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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-21 · Heft 30 (21.12.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 30 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 30. . leihen, uns beugen vor dem Unerforschlichen, ihn Preisen, verherrlichen, und wir sind auf den Gipfel der Freiheit gestiegen, eine selige Ahnung durchzittert unser Herz, wir fühlen uns. dann reich und riesig stark, ausgesehnt mit dem bittersten Leben und kehren muthvoll, zuversichtlich in den Kreis unserer Verpflichtungen zurück und sprechen: Gott thut, was in seinen Augen wohl-- gefällig ist (1. Sam. 3, 18.) und haben Ruhe und Frieden gefunden, so lernen wir recht beten. (S. Berach. 32.) Wir beten dann nicht blos um Brot zu essen, und ein Gewand zum bekleiden, wir flehen auch mit Inbrunst um offenen Erschluss unseres Geistes, um Reinheit unseres Willens, um Frieden des Gewissens, um Much und Ausdauer im Kampfe gegen den Feind des Heiles; flehen dann auch: ״Lehre mich, o Gott, deine Wege und leite mich auf den Pfad des Rechtes". (Pf. 27, 11.) Dann werden wir weiser von Tag zu Tag, immer sicherer sind die höher» Güter des Lebens, die Ziele unseres Strebens, immer schwächer wird die Macht der Leidenschaften, immer näher kommen wir der unversiegbaren Quelle aller Kraft und Wonnen, näher unserm Gotte, welcher der Seligste, weil der Vollkommenste ist. Diese Betrachtungen und Auseinandersetzungen sind in unserem Hauptgebete, den achtzehn Benediktionen (Schemone Eßreh) enthalten. (Fortsetzung folgt.) Sprechen und Singen. Es ist wünschenswerth, dass die Stimme, wenn irgend möglich, von Anfang an unter Leitung stehe, so dass es nachher nicht nöthig ist, schlechte Gewohnheiten anszutreiben. Später, wenn die wirkliche Erziehung beginnt, ist es von höchster Wichtigfeit einen durchaus guten Lehrer zu haben. Wie aber, wird inan fragen, soll man unter der großen Schaar die wirklich guten Lehrer von den Charlatanen unterscheiden? Ich antworte darauf An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ebenso wie man einen Doctor nach der Anzahl guter Kuren, die er gemacht, den Advocaten nach der Anzahl von Spitzbuben, die er vor dem Galgen bewahrt, beurtheilen wird, so beurtheilt man die Fähigkeit eines Gesanglehrers nach den Leistungen seiner Schiller. Singen sie gut? Und halten sich ihre Stimmen? Dies practische Zeugnis ist das einzige sichere Kriterium, und uin so mehr, wenn es mit einigem Nachdenken angewendet wird. Die vom Lehrer erreichten Resultate sollen nicht gezählt, sondern gewogen werden: die Ausnahmen sollten da gar nicht berücksichtigt werden. Man schiebe nicht größere Zahlen schlechter Resultate auf die Unfähigkeit seiner Schüler, denn eine gute Lehrmethode wird gerade bei Minderbegabten ihre Triumphe feiern. Der Ackerbau ist zur höchsten Vollkommenheit in Schottland entwickelt, wo der Boden am unfruchtbarsten ist. Ein idealer Gesanglehrer nruß ein Monstrum an Vollkommenheit sein und ist in der Wirklichkeit so wenig zu finden wie das perpetmim mobile oder die Quadratur des Zirkels. Da aber die Eigenschaften und Talente, die zu einem guten Gesanglehrer gehören, ebenso mannigfaltig wie selten vorhanden sind, so thut mau gut, seine Anforderungen nicht zu hoch zu stellen. Nicht jeder kann gut singen, und von denen, die gut singen können, wissen doch die meisten nicht, wie man es anfangen muß, um es zu lehren. Außer denjenigen Eigenschaften, die jeder tüchtige Lehrer besitzen muß, als: gründliche Kenntnis des Gegenstandes, große Erfahrung, gediegenes Urtheil, Klarheit des Denkens und der Ausdrucksweife, Interesse für die Sache, persönliche Begeisterung und die Gabe, dieselbe auf andere