Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 15 (1895)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1895)
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1. Seite 3. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Büchern eingeschlössene Religion ist tobt, aber durch das Wort des Predigers wird sie lebendig. Von der Synagoge aus können Jrrthümer aufgeklärt, zweckmäßige Reformen befürwortet werden. Das Volk kann von falschen Anschauungen zur Wahrheit, vom Unrecht zum Recht zurückgeführt werden. Wie die Schule, in welcher gute Bürger erzogen werden, das wahre Leben eines Volkes in sich fasst, so ist das Hans, in welchem Glaube, Gottesfurcht, Gerechtigkeit und Nächstenliebe gelehrt werden, das eigentliche Leben der Religion, und hierin liegt zugleich das Heilmittel für die unheilvollen Zustände, in denen wir uns befinden.. Wie leicht ist dieses Heilmittel zu gebrauchen! Wir haben Gemeinden, Synagogen, Tempel; wir brauchen nur das Volk zu gemeinsamem Gebet und zu gemeinsamer Belehrung zu versammeln, um in ihm religiöses Gefühl und religiöse Andacht zu erwecken und gleichzeitig jene Begeisterung, die uns in dem .Kampf für das Judenthum eine heilige Mission erblicken lässt. So weit ist uns also der Weg, den wir einzuschlagen haben, klar. Die praktische Frage ist nur die, festzustellen, wann das alles gethan werden kann. Wann ist eine derartige öffentliche Belehrung, ausführbar, wann würde sie die besten Früchte .tragen? Ich frage nun, woher kam es, dass man gerade den Sonnabend für Andachtsübungen und für Belehrung in der Synagoge bestimmt hat. Keine biblische Verordnung befiehlt dieselben für den Sabbath. Dieser war nur als Ruhetag eingesetzt und als solchen hielt ihn auch das Volk, so lange es ihn als den Tag des Herrn heilig betrachtete, an dem jede Arbeit streng untersagt war. Weil nun das Volk auf diese Weise einen Tag vollständiger Muße hatte, au welchem es auch alle weltlichen, besonders geschäftlichen Arbeiten ruhen ließ, war es ganz natürlich, dass dieser Tag der Andacht und Belehrung geweiht wurde. Ich halte den siebenten Tag der Woche für den -historischen Sabbath nicht nur des Jndenthums, sondern der Welt. Ich beabsichtige nicht, den jüdischen Sabbath vom Sonnabend auf den Sonntag zu verlegen, denn die historische Thatsuche könnte ja doch weder durch die Ansicht oder Befürwortung eines Einzelnen ebenso wenig geändert werden, wie wenn Concilien oder Vereine eine neue Ordnung der Dinge einführen wollten. Was auch btej Zukunft bringen mag, so bleibt doch der siebente Tag der historische jüdische Sabbath, und wir sollten ihn als solchen halten, wie wir eben können, mindestens aber unsere Synagogen in altgewohnter Weise denen zur Andacht öffnen, die kommen wollen. Wir sollten nie ermatten in unseren Bemühungen, die Heilighaltung des Sabbaths zu betonen, weil wir dadurch das Judenthum im Ganzen fördern. Wenn aber das Alles noch keinen Erfolg hat, dann sollten wir mehr für unsere heilige Sache thun. Historisch und nominell also ist der Sabbath der Tag der Ruhe und Andacht für die Inden. Ist er es aber auch in Wirklichkeit? Wir wissen recht wohl, dass nur ein kleiner Bruchtheil den Sabbath hält. Für den größten Theil der Juden ist er ein Tag der Arbeit, für viele der bewegteste und anstrengendste Tag der Woche. Von den 125.000 Juden der City von New-Iork hält kaum ein Zehntel den Sabbath heilig. Was thun die Anderen? Die gegenwärtigen geschäftlichen Zustände haben den Sonnabend zu dem wichtigsten Geschäftstage der Woche gemacht. Der