Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 29 (11.12.1894)
- Date
- 1894-12-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitüng. Seile 5. mit) der Gegensatz von Natur und Kunst eristiert in Wirklich " ׳keit gar nicht. So-reich auch ein Sänger von der Natur begabt ist, stets muß er lernen, wie er seine Kräfte zur höchsten Vollendung ausbildet und wie er 'mit ihnen Haushalten muß, um sie vor vorzeitigem Zugrundegehen zu bewahren. Und gerade je besser die Stimme von Natur ist, um so mehr bedarf sie einer sorgfältigen Erziehung, um sich zur höchsten Vollkommenheit zu entwickeln, damit sie ihre künstlerische Bestimmung ganz und für lange Zeit erfüllen könne. Wer ist musikalisch? Unter diesem Titel bringt das Octoberheft der ״Deutschen Rundschau" das Bruchstück einer nachgelassenen Schrift von Theodor Billroth, dem kürzlich , verstorbenen berühmten Chirurgen, das wir im Nachfolgenden wiedergeben. Billroth war nicht Uur ein gründlicher Musiker, sondern auch ein genialer Physiolog, und gerade der physiologische Theil feiner Untersuchungen über die Frage: ״Wer ist musikalisch?" fesselt die Aufmerksamkeit in hohem Grade. Billroth bespricht die Beziehungen von Tonhöhe und Tonstärke zu unserem Organismus und hebt u. a. hervor, dass, wenn auch ein gesundes Gehörorgan eine wesentliche Bedingung des Musiksinns sei, gleichwohl beim Erlöschen des Gehörs im späteren Lebensalter, wenn anders die Aufnahme von Klängen eine lebhafte und intensive gewesen-war, das willkürliche Hervorrufen der früher fest eingeprägten Erinnerungsbilder ein leicht und rasch vor sich gehender Prozeß ist. Es bedürfe gar nicht der von außen angeregten Tonwarnehmungen, um Tonbilder beim Componiren neu zu gestalten. Billroth hält dafür, dass Beethoven in feiner letzten-Periode nicht wesentlich anders, wenn auch vielleicht anders componirt hätte, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, fein Gehör in voller Ungestörtheit bis zu seinem Lebensende zu behalten. Dass der Billroth so oft häßliche Klang mancher mehrstimmiger Sätze aus Beethovens letzter Zeit und eine gewisse nervöse Unruhe in manchen seiner letzten Tonwerke unmittelbar durch seine Taubheit bedingt gewesen sein sollte, sei höchst unwahrscheinlich, weil er daneben auch wieder wunderbar schön klingende Melodien und Harmonien schuf. Die Ursache der er- 'wähnten Erscheinung liege vielmehr in seinem grübelnden, immer Ungewöhnliches suchenden Eigenwesen, sowie in den sprungweisen Sümmungen, denen er unterlag und worauf seine Taubheit allerdings einen sehr wesentlichen Einfluss hatte. Billroth weist auch auf Richard Wagner hin, dessen ״Lohengrin" in Deutschland aufgeführt wurde, während der Dichtercomponist im Exil lebte; es sei nicht bekannt, dass er etwas an der so eigenartig schönen und interessanten Klang- Wirkung seiner sehr complizirten Partitur geändert hätte, nachdem er später seine Oper zum ersten Male gehört. Meyerbeer änderte fteilich viel nach den ersten Proben; doch diese Aenderungen bezogen sich fast ausschließlich auf die theatralischen Wirkungen und waren meist Kürzungen. Wagner hätte der Empstndung Billroths nach gut gethan, dieses Beispiel uachzuahmen; haben doch auch Göthe und Schiller nach den Proben, selbst nach den ersten AuMhruugen häustg genug zu Gunsten der Bühnenwirkung geändert und gekiirzt. Sehr interessant ist das von Billroth geschilderte Ueberspringen von Tonempfindungen auf andere Nerven. Durch Versuche wurde festgestellt, dass sehr hohe Töne eine schmerzhafte