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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-21 · Heft 30 (21.12.1894) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 30 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Gesterreichisch-ungariscke Lantoren-Aeitung Seite &. Gotteslehre und deren Verbreitung, das Gebot der Tefillin, Schaufäden, Mesusn und' dergleichen, deren Erflillung durch die sichtbaren Glieder des Menschen bewerkstelligt wird. Der ge-- Heime Gottesdienstbetrifft die Herzenspflichten, als die innere- Anerkennungder göttlichen Einheit,--der Glaubean׳ ihn und seine Lehre, die Ehrfurcht, die Demüth, die Liebe zu ihm und das׳ Vertrauen auf-ihn, die Entfernung von Allem, was ihm verhasst, Heiligung seines Namens-und dergleichen. Alles, was -auf. .die innere Empfindling ^des Herzens beruhet, ohne der sichtbaren körperlichen Glieder zu-benöthigen." Jedoch׳ dürfen auch bei äußerlichen Handlungen Herz und Seele nicht unbeachtet bleiben, denn Gott sieht aufs Herz, lehren unsere Weisen. Es ist dies demnach Grund genug für unsere innere und äußere Verpflichtung, auf dass unser Gottesbienst den Stempel der Vollkommenheit an sich trage und unseren inneren und äußeren Th eit/ als dem Schöpfer geweihet, verkläre. Der Mensch ist zum Gottesdienst verpflichtet, wie dies die klare Vernunft jedem Empfänger von Wohlthaten seinem Wohlthäter gegenüber auferlegt. Wir müssen aber auch Gott dienen, loben und anbeten, wenn auch Unglücksfälle uns treffen, so lehrt es uns die Religion: ״So wie man Gott preist für bas Gute, müssen wir ihn auch loben, wenn uns Böses widersährt" (Berach. 33), denn wir wissen ja nicht, ob das Schlechte nicht den Weg zum Guten uns bahnt. Beispiele dafür finden mv ja mehrere in der Bibel, wir erinnern nur an den biblischen Josef, was sich auch im Leben aller Zeiten bewährte. Das kann auch der Sinn eines Ausspruches des Propheten Jeremias in seinen Klageliedern sein (Echa 3, 38): ״Aus dem Munde des Höchstem geht das Böse, wie das Gute, nicht hervor." Dieser Satz stünde doch im Widerspruche mit dem Glaubensgrundsatze von der Vorsehung Gottes (Hascligoclio). Aber der Sinn ist so: Aus dem Munde des Höchsten geht Uebet hervor, bas nicht zum Guten führen möchte. (Horoaus w’Hatauw.) Ist bäs aber nicht der Fall, so geht das Böse nicht von Gott, sondern von dem Menschen selbst aus, die das Uebel herbeiführen, wie das-ja häufig der Fall ist. IV. Das Gebet. ' Das Gebet ist das höchste Vorrecht des Menschen, die schönste Verrichtung, der er fähig ist. Ein himmlisches Geschäft, welches die Zwiesprache vermittelt zwischen der Ober- und Unter- Welt, es ist der Eingang des Geistes in seine Heimat, die untrügliche Urkunde seiner hohen Abkunft, die unzweideutigste Bürgschaft seiner ewigen Zukunft, die feierliche Huldigung des Weltenherrn. Und wenn Sandalfon Kronen windet für den König aller Könige, so macht er sie aus den Gebeten der Frommen. (Chagiga 13.) Aber vorsichtsvoll müssen wir sein, nicht mit dem Gebete so lange zuwarten, bis ein mächtiger Anstoß von Außen, eine mahnende Veranlassung der Verhültniße uns zwingt, den himmlischen Schutz zu suchen, das wäre nicht kindlich, sondern sklavisch, ganz gemeiner Eigennutz. Sehnsucht muß uns zum Vater treiben, Liebe und Herzensinnigkeit, nicht blos die Ohnmacht, das peinigende Gefühl unserer Ohnmacht, das Bewusstsein der Sündhaftigkeit, die Folter innerer Anlage über die verlorene Unschuld, die zitternd um Gnade flehet. Nicht bloß beten mit Seufzern und Thränen, Freude ist der schönste Gottesdienst. Wir können auch mit gebrochenem Herzen beten, können, wenn uns Alles getäuscht, treulos betrogen hat, die letzte Zuflucht bei ihm suchen, dessen Erbarmen keine Grenze kennt, der unermüdet auf die Rückkehr seiner verlorenen Kinder wartet, denn er hat gesprochen: ״Rufe mich an am Tage der Noch, ich will dich befreien, und du preise mich." (Ps. 50, 