Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 30 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3. Nr. 30. . Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeilung. Fächer der Musik und die Gründung des Gesangsvereines ״Harmonie", dessen Protectorat der Musikgelehrte Dr. A. W. Ambros übernimmt.; Der Name Rubin erfreut sich in Prag eines guten Rufes, die Leistungen des Tempelchores in der Meiselsynagoge finden allgemeine Anerkennung, und so wird dem eifrig schaffenden Manne am Ende des Jahres 1869 die Stelle als Chordirector am neuen israelitischen Tempel, der hervorragendsten Synagoge Prags, angeboten. Rubin folgt diesem ehrenden Rufe, behält aber über Wunsch des Vorstandes auch die Leitung des Chores an der Meiselsynagoge, und der Gottesdienst an beiden Syna-! zogen wird derart gestaltet, dass es dem gemeinsamen Chorj director, der auch zeitweilig cantorale Functionen ausübt, möglich ist, den an ihn gestellten Anforderungen nach beiden Seiten gerecht zu werden. Mit der Uebernahme dieser Chorleitungen ist Rubin in seine eigentliche Wirkungssphäre eingetreten. Sein tiefreligiöser Sinn, die als Chordirector gesammelten Erfahrungen und das Bestreben, den israelitischen Gottesdienst zu veredlen, lassen ihn dasjenige Gebiet finden, aus welchem er bis heute mit bedeutendem Erfolge wirkt. In dieser Weise hat Rubin hervorragenden Antheil an der zeitgemäßen Umgestaltung des jüdischen Gottesdienstes genommen, und sein großes Werk ״Schire Hechal", welches fast die ganze Arbeit seines Lebens aus dem Gebiete der Synagogenlitteratur umfasst, ist namentlich in den Cultusgemeinden Böhmens mustergiltig geworden. Chronologisch geordnet seien hier die bis jetzt erschienenen eils Hefte genannt: 1. ) ״Vorabend des Sabbaths" (3. revidirte Auflage) : 2.) ״Morgen- und Mußaphgebet für den Sabbath" (3. revidirte Auflage in Vorbereitung); 3.) Anhang zu den Sabbathgesängen" (3. rev. Auflage in Vorbereitung); 4.) ״Ausgewühlte Kleinodien althebräischer liturgischer Gesänge"; 5.) ״Die Sabbathruhe"; 6.) ״Psalmen und Gebete" 1. Th.: 7.) ״Psalmen und Gebete" 2. Th.; 8.) ״Psalmen und Gebete" 3. Th. oder ״Das ist der! Tag des Gerichtes"; 9.) ״Seelengedächtnisfeier"; 10). ״Lob? j gelänge für Ruhe- und Festtage"; 11.) ״Gesänge der Andacht"! (soeben erschienen.) Die Prinzipien, von welchen Rubin in seinen sämmtlichen Synagogen-Compositionen sich leiten ließ, fasst er selbst in folgenden Worten zusammen: ״Unser Gottesdienst braucht einfache, aber wiirdige Gesänge, Musik und Text müssen sich decken und auf die richüge Betonung der hebräischen Worte ist vornehmlich Bedacht zu nehmen. Recitative sind niederzuschreiben, damit dem nur zu oft sinnlosen Extemporiren der Boden ent- - zogen wird; bei Harmonisierung und Rhythmisierung von alt-! hebräischen Melodien muß man das Alte in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten." Die reichen Kenntniße und Erfahrungen Rubins wurden außer seiner Thätigkeit als Chordirector auch noch anderweitig in Anspruch genommen. Am 1. Februar 1870 wird ihm vom Privat-Frauen-Verein zur Erziehung armer isr. Waisenmädchen die musikalische Ausbildung der Zöglinge übertragen, und 1882 die Direction der von der Repräsentanz der Landesjudenschaft des Königsreiches Böhmen creirten Cantorenschule anvertraut. Als Dirigent wurde Rubin bei allen bedeutenderen Festlichkeiten herangezogen und es entstanden bei solchen Anlässen viele Gelegenheits-Compositionen. Aus der großen Zahl derselben seien besonders 3 Männerchöre (Psalm 67, 121, 130) hervorgehoben, welche anlässlich der feierlichen Einweihung der Ceremonienhalle auf dem neuen israelitischen Friedhofe in Xi/.kow (14. Mai 1893) zur Aufführung gelangten. So sehr wir nun die hervorragenden Verdienste Rubins um die Hebung des jüdischen Gottesdienstes anerkennen und würdigen, leitet uns gerade die Erinnerung an die vorerwähnte