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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-11 · Heft 29 (11.12.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 29 (11.12.1894)
Date
1894-12-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. ,Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Str. 29. sondern in der im Zions-Tempel üblichen Weise. Was den Choral betrifft, so neigen wir uns ganz der Schlecht'schen Anschauung zu, dass derselbe erst mit der Aufnahme der lateinischen Sprache in die Kirchenliturgie, also auf christlichen Boden entstand und gepflegt wurde (Ambrosianischer und Gregorianischer Gesang). Wie kann man es nun nach diesem erbrachten Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Chorals einem treugläubigen Juden verdenken, wenn er sich nach Kräften gegen die Aufnähme dieser streng-christlichen Schöpfung in das Gefüge des Synagogengesanges sträubt; ja, wie ist es möglich, dass die Lehrer und Führer in Israel für die Ausnahme des Chorals plaidirten und noch heute plaidiren? — Man erwidert mit Emphase, wie am Anfänge dieses Aufsatzes angedeutet, die moderne Synagoge braucht den Gemeindegesang, weil die heutige Jugend nicht mehr hebräisch versteht, daher, den Gottesdienst nicht interessant findet, man deshalb gezwungen sei, landessprachliche Gesänge der jüdischen Liturgie einzuverleiben. Da nun der Choral die leichtsanglichste Gattung für den Gemeindegesang sei, so müsse man auf die Einführung des Chorals dringen. Wir wollen keineswegs, weil uns nicht zukömmlich, die naheliegende Frage aufstellen, weshalb die Heranwachsende Jugend statt des deutschen Religionsbüchleins nicht lieber hebräisch lesen und übersetzen lernt; aber d i e Frage müssen und kömten wir uns wohl erlauben, was die jüdische Gemeinde während des Gebetes eigentlich singen sollte und soll? Die kurzen Responsorien, wie Keduselia. Sche’ma, Borucli hu uworuch sehe’mo 2c. ausgenommen, kannte die Synagoge keinen Gemeindegesang, folglich musste man zu neuen Texten greifen. Und welche Texte? Hätte man es bei der guten Uebersetzung der Psalmen bewenden lassen, so wäre das Unglück geringer gewesen; allein der heilige Wortlaut unserer ewigen Psalmen, die selbst im protestantischen Gottesdienste einen Hauptfactor bilden, genügte den damaligen Hünmelsstürmern nicht, vielleicht auch von der Nothwendigkeit gedrängt, dass die Psalmworte sich gegen die Botmäßigkeit der Choraltöne mächtig sträubten, schritt man zur Umarbeitung derselben. Und was bekam man da zu hören! Um nur einigermaßen anzudeuten, welche Texte, namentlich in Deutschland, gesungen.wurden und noch heute gesungen werden, führen wir eine Blumenlese der heiligen Gedichte eines der gefeiertesten der damaligen Liederdichter, u. zw. des sonst verdienstvollen Johlson, an. Im Liede 128, Mel. 4, heißt es: ״Dein Wort ist wahr, lass' immerdar Mich seine Kräfte schmecken." Lied 126, Mel. 78: ״Mit Munterkeit trägt er das sanft' und leichte Joch, . Gehorchet streng und fteut sich doch."; Lied 125, Mel. 9: ״Gott! Deiner Werke jedes ist von Dir uns Pfand und Siegel, Das kleinste ruft.uns, dass Du bist, und ist von Dir ein Spiegel." Lied 130,-Mel. 34: ״Zu diesem großen, heiligen Geschäfte, Stärke meines Geistes Kräfte" rc. Wir verschmähen, dieses klägliche Bild noch weiter auszumalen, trotzdem wir von einem ״Herrn von Zion" und Aehnlichem zu berichten hätten, und vermeinen, nicht auf Widerstand zu stoßen, wenn wir behaupten, dass solche Poesien