten und sich noch weniger um dieselbe bekümmerten, bildeten die Stimmm ihrer Schüler mit eben so großem Erfolg wie unsere modernen Professoren, bewaffnet mit Laryngoskop, Spirometer, Stechometer mrd anderen Metern. Natürlich soll der Wert des Kchlkopffpiegels von mir sicher nicht unterschätzt werden. In der Hand des Arztes hat er zweifellos schon Tausenden das Leben gerettet, in der Hand von Gesanglehrern würde er kaum weniger Stimmen zu Grunde richten. Die erfahrensten׳ Lehrer und Professoren der Gesangskunst sind darüber einig, dass ein häufiger Gebrauch des Kchlkopffpiegels bei der. Erziehung und Ausbildung der Stimme ebenso nutzlos wie schädlichsei. Signor Manuel Garcia, einer der gelehrtesten und im Erfolge glücklichsten Lehrer, hat versichert, dass er für den Unterricht von seiner eigenen Erfindung sehr wenig Gebrauch machte. Die sehr anerkannte Lehrerin Frau Emma Seiler, welche die Laryngoskopie in hohem Maße beherrscht, hat dieselbe in ihrer Eigenschaft als Gesangslehrerin niemals in Anwelldung gezogen. Nach meinem Erachten ist es ebenso überflüssig, dass ein Säilger den Bau seines Stimmorgans kenne, wie es unnöthig ist, dass ein Maler mit der Anatomie des Auges oder nlit der Technik des Augenspiegels vertraut sei. Möglicherweise macht eine solche Kenntnis dm Sänger bei einer Beschäftigung befangen, die rein automatisch sein soll. Außerdem wirkt eine derartige Untersuchung, wenn sie von Ungeübten vorgenommen wird, oft reizend und ermüdend zugleich. Auch kann nur der durch Erfahrung gereifte Blick durch die Untersuchung ein werthvolles Resultat erlangen. Der ungeübte, Beobachter hält leicht zufällige oder vorübergehende Erscheinungen für den Ausdruck schwerer Erkrankungen, er wird nervös wie jemand, der seinen eigenen Puls fühlt, bildet sich ein, dass er nicht singen kann, und wird schließlich vor lauter Furcht und Einbildung wirklich das Gesangsvermögen verlieren. Als Quelle der Fehler, in welche laryngoskopische DUettanten leicht verfallen, möchte ich hier mitcheilen, dass einfache Nöthe der Stimmbänder durchaus nicht immer ein Zeichen von Krankheit ist. Die Stimmbchlder mancher vorzüglicher. Sänger haben nie die so-- genannte normale perlweiße, sondern stets eine röthlich.e Farbe. Außerdem muß auch bei Beurtheiluug der Frage, ob der Kehlkopf gesangstüchtig sei, die Art und Weise, wie die Stimmbänder.fnnctioniren, in Rechnung gezogen werden. Da aber die Function oft mehr von nervösen Einflüssen als von localen Veränderungen abhängig ist, so ist es-nicht weise, wenn der anatomisch-physiologisch-laryngoskopische Sänger hier seiner Selbstbeobachtung zu viel vertraut. Das' Lehren des Gesanges mit Hilfe der Anatomie ist ein Unsinn. Was würde man von einem Tanzlehrer sagen, der seinen Unterricht mit einer anatomischen Beschreibung der unteren Körperhälfte beginnen würde? Wie würde wohl ein Fechtschüler verhauen werden, dem sein Lehrer statt ihm die zur Vertheidigung nöthigen Paraden beizubringen, einen Vortrag über die Muskelansätze des Arms gehalten hätte? Welche Vergnügungen würden einem auf diese Weise gelehrt gebildeten Fechter erblühen, wenn er einem Boxer der alten Schule gegen- Übertritt, dessen ganze anatomische Kenntniße sich auf den Sitz der Magengrube seines Gegners erstreckt. Kann 'jemand schwimmen, der die Nichtigkeit des archimedischen Prinzips mathematisch beweisen kann? Kann man eine fremde Sprache lernen, wenn man sich damit beschäftigt, in welcher Weise die Zungen- Muskulatur bei der Bildung der derselben eigenthümlichen Laute arbeitet? Selbst für die Bildhauerkunst, bei welcher anatomische Kenntniße unerlässlich scheinen, liefern die alten Griechen den Beweis vom Gegentheil. Obgleich die hohe Vollendung - ihrer Bildsäulen 'alle folgenden Jahrhunderte zur Bewunderung hingerissen hat, wissen wir doch sicher, dass sie so gut wie gar keine anatomischen Kenntniße besaßen. Der neue Cours in Russland. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass in der inneren Politik Russlands sich eine der bedeutsamsten und folgenschwersten Umwälzungen anbahnt, welche die Freunde des Fortschritts und der Menschlichkeit mit ihrem wärmsten Beifalle begleiten werden. Die ״Judenfrage", welche bisher nur aufgerollt wurde, wenn es galt, neue Beschränkungen gegen die russischen Unterthanen jüdischen Glaubens einzuführen, kommt anscheinend wieder in Fluß, aber in einem ganz anderen Sinne als bisher. Diese Empfindung hat sich auch bereits der administrativen Kreise bemächtigt, für welche der Erlass des Ministers des Innern, dass die schon verfügte Ausweisung aller Juden, welche näher als 50 Werst zur Grenze leben, zu sistiren sei, ein sehr deutlicher Fingerzeig gewesen ist. Schon damit ist außerordentlich viel ge- Wonnen. An und für sich sind schon die Gesetze, welche den Juden den Aufenthalt in bestimmten Theilen des Reiches verbieten, welche ihnen gewisse Erwerbszweige entweder ganzverschließen oder nur unter sehr erschwerenden Bedingungen öffnen, schlimm genug, aber noch schlimmer als alle diese Gesetze, war die Kunst, mit der die Gesetzesbestimmungen von den unteren Verwaltungsorganen interpretirt wurden. Diese unteren Verwaltungsorgane, welche in der Ueberzeugung lebten, dass die .Centralregierung stark judenfeindlich gesinnt sei, kamen schließlich zu der Ansicht, dass gegen den Juden Alles erlaubt sei, und so hat oft genug die ganze Existenz vieler jüdischen Familien von der Willkür eines kleinen Polizei-Beamten abgehangen. Das neue Regime, das mit besonderer Entschiedenheit das Gesetz als den obersten Leitstern proclamirt, dem sich Jeder, ob hoch oder niedrig, unterwerfen muß, hat den unteren Verwaltungsorgauen viel zu denken gegeben, so dass .schon heute unter den noch bestehenden Ausnahmsgesetzen für die Juden deren Lage weit erträglicher ist als noch vor einigen Monaten. Es scheint aber, dass man sich mit dieser relativen Besserung der Lage

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