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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-21 · Heft 30 (21.12.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 30 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 30. Stellung und die Äntheilnahme der Cantoren am Gottesdienste sowohl, wie auch an Functionen außerhalb des Gottesdienstes zu vertreten scheint. Außer persönlichen Verhälttrißen müssen ihn prinzipiell sachliche Momente zu der ganz irrigen und widerspruchsvollen Anschauung verleitet haben, dass der Cantor in- und außerhalb der Synagoge nur eine zweite Stelle neben dem Chordirigenten einnimmt und darum bei vielen Functionen ganz entbehrt werden kann. Geschichte und Tradition des jüdischen' Gottesdienstes sowie die allgemeine Uebung widerstreiten. einer solchen Auffassung, und wenn wir als Vertreter des Cantorenstandes gegen dieselbe ankämpfen, wird uns dies auch von dem verehrten Jubilar nicht übel genommen werden. Cantor und Chordirigent müssen Hand in Hand gehen, soll Ersprießliches geleistet werden, und der Letztere darf nicht vergessen, dass der Cantor beim liturgischen und gesanglichen Theil des Gottesdienstes immer der erste Factor sein unb bleiben wird, wenn wir uns nicht durch die Dominanz des Chores und des Chordirigenten der Synagoge abwenden und den Pforten der Kirche nähern wollen. Als ein äußeres Zeichen collegialen Zusammenwirkens haben wir es freudig begrüßt, als bei Gründung des österreich.- ungarischen Cantorenvereines der Chordirector Rubin mit den Cantoren Prag's sich zu vereintem Streben zusammenfand, und umsomehr musste uns in der Folgezeit die traurige Beobachtung befremden und betrüben, dass dieses naturgemäße Verhältnis sich nicht nur lockerte, sondern dass der Chordirector überall seinen Einfluss aufbot, um den Wirkungskreis des Cantors zu schmälern und die Autorität desselben herabzusetzen. Wir hoffen und wünschen, dass die bisher zu Tage getretenen Gegensätze sich in der Zukunft mildern werden, und nachdem wir heute der langjährigen hervorragenden Wirksamkeit des verehrten Jubilars öffentliche Anerkennung gezollt haben, fügen wir dem Wunsche für sein ferneres Wohlergehen noch den einen Wunsch hinzu, dass er dem Cantor gebe, was des Cantors ist, und dass er der Förderung der Harmonie, die doch seinen ganzen Lebenszweck erfüllte, auch in seinem Verhältniße zu den Cantoren Ausdruck leihe. Tulluelles, Rituelles, Liturgisches. Nach Quellen aus talmudischen und nachtalrnudischen Schriften bearbeitet und erläutert von Rabbiner L. Wollner. (Fortsetzung). HL Gottesdienst. Zur Gotteserkenntnis und Menschenbesümmung gelangen wir durch Gottesverehrung und Gottesdienst. Man verehrt Gott, wenn man nach seinen Geboten lebt, seinen Namen durch Wort und That verherrlicht, einen sittlich religiösen Lebenswandel führt und Wohlthätigkeit ausübt. So lautet auch des Propheten Mahnung: ״Mensch! es ist dir verkündigt worden, was der Ewige dein Gott von dir fordert, und was zu deinem Heile dient: Recht handeln, Liebe üben und bescheiden wandeln vor dem Ewigen deinem Gotte". (Micha b, 8.) Darin aber besteht mehr die äußere Gottesverehrung. Zur Veredlung des Herzens, zur Erhebung der Seele, zur Erbauung und Vergeistigung gehört die Gottesverehrung durch den Gottesdienst, darin besteht die innere Ehrfurcht vor Gott. So lautet das Gebot in der heiligen Schrift: ״Und nun Israel, was fordert d er Ewige dein Gott von dir, dass du ihn ehrfürchtest, ihn liebest, ihm dienest mit ganzem Herzen und ganzer Seele". (5. M. 10, 12.) In diesem Sinne spricht Rabbi Bechaji in seinem Werke (Chowaus Halwowaus) schon in der Vorrede: ״Anerkannt ist es, dass der Mensch aus Körper und Seele zusammengesetzt ist, und von diesen beiden durch die Allgüte des Schöpfers vereint, ist der eine Theil sichtbar, während der andere Theil unsichtbar ist. Demzufolge ist es klar, dass wir hiefür zu