Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-11 · Heft 29 (11.12.1894) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 29 (11.12.1894)
Date
1894-12-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453333--4157-3458589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite. 4. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Sprechen und Singen. Bei eurem Ueberblick über die ganze Frage der Registerbildung kann nicht geleugnet werden» dass sich bei diesen!Gegenstände sehr viele Schwierigkeiten austhürmen. Vier Arten der Uwersuchung wussten in Anwendung gezogen werden, um die Kenntnis, welche wir jetzt über die Stimmbildung besitzen, zu erlangen, und zwar 1) subjektive Empfindungen, 2) Analogien, 3) Thierversuche, 4) direete Beobachtungen. Einzelne dieser Mechoden sind ganz unzuverlässig, keine derselben ist vollkommen genügend. Die Ausdrücke ״Brust-" und ״Kopsregister" sind die Ausgeburten der mißverstandenen subjectiven Empfindungen; ebenso haben dieselben zahlreiche falsche Anschauungen über den Sitz und die Art der Stimmproductioy im Gefolge gehabt. Während der eine Sänger be- Hauptes dass er seine Falsetttöne hinten aus der Nase heraushole, erzählte der. andere, sie kämen aus dem höchsten Theile seines Schädels, und jeder verkündet dieses Ergebnis seiner Selbstbeobachtung mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit. Empfindung ist immer ein höchst unzuverlässiger Erklärer in allem, was das Arbeiten unseres Organismus betrifft, und ganz besonders trügerisch in den Angelegenheiten der Halsorgane. Täglich hat man Gelegenheit zu beobachten, dass Paüenten mit äußerster Genauigkeit den Sitz einer unangenehmen Empfindung localisieren, deren Ursache sichtbarlich irgendwo anders vorhanden ist. Ost ist es unmöglich, einen Pattenten zu überzeugen, dass ein Knochen oder ein anderer Fremdkörper aus dem Halse entfernt worben ist, selbst. wenn man ihm das corxus delicti zeigt. Dagegen ist das Stadium der Empfindungen werthvoll, um die aus andere Weise gewonnenen Resultate zu controllieren; und jedenfalls kann sie allein entscheiden, ob eine besttmmte Thättgkeil Anstrengung macht oder nicht. Die Schlüsse, welche wir für die Stimme aus Analogien ziehen können, sind schon gelegentlich berührt bei der Vergleichung des Kehlkopfes mit verschiedenen musikalischen Instrumenten. Analogien sind zur Erklärung sehr dienlich, sind aber ein sehr unsicherer Grund, um eine Theorie darauf zu bauen. Mit Ausnahme der Trommel und des Triangels gibt es wohl kaum ein musikalisches Instrument, von dem nicht behauptet worden wäre, dass es eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit mit dem menschlichen Kehlkopf habe. Dem Dudelsack als Vergleichsobject ist der Sttmmapparat fteilich auch glücklich entschlüpft, aber die Morgagnischen Taschen haben eine so merkwürdige Aehnlichkeit mit der Maulttommel, dass dies unmöglich von den Analogiensuchem übersehen werden konnte. Der Allfang einer Kenntnis des Sümmorgans besteht jedoch darin, dass man sich von allen vorgefassten Ideen von Aehnlichkeit mit diesem oder jenem Instrument Befreit und das Organ selber im Lichte anatomischer und physiologischer Wissenschaft studiert. Es kann nicht häufig genug wiederholt werden, dass der menschliche Kehlkopf ein Instrument sui generis ist. Zweifellos hat die krankhafte Suche nach Vergleichen einen verzögernden Einfluß auf die Kenntnis des Sttmmorgans ausgeübt. Die Experimente sind so schwer ausführbar, dass dadurch chr pracüscher Werth wesentlich herabgesetzt wird. Johannes Müllers Versuche verlieren durch den Umstand wesentlich an Bedeutung, dass die Sttmme des herausgeschnittenen Kehlkopfs unter wesentlich anderen Bedingungen als die des Lebenden zu Stande kommt. Diese Beobachtungen sind gewissermaßen