Feierlichkeit auf einen Puuct, in dem wir mit ihm nicht übereinstimmen können. Es ist das sein nichts weniger als harmonisches Verhältnis zu den mit ihm an den gleichen Synagogen wirkenden Cantocen, sowie die Ansicht, welche er überhaupr über die Eine Reminisren; sn Rubinstein. Es wird gegenwärtig so viel über Rubinstein geschrieben, so viele Einzelheiten und Reminiscenzen aus dem Leben dieses Musikheros werden von allen Seiten wiedergegeben, dass man auf den ersten Blick fast über Ueberfülle des Gebotenen klagen möchte. Sieht man aber genauer hin, so muß man eingestehen, dass, so viel auch schon in den Tagesblättern über Rubinstein geschrieben und berichtet worden ist, die Eigenart dieser merkwürdigen und großangelegten Individualität doch noch bei weitem nicht erschöpfend charakterisirt erscheint, und dass auf diesem Gebiet noch so Vieles und Wesentliches, wenn nicht das Wesentlichste, zu sagen übrig bleibt. Rubinstein hat während seiner mehr als fünfzigjährigen, eben so glanzvollen als vielbewegten Laufbahn so außerordentlich viel und nach den verschiedensten Richtungen hin gewirkt, er hat auf so Viele in mächtigster Weise eingewirkt, er unterhielt eine solche Menge von Beziehungen und hatte Begegnungen mit einer so unendlich großen Anzahl von Personen verschiedenster Gesellschafts- und Berufsklassen und er war selbst eine in ihrem Gesammtwesen so ausschließliche Persönlichkeit, dass nicht nur Zeitungen, sondern selbst Bnchbände all' das Vielgestaltige des Lebensinhaltes dieses genialen und ausschließlichen Mannes nicht erschöpfen könnten. Ich nenne ihn genial und ausschließlich nicht deshalb, weil er der hervorragendste Klavierspieler seiner Zeit war, nicht deshalb, weil er über eine starke und eigenartige componistische Begabung verfügte, nicht deshalb auch, weil er das erste Conservatorium in Rußland gegründet hat und so recht eigentlich als der Urheber des Musiklebens in Rußland, um das er sich colloffale Verdienste erworben hat, zu betrachten ist — sondern ausschließlich wegen der fast beispiellosen Ver einigung hervorragender Eigenschaften und Vorzüge. Klavier spieler, die ihm vollkommen ebenbürtig gewesen wären an Kraft und Umfang der Begabung, gab es zwar seit Liszt's Zeiten nicht, aber trotzdem tauchten von Zeit zu Zeit Rivalen auf, welche die Kritik mit ihm verglich, ja in Bezug auf technische Einzelheiten über ihn stellte; als Componist nahm Rubinstein keine Sonderstellung ein, unter den zeitgenössischen Componisten war Mancher, der ihn überragte und dessen Einfluss auf dem Gebiete musikalischer Production sich nachhaltiger und entschiedener äußerte, wie beispielsweise Brahms und Wagner. Aber wie zahlreich auch die Reihen der producirenden und reproducirenden Künstler auf dem Gebiete der Musik sind, fast keiner ist unter ihnen zu finden, der zu gleicher Zeit ein so unvergleichlicher Beherrscher der Tastenwelt und ein so hochbegabter Componist gewesen wäre, in solch' ungewöhnlich starkem Maße die musikalische Er- Ziehung und Entwicklung seiner Nation gefördert, so Großes und Unvergängliches für dieselbe gewirkt Hütte und dabei eine so überaus sympathische, kraftvolle und originelle, stets dem Edelsten zustrebende und ideal veranlagte Persönlichkeit gewesen wäre. Ich betrachte es als ein hohes Glück, dass es mir gegönnt war, zu diesem ausgezeichneten, in seiner Art einzigen Künstler und Menschen, an dem Alles liebens- und schätzenswert erschien, in näheren Verkehr zu treten und Begeisterung für sein hochkünstlerisches Wesen nicht nur aus den Erzählungen Ariderer, sondern sozusagen aus eigener, unmittelbarer Anschauung zu holen. Zum ersten Mal sah ich Rubinstein im Petersburger Conservatoriuw. Es war damals erst gegründet worden zu gleicher Zeit mit der kaiserlich russischen Musikgesellschaft. Rubinstein, der schon damals vielgefeierte rmd als Pianist geradezu ver-