15.) Aber das darf nicht der alleinige Inhalt des Gebetes sein. Erst müssen wir uns hineindenken in die wunderbare Erhabenheit, bekundet in der Größe der Natur, in die Ordnung und Weisheit ihres Haushaltes, in das Gefüge der Erzeugniße, die väterliche Fürsorge, mit der er uns bewacht. Wir müssen den Hochgefühlen, die sich in uns regen, beim Anscheine seiner Schöpfungen, bei der Ahnung seiner Allmacht, Ausdruck verseine Arbeitskraft — sogar die rein physische — waren erstaunlich. Selbstverständlich konnte es nicht fehlen, dass die Sprache auch auf jüdische Musik gelenkt wurde. Der Umstand, dass die traditionellen Gesänge der Juden so große Aehnlichkeit mit denjenigen orientalischer Völkerschaften aufweisen und dass den meisten dieser Gesänge die griechischen und die alten Kirchentonarten zu Grunde liegen, veranlasste ihn zu der wiederholt geäußerten Bemerkung, es scheine ihm, dass die jüdische Musik — es sind darunter die traditionellen Synagogalgesänge zu verstehen — der eigentlichen Selbstständigkeit entbehre. Während der sieben Jahre, als ich den Obercantor-Posten an der Hauptsynagoge in Odessa inne hatte, hatte ich häufig Gelegenheit, mit Rubinstein zusammenzutreffen. Er kam fast alljährlich um die Weihnachtszeit herum nach dem südlichen Palmyra — der Schönheit des Südens Kosename, den man der Stadt Odessa beigelegt hat und den sie übrigens thatsächlich verdient — um hier im Kreise seiner nächsten Angehörigen, in Gesellschaft seiner alten Mutter und seiner beiden Schwestern, an denen er mit rührender Zärtlichkeit hieng, von den Aufregungen und Strapazen eines stürmisch bewegten Wander- und Künstlerlebens auszuruhen. Es war ihm Bedürfnis, bei seiner greisen Mutter eine Taffe Kaffee zu trinken, sich von ihr ein ganz klein wenig zurechtweisen zu lassen, auch ob seines Spiels, das die Mutter nicht immer zufriedenstellte. Sie war vielleicht der strengste Kritiker, den Rubinstein je gehabt hat.. . Zur rechten Ruhe kam er übrigens auch während dieser kurzen Ferienwoche, die er sich alljährlich gönnte, nicht. Die Besuche der den Musikkreisen Angehörenden und der sich ihnen Zuzählenden wollten kein Ende nehmen. Dass ich es fiir. meine Pflicht erachtete, ihm, der mir jederzeit so viel Freundlichkeit und Wohlwollen bewiesen hatte, bei seiner jedesmaligen An- Wesenheit in Odessa meine Aufwartung zu machen, erscheint selbstverständlich. Außerordentlich erfreut und gerührt hat micht was mir Tedesco, der nicht nur in Odessa, sondern auch in ganz Rußland als hervorragender Clavierpädagog galt, während einer solchen Anwesenheit Rubinsteins in Odessa erzählt hat: In Gegenwart Tedesco's sagte Rubinstein einmal zu seiner Schwester, die bis jetzt als Gesangslehrerin in Odessa wirkt: ״Schicke deine Schüler in den Tempel, dass sie den Bachmann hören und lernen, wie man fingen soll." Einmal ließ mir Rubinstein durch eine Schülerin sagen, er werde am Freitag Abend in die Synagoge kommen. Ich traf die Anordnung, dass mir seine Ankunft in der Synagoge gemeldet werde. Er kam auch wirklich, mischte sich aber unter die beim Eingänge stehende Menge und blieb da fast während der ganzen Dauer des Gottesdienstes unbemerkt und unberücksichtigt. Erst später erfuhr ich, dass er dagewesen sei. Nicht unerwähnt kann ich auch die Aufmerksamkeit lassen, die er meinem Synagogalwerke ..Scliirath Jakob“ hat angedeihen lassen. Ich legte es ihm im Manuscript vor, er behielt es volle vier Tage bei sich, sprach sich dann in lobender Weise über dasselbe aus und ersuchte mich, ihm einige Nummern, die er selbst bezeichnete, abzuschreiben. Nun ist er, der Große und Herrliche, zur ewigen Ruhe gebettet worden, niemals aber wird das Andenken an seine machtvolle und lichte Persönlichkeit, an seine unerreicht dastehende Kunstfertigkeit aus dem Gedächtnis der Mit- und Nachwelt schwinden. Jacob Bachmannn in Budapest.

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