am Skelett des Sttmmorganes gemacht; es ist jedoch nicht zu leugnen, dass sie, so viel dies bei derarttgen Untersuchungen Nr. 29. überhaupt möglich war, dazu beigetragen Habendie complcierten Verhältniße der Stimmbildung zu entwirren. Die Experimente am lebenden Kehlkopf haben sich natürlich nur auf Thiere beschränkt. Es ist selbstverständlich, dass die an Thieren gewonnenen Resultate keine sicheren Schlüsse auf die menschlichen Stimmbänder erlauben. Directe Beobachtung mit dem Kehlkopfspiegel ist natürliche die beste Methode, die uns zur-Verfügung steht, aber dass auch die auf diese Weise gewonnenen Resultate sehr vieldeutig find, beweist die geradezu wunderbare Verschiedenheit in den Ansichten der einzelnen Beobachter. Man sagt kaum zuviel, wenn man behauptet, dass auch nicht zwei derselben in dem übereinstimmenwas sie gesehen haben wollen, und die Kämpfe unter ihnen sind so grausam und unerbitterlich, wie die der weißen und rothen Rose. Die meisten bisherigen Beobachtungen sind an wenig-ausgebildeten Sttmmen gemacht, und viele Resultate haben die Uütersucher ausschließlich durch Selbstbeobachtung gewonnen. Hoffentlich ist es gelungen, durch die vorausgehenden Betrachtungey in die Negisterfrage einigermaßen Klarheit zu bringen, und wir wenden uns jetzt der Erziehung der Gesangstimme zu. Makenzie übergeht die ästhetische Seite des Gegenstandes und äußert nur, auf Grund des ihm reichlich zu Gebote gestandenen Untersuchungsmateriales seine Anschauungen über die Erziehung der Stimme. Die Aufgabe besteht aus zwei Theilen, und-zwar erstlich, in der vollständigen Entwickelung der Stimmorgane bis zum höchsten Grade ihrer Leistungsfähigkeit, zweitens in der Er- Ziehung der Sttmme als künstlerisches Werkzeug, Mit der zweiten Hälfte habe ich eigentlich, sagt Mackenzie, nicht viel zu schaffen und kann nur die Beobachtung einfügen, dass unkünstlerisches Vorgehen meist auch ein unphysiologisches zu sein Pflegt. Die Regeln der Stimmerziehung sind keinesfalls willkürliche Schöpfungen theoretisierender Gesanglehrer, nicht nach Laune oder persönlichem Geschmack veränderlich. Es sind vielmehr durchaus rationelle Gesetze, abstrahiert aus der Beobachtung der natürlichen Vorgänge und den Erfahrungen der besten Sänger, ebenso wie die Grammattk, deren Regeln die generalsierten Formeln der besten Sprachweise darstellen. Sie haben durchaus nicht die Aufgabe, die Natur zu verbessern oder dieselbe mit den Phantasien, die in den Gehirnen grillenhafter Maestri spucken und die von denselben oft wie die Glaubensartikel einer göttlichen Offenbarung verkündet werden, in Einklang zu bringen. Auch wenn man. der hyperbolischen Form, die ftir die Aussprüche künstlerisch veranlagter Naturen nun einmal charakteristisch ist, Rechnung trägt, muß man doch erklären, dass die oft von Gesanglehrern aufgestellte Behauptung, dass sie Gesangstimmen schaffen können, ebenso widersinnig wie anmaßend ist. Sie vermögen dies ebensowenig wie der Trainer dem Racepferd Schnelligkeit oder dem Boxer Muskelkraft schaffen kann. Die Aufgabe des Lehrer ist lohnend genug auch ohne solche alberne Prätensionen, denn ohne ihn würden die natürlichen Anlagen sehr oft tief unter erreichbarer Leistungsfähigkeit stehen bleiben. Unausgebildetes Talent ist wie nach Falstaff Gelehrsamkeit ohne Wein. Die Sänger dagegen besitzen ein zu hohes Vertrauen in ihre natürlichen Anlagen und halten sich für über alle Regeln erhaben, wie Justtnian, der sich 8uxra grammaticam erklärte. Auch manche Kunstliebhaber verirren sich zu einer gedankenlosen Bewunderung von nicht ausgebildeten Genies und schwärmen nur für Natur im Gegensatz zur Kunst. Die echte Kunst aber ist in diesem Sinne die Vervollkommnung der natürlichen Gaben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.