Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 30 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453334--4164-3458597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. mt. 30. geißelt zu werden, hält so Manchen zurück. Von Seite der Antisemiten wurde einst zu verbreiten gesucht, der berühmte Philanthrop Montefiore hätte den Ausspruch gethan, dass wir Juden, um etwas zu erreichen, zuerst die Journalistik in unseren Händen haben müssen. Diese Behauptung wurde wohl schon oft genug als unwahr, nur von den Antisemiten erfunden, nachgewiesen, aber wenn sie auch erlogen ist, so beweist sie dennnoch, welche Bedeutung und welchen Einfluss man allgemein der Journalistik beimisst. Und das gilt nicht nur im großen politischen und socialen Leben, sondern auch in dem engen Kreise unseres Berufslebens. Wollen wir uns das bis jetzt Eroberte ganz verscherzen, so brauchen wir nur dem Vereinsorgane den Lebensodem abzuschneiden. Wir fallen dann wieder in das alte Chaos zurück, und das bis jetzt mühsam Errungene ist beim Teufel. Und nun zurück zu meinem eigentlichen Thema. Vor einiger Zeit erschien in einer Wiener periodischen Zeitschrift ein Artikel aus der Feder eines in stiller Ab geschiedenheit seinen Studien lebenden Philosophen, der bis jetzt nicht genug gewürdigt worden ist. In diesem Arükel sucht der Verfasser nachzuweisen, dass alle Erscheinungen in der Gesammtnatur wie im Menschenleben, vom unendlich Kleinen bis zum unendlich Großen, auf dem Maße, auf diesem alldurchwaltenden Weltgesetz beruhen, dass es die Grundbedingung aller sittlichen, geistigen und materiellen Freiheit sei, ja dass die höchste und universellste Aufgabe der Gesammtmenschheit ein reines Maß- Problem wäre, ״Maß" demnach als die Summe aller Welt- und Lebensweisheit mit vollem Rechte zu betrachten sei. Nach mehreren Beispielen, die der Autor liefert, fährt derselbe fort: ״Doch eine Weisheit, die nur den Einzelnen in Betracht zieht und nicht die Gesa m mtheit umfasst, kann unmöglich den Anspruch geltend machen, als W e l t w e i s h e i t gewürdigt zu werden. Alle endlosen Zwisügkeiten unserer Weisen, die unftuchtbaren Schattenjagden nach höchstem Gut, absoluter Freiheit und allumfassender Erkenntnis, beruhen auf dem Central- Jrrthum, der das H ö ch st e, das nur im Ganzen liegt, im Einzelnen verwirklicht sehen will." Auch den Schlusssatz dieses höchst interessanten Aufsatzes glaube ich nicht verschweigen zu sollen. Derselbe lautet: ״Denn wie jeder einzelne Weltkörper seinen Sphärengang in freier Selbstständigkeit nur durch die Kraft vollziehen kann, die alle z u s a m m e n h ä l t und zu einem gemeinsamen Ganzen einigt, und wie die Gesammtheit der Einzelnen sich wechselseiüg als Wandeldecoration und ruhendes Weltcentrum ergänzen und Einer für Alle und Alle für Einen geschaffen zu sein scheinen, genau in demselben Verhältniße kann der Einzelne nur durch die G esammtheit des Ganzen seinem Dasein Gehalt geben und das Ganze nur in Brennpunkte des individuellen Geistes als zusammenhängende Vernunfteinheit zum Durchbruch gelangen. Nur dass der Mensch aus freier Selbstbestimmung vollbringen soll, was in der Körperwelt nach unabänderlicher Nothwendigkeit festgestellt ist." Wer unter uns fühlt sich groß genug, um sich der Mitarbeit an dem Ausbaue unserer wichtigsten Aufgaben entheben zu dürfen, und wer niedrig in dem Maße, um sich nicht gleich dem Bausteine im Parthenon durch die allgemeine Weihe geadelt zu fühlen? Möglich, dass diese citirten Stellen, aus dem