Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 29 (11.12.1894)
- Date
- 1894-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch-ungarische Canloren - Zeitnng. Central-Organ für die Interessen der Tantorrn und Cultusbramten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor )aeod kallse. Pränumerations-Preis. FürCsntoren u.Lultusbesmte in Vefierreich-Ungarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjäbrig.fl. 2.— FprCankorrn u.Cultusbrarntr im Ausland Ganzjährig . .... 8 Mark oder 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl. 6.— Kedariion! und Administration Wien JI., Nooaragajse Nr. 27. Inferntr werden billigst berechnet. Manuskripte werden nicht retournirt. Abrnrneurentsu. In lrrtionsbetrüge stnd in Witxt jafilbar. Nr. 29. Wien, 11. Derembrr 1894. 14. Jahrgang. Choral und Gemeindegesang in der Synagoge von Obercantor I. Singer in Wien. Mit der Freiheitsbewegung des Jahres 1847—48 zog cs׳, einem entfesselten Sturme gleich, durch die Welt, der synagogalen7 Liturgie und selbstredend auch dem Synagogengesange eine zeitgemäße Form zu verleihen. Die räumlich von einander enffßsutesten Führer^und Leuchten des Judenthums rückten in d e r Ueberzeuguug ungemein nahe an einander, dass nach der oben angedeuteten Richtung irgend etwas Wesentliches geschehen rnüsse, und es entstanden, namentlich in Deutschland, die allerersten sogenannten Reform-Synagogen mit Abschaffung des Bet- Pultes im Centrnm der Synagoge und dessen Verlegung vor die heilige Lade; mit der Sistirung der Meschorerim und Einführung von Gesangschören; mit dem Ablegen des aufgerollten Tallis und der Bekleidung der Synagogen-Functtonäre mit Ornaten rc. So unbedeutend, vom Gesichtspunkte uns er er Zeit betrachtet, all diese Neueinrichtungen auch erscheinen, erfuhren dieselben jedoch damäls seitens der treugläubigen Juden die eindringlichste Anfeindung, so das der Anprall dieser modernen Windsbraut die meisten Gemeinden mächtig durchwühlte und dieselben in zwei feindliche Lager, in Orthodoxe und Reformirte, theilte. Die Feindseligkeit der beiden Richtungen war eine solch' eindringliche und anhaltende, dass selbst die viele Jahrzehnte später einberufenen Synoden es nicht vermochten, die Gegensätze auszugleichen und die gegnerischen Parteien einander näher zu bringen. Forschen wir nun nach den Ursachen dieser Gehässigkeiten, so gipfelten dieselben zunächst in dem Gedanken, dass das damalige Judenthum die Synagoge selbst vor diesen scheinbar fremden Gebräuchen und Einführungen bewahrt wissen wollte. In der That bestand die damalige reformistische Bestrebung lediglich in winzigen Aeußerlichkeiten, wie Ornate, Chorgesänge rc. welche ja, wie sattsam bekannt, nicht einmal als sremdkirchliche Einrichtungen, vielmehr-als Zuriickgreifen ans altjüdische Vorkommniße erachtet werden mussten, da ja die junge christliche Kirche dieselben dem jerusalemitischen Tempel entlehnte. -Die bedeutendste-Scheidewand zwischen Orthodoxen und Reform- Juden war jedoch die Wahl der neuen Gesänge, welch' letztere, ihrer Constructton nach, dem Kirchengesange entlehnt waren. Wir meinen den Choral. Es ist hier nicht der Platz, eine Geschichte des Chorals zu schreiben, doch einige andeutende Bemerkungen hierüber dürften gegenwärtig zeitgemäß sein, da die Einverleibung landsprachlicher Texte in das Gefüge der Synagogenliturgie mit der Motivirung verlangt wird, dass die Heranwachsende Jugend wegen Unkenntnis der hebräischen Sprache sich am Gottesdienste nicht betheiligen kann und deshalb auch der choralarttg 51t singende Gemeindegesang angestrebt wird. Einer der bedeutendsten Forscher in der Geschichte des Kirchengesanges, Raimund Schlecht, behauptet, dass der Choral, jene langathmige und langaustönende Musikgattung, mit dem Christenthum entstanden und mit demselben großgewachsen, bis auf den heutigen Tag von der katholischen Kirche als ihre eigenthümliche Musik gebraucht wird. Dem entgegen behauptet der für die Geschichte des Synagogengesanges nicht minder bedeutende Saal schütz, dass der Choral aus jüdischem Boden entstanden und von den Aposteln, die ja Juden waren, aus der Synagoge mit in die Kirche hinübergenommen wurde. Wir bedauern, uns der Saalschütz'schen Hypothese nicht zuwenden zu können, da schon ein flüchtiger Blick aus die Prosodie der hebräischen Sprache mit ihren Sch’wa und Chataf rc. es zur Genüge erhärtet, dass diese kurzsilbigen Worte keine langathmigen Notenwerthe vertragen. Wenn die Apostel und die ersten Christen in ihrer Kirche hebräische Gesangstexte vortrugen, so waren es unstreitig Psalmen, deren poetischer Inhalt sich ebensowenig durch Choraltöne, wie durch die von Saalschütz behauptete Canttlatton musikalisch illustriere» ließ. Die Saalschütz'sche Canttlations-Hypothese erweist sich auch im Hinblicke aus die weltberühmten Gesangs- und Instrumental-Aufführungen im Zions-Tempel als vollständig hinfällig, und obgleich uns keinerlei Äuszeichungen über das Wesen dieser Aufführungen zu Gebote stehen, so dürfte die Behauptung dennoch kaum angefochten werden, dass diese Zions-Musik mit ihrem collossalen gesanglichen und instrumentalen Aufbaue das Wesen einer einfachen Canülatton weit überragte. Dem gemäß sangen die Apostel-und die ersten Christen ganz bestimmt nicht canttlirend-'