Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 28 (1.12.1894)
- Date
- 1894-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. einen ״Schwindel", den man lieber vermeiden soll. Diese Anschauung hat wohl darin ihren Grund, dass das nicht künstlerisch ausgebildete Falsett ziemlich klanglos und unangenehm in der Wirkung ist. Vor der Entwickelung der Stimme zur Zeit der Reife ist die lange Stimmritze noch ziemlich kurz und wirkt auch als kurze Stimmritze, denn wie auch zahlreiche Untersuchungen gelehrt haben, singen die kindlichen Misten fast sämmtlich mit Brustfümme. Obgleich der besondere Timbre des Gesanges es in den ineisten Fällen durch das Ohr erkennen lässt, welches Register zur Verwendung kommt, so trifft dies in Ausnahmefällen nicht zu. In Bezug auf den Mechanismus des Falsettregisters seien noch folgende Bemerkungen gestattet: Man nimmt im allgemeinen an, dass beim Falsettregister die Stimmbänder abgespannt sind, und dass nur die freien Ränder schwingen. Von einer Abspannung der Stimmbänder beim Falsett kann nur als relativ im Verhältnis zum Brustregister die Rede sein; eine gewisse Spannung müssen die Stimmbänder stets haben, um über- Haupt schwingen zu können, doch kann diese im Falsettregister vermöge des besonderen Mechanismus desselben eine geringere sein. Das Gefühl der Erleichterung, welches beim Uebergang vom Brustzum Falsettregister meistens verspürt wird, hat in dieser geringeren Spannung seine Gründe darin, dass beim Falsett die Oeffnung der Stimmritze größer, und dass daher auch der Durchtritt des Luftstroms leichter ist als beim Brustregist er. Bezüglich der Thätigkeit der Theile oberhalb der Stimmritze wird von allen Beobachtern angegeben, dass bei tiefen Tönen der Kehldeckel nach hinten über den Kehlkopf fällt, so dass von diesem wenig mehr als die Giesbeckenknorpel sichtbar sind. Mit steigender Höhe des Tones erhebt sich auch der Kehldeckel, und sobald das Falsett- oder Kopfregister einsetzt, werden die Stimmbänder in ganzer Länge sichtbar. Beim Kopfregister, ebenso jedoch bei den hohen Tönen des Brustregisters, kommen noch einige andere Muskelbewegungen in Betracht. Der weiche Gaumen steigt mehr und mehr in die Höhe und übt dadurch auf seine Pfeiler, welche seitlich von der Zunge an der Kehle ihren Ursprung haben, einen Zug aus. Diese vier Pfeiler bestehen aus Muskelbündeln, von denen zwei, die vorderen an der Zunge, die anderen beiden direkt mit dem obersten Kehlkopfknorpel, den: Schildknorpel in Verbindung stehen. Erhebung des weichen Gaumens muß daher naturgemäß auch eine Erhebung der Zunge und des Kehlkopfes im Gefolge haben; dieser Erfolg wird durch die Thätigkeit der muskulösen Pfeiler selbst noch erhöht. Daher steigt, wie jeder an 'sich selbst leicht wahrnehmen kann, der Kehlkopf bei Erhöhung der Töne mächtig in die Höhe. Diese Erhebung des Kehlkopfes selbst wurde von manchen Autoren als ein wichtiger Faktor bei der Production der hohen Töne betrachtet. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, beweist die Thatsache, dass bei fixirter Zunge Kopftöne auch ohne Herauftreten des Kehlkopfes hervorgebracht werden können. Der Kehlkopf steigt zweifellos bei Angabe der tiefen Töne des BrNstregisters etwas herab; dies ist jedoch weniger eine Ursache als vielmehr eine Folge der Vertiefung der Stimme; der Sänger erschlafft instinctiv die sämmtliche Stimmmuskulatur möglichst, .damit sich die Stimmbänder im Zustande hochgradigster Ab- .spannung befinden. Das Senken des Kinns auf die Brust