Geschäftsmann ist vor die Alternative gestellt: Sabbathruhe und vielleicht Bankerott, oder, kein Sabbath und geschäftlichen Erfolg. Die meisten haben Verantwortlichkeiten und Verbindlichkeiten auf sich, die sie vielleicht ebenso verpflichten wie die religiösen Forderungen. Der jüdische Handwerker kann sogar nur wühlen zwischen Sabbathfeier und Subsistenzmitteln für sich und die Seinen. Soll ein Mensch seine Pflichten gegen seine Familie vernachlässigen, um einer religiösen Form zu genügen? Denn als solche kann man den Sabbath im Grunde nur betrachten. Keiner glaubt, dass Gott ein solches Opfer von ihm verlangt; und so existirt der Sabbath für ihn nur dem Namen nach. Schon seit einem Jahrhmldert ist die Bedeutung des Sabbaths im Abnehmen Und gleichzeitig der religiöse Eifer. Man that nichts, um dem Hebet zu steuern, und so nahm es feilten Berlauf. Man versuchte einen Freitag-Abend-Gottesdienst einzuführen; aber wie konnte man erwarten, dass er Zuspruch haben würde von Leuten, die nach zwölfstündiger Arbeit ermüdet eher das Bedürfnis der Ruhe als der religiösen Erbauung fühlen. Wir haben mancherlei heilsame Reformen gehabt, aber sie verfehlten ihren Zweck, weil sie das Nebel nicht bei der Wurzel angriffen. Was nützte die Reform der Sabbathfeier, wenn Niemand ihr beiwohnte. Während die Leute mit Geschäften und Broterwerb zu thun haben, ist ihr Sinn nicht auf Gebet und göttliche Lehre gerichtet. Wenn also durchaus am siebenten Tage gearbeitet werden muß, so gebe man den Leuten Gelegenheit zur Andacht und Belehrung zu einer Zeit, wo sie geneigt sind, dieselbe zu empfangen. Ich glaube, unsere alten Rabbinen hätten das Hebet in gleicher Weise geheilt. Sie wollten jederzeit einen täglichen Gottesdienst eingeführt wissen, damit ein Mann, dem es nicht möglich ist, ihm beizuwohnen, es an einem andern thun kann. Es wurden auch Montag und Donnerstag gottesdienstliche Uebungen mit Erklärungen der heiligen Schrift eingesetzt, weil wegen des Marktes, der an diesen Tagen abgehalten wurde, viel Volk vom Lande in die Städte kam. Sonntag ist der allgemeine Ruhetag. An diesem Tage ist jeder von Geschäften frei und im Stande, höhern geistigen Interessen nachzugehen. Es ist der einzige Tag, an welchem ein derartiger Anspruch au die größeren Massen gestellt werden kann. Man hat den Einwand erhoben, dass eine derartige Einführung so viel wie eine Hinneigung zum Christenthum bedeuten würde. Das ist aber nicht der Fall. Wenn wir Sonntagsandacht einführen, weil die andern Tage keine Zeit dazu lassen, so heißt das durchaus nicht, dass wir den Sonntag als jüdischen historischen Sabbath betrachten. Kein aufgeklärter, vernünftiger Mensch kann und wird den Werth gemeinschaftlicher Andacht und Belehrung darnach bemessen, an welchem Tage sie Gott dargebracht werden. Also warum nicht an Sonntagen, wo die Männer keine Geschäfte treiben, die Frauen keine Einkäufe zu machen haben, wo die Kinder ftei von Unterricht sind. Viele werden behaupten, dass das Eröffnen der Synggoge am Sonntage den eigentlichen Sabbath noch mehr in Vergessenheit bringen wird, aber die Beweise haben gelehrt, dass das nicht der Fall ist. Es ist im Gegentheil die einzige Möglichkeit, unfern Zweck, einem weiten Kreis die Lehre des Judenthums zugänglich zu machen, zu erreichen. Die offene Synagoge würde außerdem Manchem, der nicht zu unserer Gemeinde gehört. Gelegenheit geben, das Wort Gottes aus dem Munde eines jüdischen Predigers zu hören, und auf diese Weife manches böswillige Vorurtheil, manchen Jrrthum über das Judenthum zerstören.