zu übertragen, Verbünden mit der Geduld des ״Hiob und der Kraft des Herkules, nmsi der Gesanglehrer noch die speziellen Eigenschaften, die sein Fach erfordert, besitzen. Oft schon ist die Frage erörtert worden, ob ein Gesanglehrer singen können müsse. Die Lehrer selbst betrachten diese Frage natürlich vom Standunkte ihrer . persönlichen Begabung. Auf den ersten Blick freilich scheint es, als ob ein Gesanglehrer, der nicht singen kann, dem bekannten. Swift'schen Tanzlehrer gliche, der alle mögliche Begabung für sein Fach besaß, aber lahm war. Diese Ansicht ist jedoch eben so unrichtig wie diejenige, dass, wer fette Ochsen treiben will, auch selbst fett sein müsse. Der Gesanglehrer muß allerdings genug singen können, um seine Lehren durch Beispiele zu erläutern und um seinen Schülern demonstrieren zu können, wie man singen muß, wie nicht. Es ist aber durchaus nicht nöthig, dass er brillanter Sänger sei, und niemer Erfahrung nach befitzen manche derjenigen, welche die vorzüglichsten Stimmen gebildet haben, wenig oder gar nichts von der göttlichen Gabe, die sie bei anderen pflegen. Die begabtesten Jünger einer Kunst sind sehr häufig durchaus nicht die besten Lehrer derselben. Theils fehlt es ihnen an Geduld, theils an der Gabe, ihre Kunst Andern mitzutheilen. Der Wetzstein, der die Rasiermesser schärft, aber selbst nicht schneiden kann, der Wegweiser, der den. Weg zeigt, aber selbst nicht gehen kann, sind Sinnbilder des Gesanglehrers. Dies scheint auf den ersten Blick eine ziemlich untergeordnete Thäügkeit zu sein, aber man bedenke, dass die Gabe, Andere zu unterrichten, eine Kunst sui generis ist, ebenso wie die Gabe des Gesanges selbst, und dass wohl nur durch einen besonders glücklichen Zufall beide Fähigkeiten sich in einem Individuum vereingt finden werden. Ich hoffe, man wird mich nicht dahin mißverstehen, dass ich annehme, je schlechter jemand singt, um desto besserer Lehrer müsste er sein. In einer Kunst, die zum großen Theil durch Nachahmung gelernt werden muß, soll bis zu einem gewissen Grade der Lehrer ein Vorbild sein. Aber abgesehen davon, dass die.Genies im Fache selten die Gabe besitzen, Andere zu unterrichten, und dass ihre hervorragenden Leistungen die Schüler leicht entmutigen und niederdrücken, scheint oft geradezu ein Wechselnerhättnis zwischen der Größe des eigenen Könnens und der Gabe der Mittheilung zu bestehen. Das hat seinen Grund in dem prinzipiellen Unterschied zwischen der synthetischen oder construcüven sund der analytischen oder kritischen Geistesbegabuug. So sind bedeutende Grammatiker und gelehrte Physiologen oft unbedeutende Aerzte. Dichter verstehen es meist schlecht, Verse zu beurtheilen, während der Pegasus der Kritiker ein Zwillingsbruder der Rosinante zu sein Pflegt. Ohne Zweifel verdient zur Vorbereitung für das öffentliche Singen derjenige den Vorzug, der selber einmal das Lampenfieber kennen gelernt, denn der Werth der praküschen Erfahrung ist hier nicht zu unterschätzen. Wenn nun auch einem Gesanglehrer gestattet sein darf, eine mittelmäßige Stimme zu besitzen, so muß er anderseits über ein sehr feines musikalisches Gehör verfügen. Er soll einen vornehmen Geschmack besitzen, gebildet an dem Besten, was in der Welt gesungen und gedichtet, und seine künstlerische Bildung darf sich nicht nur auf sein eigenes Fach, sondern muß sich auf das ganze Gebiet der Musik und ihre Grundsätze ersttecken. Er muß unendliche Geduld besitzen, um die Ungebundenheit, diese stete Begleiterin des Genies, ertragen zu können, und er darf keine Mühe scheuen, um . eine genaue Kenntnis der Fähig-- keiten seines Schülers zu erlangen, damit er dessen gute Eigen-

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