einem öffentlichen und geheimen Gottesdienste verpflichtet sind. Der offenbare Gottesdienst umfasset die körperlichen Pflichten: Das Gebet, das Fasten, die Wohlthätigkeit, das Studium der götterte Künstler, hatte, von einer kunstsinnigen russischen Großfürstin in hochherziger und eifriger Weise unterstützt, seine volle Kraft eingesetzt fiir das Zustandekommen der oberwähnten Institute, denen dann in der Geschichte der russischen Musik eine so epochemachende Rolle zufiel. Ich war damals, noch sehr jung au Jahren aber schon Frau und Kind besitzend, auf die dringende Aufforderung meines Bruders, des in Rußland wohlbekannten Malers und Architekten Leon Bachmann, nach Petersbürg gekommen und befand mich unter den ersten Gesangszöglingen der neuen Anstalt. Es waren ihrer nicht viele, man ließ uns deshalb ganz besondere Aufinerksamkeit angedeihen, der Unterricht wurde in sehr sorgfältiger Weise ertheilt. Rubinstein, dem die Direcüon des von ihm gegründeten Conservatoriums übertragen worden war, entfaltete eine wahre Riesenthätigkeit. Er gab selbst Unterricht im Clavierspiel, in allen Fächern der Musiktheorie, in Solseggio- und Chorklasse, im Ensemble- und Orchesterspiel, und für diese ungeheure Arbeitsleistung erhielt er das geradezu lächerliche Jahresgehalt von 3000 Rbl., von denen er obendrein 2000 Rbl., das Schulgeld für die Zöglinge der Blasinstrumentenklaffe, zahlte ... Es ist selbstverständlich, dass Rubinstein, dessen Jahresgehalt am Conservatorium dem Erttägnis eines Concertes gleichkam, nicht dieses famosen Gehaltes wegen wirkte. Ich blieb verhältnismäßig nicht lange am Petersburger Conservatorium. Das Warum zu erörtern, ist hier nicht der Ort. Hatte ich am Conservatorium Gelegenheit, die pädagogische Thätigkeit Rubinsteins in allernächster Nähe zu beobachten, so konnte ich einige Jahre später in eben solch' unmittelbarer Nähe nicht nur bewundernder Zeuge seiner künstlerischen Virtuosenthätigkeit sein, sondern mir ward auch das Glück und die Ehre zu Theil, in den von ihm veranstalteten Concerten Mitwirken zu dürfen. Ich war damals Cantor in Rostov (Rußland), er hatte mich in der Synagoge und privatim gehört, und das Resultat war, dass ich mit ihm volle vier Wochen herumreisen und mich an seinem Concerte mit dem Vortrag einiger Lieder und Arien betheiligen durfte. Nach einem dieser Concerte — es war in Nowo-Tscherkask — war Rubinstein beim Kosaken- Hettnan zum Thee geladen. Meine Wenigkeit musste natürlich — schon der Form halber und als nothwendiges Anhängsel — mit herangezogen werden. Als wir uns zu Tische gesetzt halten, führte ich entschuldigend an, dass ich als Cantor und Jude bei einem Nichtjuden nicht essen dürfe, worauf Rnbinstein lächelnd sagte: ״Mein lieber Herr Bachmann, wir werden Sie umtaufen, und dann werden sie Opernsänger und können dann Alles genießen, was gut ist." Er war an diesem Abend besonders gut aufgelegt und gab eine ganze Reihe von Vorträgen am Clavier zum Besten, wozu übrigens auch der Umstand beitragen mochte, dass die Frau des Hettnans (ich glaube, er hieß Tschertkow) eine Verwandte von Rubinstein war. Sie war eine getaufte Jüdin und sogar, wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stiche läßt, die Tochter des Rabbiners Shitomir. Um die historische Treue zu wahren, muß ich übrigens gestehen, dass ich mein redlich Theil an dem ״Musikmachen" hatte, ich musste fast die ganze Nacht hindurch singen. In solcher Weise bot sich mir damals Gelegenheit, ganze Tage und Nächte in Gesellschaft Rubinsteins zuzubringen. Dass sie ungemein anregend wirkten, braucht natürlich nicht erst erwähnt zu werden. Er sprach für gewöhnlich nicht viel, befleißigte sich einer lakonischen Ausdrucksweise, aber was er sagte, war eben so bestimmt und prägnant^ gefasst, als es inhaltsreich und bedeutend war. Seine geistige Regsamkeit und

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