Emfindung erzeugen, wie auch sehr grelles Licht unangenehm im Auge empfunden werde. Weniger bekannt ist es, dass Eindrücke von einem Sinnescentrum zum anderen überspringen und dass es Menschen gebe, welche auch beim mäßigen Trompetenklänge die Wahrnehmug von Gelb im Auge haben. Bei anderen ruft der Pfeifenton die Vorstellung von Gelb, der Ton der Kirchenglocke die von Violett, der Violinton von Rothviölett hervor. Vocalen entsprechen bei anderen Leuten folgende Farben: schwarz dem A, hellviolett dem E, hellgelb dem t, dunkelviolett dem O und braungrau dem TJ. Billroth selbst hörte einmal eine Conzertsängerin ein hohes B um einen Viertelion zu hoch einsetzen, wobei er heftigen Schmerz in einem Zahn empfand, der ihm nie zuvor weh gethan hatte. Der Zahnarzt fand darin eine kleine kariöse Stelle. Der durch Erkrankung überreizbar gewordene Empfindungsnerv des Zahnes wurde durch einen, vom Gehörorgan übertragenen Reiz erregt. Bei einer dänischen Dogge sah Billroth auch das Ueberspringen der akustischen Wirkung auf Bewegungsnerven, als das Orchester eines Gebirgsdorfes einen Schützenmarsch sehr kräftig einsetzte. Das Thier fiel vor Schreck wie ohnmächtig hin; die Beine waren nach vorwärts und rückwärts gestreckt; es trat eine momentane Reflexlähmung ein. Wenn Hunde Musik, zumahl hohe Töne hören, so heulen sie wehmüthig, als wenn sie den schrecklichsten Schmerz empfänden, und laufen doch nicht davon; wie hypnotisirt verbleiben sie an dem Orte ihrer Qual. Da eine ästhetische Wirkung ausgeschlossen ist, so müsse eine physiologische Ursache hierbei gesucht werden. Manche Hunde heulen nur beim Geigenspiel; allgemach gewöhnen sie sich daran und lassen das Heulen. Vielleicht wirken gewisse, mit starken Obertönen verbundene Klänge ganz besonders unangenehm auf ihr Gehörorgan. Interessant sind Billroths Betrachtungen über den Rhythmus. Er weist darauf hin, dass bei Unmlfivirten Völkern der mnsikalische Sinn mit dem Gefühl für rhythmische Bewegung so ziemlich erschöpft sei; Melodie und Harmonie seien erworbene Producte der Cultur. Rhythmische Bewegungen gehören zu den wichtigsten, zum Leben nöthigsten Eigenschaften unseres Körpers. Vor allem sei es das rhythmische Athmen, dessen Wichtigkeit für das Behagen unserer Existenz erst recht bemerkbar wird, sobald es irgendwie gehemmt werde. Eine andere rhythmische Bewegung, deren wir uns freilich nur sehr selten bewusst werden, mache das Herz in uns. Es schlage von dem ersten Augenblicke seiner Thätigkeit an den Tact zu dem Trauermarsch, der uns das ganze Leben hindurch zum Grabe geleitet. Der Mensch habe eine große Freude an seinen eigenen rhythmischen Bewegungen, wie es die reine Lust am Tanzen und Marschieren, zumal bei Kindern beurkundet. Der Tanz der Griechen erstreckte sich, wie auch der Tanz der jetzigen Orientalen uud vieler Naturvölker, am allerwenigsten auf die Beine, weit mehr auf die Arme und auf den Rumpf. Tanz und Marschmusik veranlasst uns, den durchs Ohr aufgenommenen Rhythmus in Bewegungen des ganzen Körpers umzusetzen. Auch das Sehen von Tanzenden und Marschierenden könne nach dem Physiologischen Gesetz der Mitbewegungen und Mitempfindungen rhythmische Bewegungen bei uns auszulösen. Billroth weist darauf hin, dass die Erziehung bei einigen Völkern die Unterdrückung jeder persönlichen Regung und die möglichste Unabhängigkeit von allen Reizen zum höchsten Ideal aller menschlicher Vollkommenheit erhebe. Aehnliche Principien durchströmen die Erziehung der englischen Nation. Wer sich in