unsere Glaubensgenossen weder erbauen, noch in die Synagoge locken könnten und dürsten. (Schluss folgt.) Das 25-jährige Argirrnngsjnlnlänm unseres allergnädigflm Kaisers und glorreichen Landesvaters. - Wodurch sollen die israel. Cultusgemeinden Böhmens diesen Gedenktag verewigen? Die Gedenktageaus der Regierüngszeit unseres' erhabenen Monarchen sind allesammt durch große, dauernde Werke der; Humanität und der Sorge für das Gemeinwohl bezeichnet. Es ׳'; entspricht einem Herzensbedürfniße und einer vernünftigen, zweckbewussten Art, die Gesinnung zu bethättgen, dass an solchen Jubeltagen Stiftungen begründet werden, die dem erhabenen Sinne unseres Kaisers entsprechen und seinem allezeit bewährten ׳ Bestreben, Segen in seinem ganzen Reiche zu verbreiten, entgegenkommen; wie Monumente erheben sich solche Stiftungen an der Lebensbahn unseres Kaisers, geben das geistige .Gepräge seines Wesens wieder und deuten segenspendend in die Richtung seines Lebenszieles. Die löbl. Landesjudenschafts-Repräsentanz von Böhmen hat anlässlich des 25-jährigen Regierungsjubiläums Sr. Mäjestät ihrem. Patriotismus dadurch Ausdruck gegeben, dass sie einen Pesionsfond für die israel. Lehrer in Böhmen, deren Witwen und Waisen begründet, die vorher in den Tagen;des Alters und der Arbeitsunfähigkeit einem schwanken Schicksal preisgegeben und in der Regel auf die private Wohlthätigkeit angewiesen waren. Im Hinblick auf das herannahende 50-jähr. Jubiläum Sr. Majestät, zu dessen Feier sich die ganze öfter-., reichische Bevölkerung rüstet, werden nun neuerdings von den berufenen Körperschaften Berathungen über die Betheiligung der israelitischen Gemeinden in Böhnien gepflogen, und dabei sind drei Vorschläge in den Vordergrund getreten: .;1:-! Die!Festigung und Durchführung der seinerzeit in Angriff genommenen anfta(t für die Lehrer und Cultusbeamten---der israel.!Gemeinden, 2. der Bau eines Asylhauses für arme Sieche, 3. der Dan eines Waisenhauses für die israel. Bevölkerung Böhmens. Jede dieser geplanten Unternehmung entspricht einer großen, humanen Tendenz, wäre also des erhabenen Anlasses würdig und der Unterstützung aller Opferwilligen Werth. Da aber im gegebenen Zeitpunkte nur eines dieser drei. Projecte verwirklicht werden kann, empfiehlt es sich, sobald als möglich Einigkeit über das zunächst anzustrebende Ziel herzustellen und alle Strömungen der Begeisterung für das Gute, das geschaffen werden soll, in ein gemeinsames Bett zu leiten und dadurch zu verstärken. Diese Einigkeit thut noch, damit sich die- Kräfte und Bemühungen nicht zersplittern, damit nicht das Bessere der Feind des Guten werde, sondern alle Patrioten und alle hingebungsvollen Anhänger der Humanität sich zweckbewusst und thätig vereinigen, um bei dem denkbar würdigsten Anlasse ein Großes und Ganzes gemeinschaftlich und gründlich zur Durchführung zu bringen. In diesem Sinne kann den betheiligten Factoren nur! aufs wärmste empfohlen werden, von den drei Projecten das erste, nämlich die Festigung der Pensionsanstalt für israel. Lehrer und deren Erweiterung in eine solche für alle Cultusbeamten der israel. Gemeinden Böhmens zu empfehlen, und an die verehelichen Vorstände der israel. Gemeinden ergeht die dringende Bitte, dass sie durch Petittonen an das in dieser Angelegenheit eingesetzte Comite dieser Meinung Gewicht verleihen und für die Erfüllung eines wohlerwogenen Wunsches mit allen Kräften wirken möchten.

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