Zusammenhange gerissen, an Klarheit manches zu wünschen übrig lassen, so viel aber leuchtet jedem ein, dass die Macht nur in der Solidarität liegt. In dem Momente wo wir einig sind, sind wir stark. Werden wir uns auf dem Boden der Einheit nicht finden, dann ist schade, ein Wort über Standesinteressen ü; s. w. zu verlieren, und wir bleiben die Einzigen, an denen der Geist der Zeit vorüberrauscht. Die Nächstliegende wird zeigen, was die Cantoren können, oder was sie nicht können. David Rubin. Zu seinem 25-jährig en A m t s j u b i l ä u m als Chordirector am neuen israel. Tempel in Prag. Fünfundzwanzig Jahre emsigen Schaffens an geweihter Stätte, am Altäre des Herrn, fünfundzwanzig Jahre im Dienste einer Gemeinde, einer Idee ist ein hochbedeutsames Moment im Leben eines jüdischen Cultusbeamten, der leider nur zu oft dem Wechsel der Zeiten unterworfen ist. Und wer, wie David Rubin, an einem solch' wichtigen Lebensabschnitte angelangt, mit stolzer Genugthuung auf den reichen Inhalt seiner Lebensarbeit zurückblicken kann, dem wird gewiss die vollste Würdigung und Anerkennung der seiner Thätigkeit nahestehenden Kreise nicht vorenthalten werden. Darum wollen wir auch heute mit aufrichtiger Freude an dem Jubelfeste des Musikdirectors David Rubin theilnehmen und zur Kennzeichnung seiner Wirksamkeit einen Blick auf seinen Lebensgang werfen. David Rubin wurde am 1. Februar 1837 zu Gewitsch in Mähren geboren. Schon in frühester Jugend zeigte der Knabe ein hervorragendes Talent für Violinspiel und Compofition, was die opferwilligen Eltern veranlasste, demselben eine gediegene allgemeine und musikalische Bildung angedeihen zu lassen. So kam Rubin im Jahre 1849 an das Prager Conservatorium, woselbst er unter Leitung des Directors I. F. Kittl und des Professor Mildner sich mit großem Eifer den muffkalischen Studien hingab. Die Fortschritte des jugendlichen Zögliugs waren solch' bedeutende, dass er schon nach vierjährigem Bildungsgänge auserwählt wurde, in einem Conservatoriums- Concert am königl. deutschen Laudestheater (20. März 1853) ein Concertstiick mit Orchesterbegleitung zu spielen. Dieser Umstand verdient schon deshalb besondere Erwähnung, weil in demselben Concerte der weltberühmte Violinspieler Ferdinand Laub mitwirkte. Nach jedem Satze wurde dem 16-jährige!: Künstler stürmischer Applaus zu Theil und die Presse brachte über sein Spiel die schmeichelhaftesten Necensionen. Nach Absolvirung des Conservatoriums im Jahre 1855 begab sich Rubin, mit einem Empfehlungsschreiben seines verehrten Lehrers I. F. Kittel an den Hofcapellmeister Eckert versehen, nach Wien und wurde daselbst von Professor Fischhof in die besten musikalischen Kreise eingeführt. 1856 bis 1859 finden wir sodann den jungen Violinvirtuosen als Orchesterdireetor an den vereinigten städüschen Theatern zu Preßburg, Oedenburg und Baden. Hiemit hat Rubin seine künstlerischen Wanderjahre abgeschloffen. Das Streben nach einer ständigen Thäügkeit führt in 1860 nach Prag zurück, woselbst er gemeinsam mit David Popper den Gesangverein ״Arion" gründet, dessen Leitung er übernimmt, und lenkt durch seine Tüchtigkeit die Aufmerksamkeit der maßgebenden Kreise der Prager Cultusgemeinde auf sich. Im Jahre 1862 wird Rubin vom Vorstande der Meiselsynagoge mit der Organisation und Leitung des Tempelchores betraut. In diese Periode künstlerischen Schaffens fällt auch die Errichtung eines von der Prager Statthalterei concessionirten Musikinstitutes fiir sämmtliche praktischen und theoretischen