hat ganz dieselbe ׳Ursache. Das Umgekehrte gewahren wir bei Sopranistinnen und Tenoren, welche den Kopf weit zurück wersen, wenn sie ihre hohen Töne herausschmettern. Uebrigens ist der ganze Weg, den der Kehlkopf von den tiefsten Tönen des Brustregisters bis zu den höchsten des Kofregisters zurücklegt, ein so unbedeutend kleiner (nicht mehr als einen halben Zoll), dass die Verlängerung oder Verkürzung des ganzen Stimmrohrs unmöglich von großer Bedeutung für die Erhöhung bez. Vertiefung des Tones sein kann. Diese Erhöhung und Vertiefung des Kehlkopfes darf indeß nicht mit der Annäherung des Ringknorpels an den Schildknorpel und die dadurch bedingte Aufhebung des Zwischenraumes zwischen Ringknorpel und Schildknorpel verwechselt werden. Diese letzte Bewegung berührt die Stellung des ganzen Kehlkopfes in keiner Weise, sondern bewirkt nur eine Verminderung der Spannung der Stimmbänder durch Annäherung bez. Entfernung ihrer vorderen unb Hinteren Ansatzpunkte von einander. Annäherung der Knorpel spannt, Entfernung der Knorpel erschlafft die Stimmbänder. Daher finden wir, dass bei den tiefsten Tönen des Brustregisters der Zwischenraum zwischen den beiden Knorpeln am größten ist, während er bei der aufsteigenden Skala mehr itub mehr verschwindet. Von dieser Thatsache kann sich jeder Sänger an sich selbst überzeugen, wenn er den Raum zwischen den Knorpeln beim Singen mit dem Finger controliert. Es ist höchst wahrscheinlich, dass die beiden Flügel des Schildknorpels bei tiefen Tönen auseinander weichen, bei höheren dagegen sich einander nähern. Zwischen den beiden Flügeln befindet sich in der Mitte ein vertikaler Einschnitt, welcher beim männlichen Kehlkopf stärker ausgebildet ist als beim weiblichen. Es ist klar, dass durch das Vorhandensein dieses Einschnittes die Beweglichkeit der beiden Flügel gegeneinander erhöht sein muß. Anhänger der Zweckmäßigkeitslehre können sagen, dass bei Männern dieser Einschnitt stärker ausgebildet ist als bei Frauen, weil die männliche Stimme für ihre tiefen vollen Töne eine beweglichere Stimmritze braucht, als die höhere weibliche. Wenn wir jetzt zu den Theilen unterhalb des Kehlkopfes übergehen, so ist zuerst zu bemerken, dass die Luftröhre bei Er- Höhung des Tones in geringem Maße aus der Brust heraufsteigt. Dies hat übrigens wahrscheinlich kaum Einfluss auf die Höhe und Qualität des Tones, sondern ist vielmehr nur die mechanische Folge der Kraft des Luftstromes; derselbe treibt beit Kehlkopf gewaltsam nach oben, und von diesem wird die Luftröhre mitgezogen. Au der Brust selbst kann mau ebenfals einen Unterschied zwischen Brust- und Falsettregister wahrnehmen; bei den tieferen Tönen wird der ganze Brustkasten erschüttert, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man einem Sänger eine Hand auf die Brust legt (daher der Name: Brllststimnle). Je höher die Scala steigt, desto geringer wird die Erschütterung, bis man beim Einsatz des Falsettregisters überhaupt eine solche nicht mehr wahrnimmt. Fünfzig Jahre im Dienste der nmamtät Sonntag, den 2. December begeht eine Anstalt die Feier׳ ihres fünfzigjährigen Bestandes, welche den edelsten Empfindungen reiner Menschenliebe ihre Schöpfung verdankt. Es ist dies das ״Allgemeine österreichische israelitische Taubstummen-Institut" auf der Landstraße. Tausende Unglücklicher fanden hier ein Heim und eine Bildungsstätte, wo sie die Befähigung erlangten, einen Broterwerb zu finden. Hier wurde ihnen die Sprache gegeben, welche die Natur ihnen versagt hatte.