Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 28 (1.12.1894)
- Date
- 1894-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453332--4147-3458578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«rer. 28. Gesterreichisch-ungarische <Lantoren-Ieitung. Seite 3. Die Erfahrung lehrt auch, dass Viele, denen frühzeitig die hebräischen Gebete mundgeläüfig geworden, selbst nach mehrjähriger Unterbrechung des Synagogenbesuches dennoch in ihrem hohen Alter wieder dieselbe fleißig besuchten und sich dort, wie in ihrer Jugendzeit, heimisch fühlten. Von solchen jedoch, denen die Gebetstücke nicht frühzeitig mundgeläufig sind, ist dies nicht zu erwarten. Wir glauben, dass deshalb sehr selten oder niemals ein alter, arbeitsunfähiger Jude ein Wirths- Haus besucht oder dem Rausche ergeben ist, weil seine heilige Jugeuderinnerung ihn eher zur Synagoge als ins Wirthshaus zur Zeche führt. Aber bei Unterlassung dieses höchstwichtigen Erziehungsmittels ist die Furcht nahe, dass unsere Glaubensgenossen sich auch hierin von Anderen nicht vortheilhaft unterscheiden werden. Dies ist der Sinn folgender Worte: ״Ohne die Gebete der Psalmen wäre Israel, das die Völker mehr als ein anderes Volk zu erniedrigen bestrebt waren, zum niedrigsten Stamme herabgesunken. (Midrasch zu den Psalmen). Gegen den scheinbar richtigen Einwand wider das hebräische Beten, dass die Kinder, oder überhaupt viele erwachsene Beter das hebräische Gebet nicht verstehen, dürften folgende Erwiderungen genügen: 1. Der oben gedachte religiös-sittliche Pädagogische Zweck des Gebetes, uns an Gottes Allmacht. Allgegeuwart, Allgüte, sowie an unsere Ohnmacht und Abhängigkeit zu erinnern, kann auch dann erreicht werden, wenn das Gebet nicht wörtlich verstanden wird. Insbesondere ist beim Kinde hiezu ein Verständnis nicht nöthig. Eine wichtige pädagogische Stimme äußert sich hierüber folgendermaßen: ״Ich tadle die Mutter nicht, welche ihr Kind sein Gebetchen stammeln lässt, ohne ängstlich zu fragen, ob es auch alles verstehe, was es da betet. Eins versteht es gewiss, dass nämlich ein Höherer über uns waltet, vor dem sich alle Knie Beugen sollen. (Dr. Kellner). Dasselbe kann man auch von vielen Erwachsenen behaupten, obwohl sie die hebräische Sprache nicht verstehen. Es ist ja bekannt, dass Viele bei den hebräischen Gebeten, die zumeist allgemeinen Inhaltes, um allgemeine Wohlfahrt, wie die Psalmen und ein großer Theil vom Neujahrsgebete, um allgemeine Erkenntnis Gottes und Verbrüderung aller Menschen, oder auch jüdisch-nationalen Inhaltes sind, wie z. B.' um die Restaurirung Palästinas, dass Viele dabei weinen, ohne es zu verstehen. Gewiss weinen sie deshalb, weil sie dabei an ihre individuellen Leiden und Anliegen denken und gegen diese um Gottes Hilfe andächtig beten. Rabbi Simon Kinun, ein großer Talmudist und Kabalist (um 1320), wünschte sich, dass er mit der Andacht eines einfältigen Kindes zu beten vermöge. Große Talmudlehrer gestanden offen, dass sie nicht mit der nöthigen, anhaltenden Andacht zu beten im Stande sind. (Talm. Jerus. Broch. 2. 2.) Dass der Talmud (Broch. 34) beim Gebete ״Andacht" — als die Seele des Gebetes — mit Recht fordert, darunter wird gemeint, dass der Betende seine Gedanken zu Gott (Broch. 28 und 30) richte, nur an Gott denke und an das, um was er zu ihm beten will; aber nicht, dass er die Worte der üblichen Gebete verstehen muß, obwohl dies vortheilhafter ist, und deshalb gestaltet der Talmud, dass man das שמע in jeder, dem Beter verständlichen Sprache beten darf. (Broch.13). Diese stehenden Gebete bilden gleichsam die Ein- und Anleitung zur Andacht, d. h. um dabei auch seine individuellen Wünsche an Gott zu richten. Dies geschieht gewiss selbst von denjenigen, die das hebräische Gebet wirklich verstehen. ״Gott wünscht das Herz" (Tr. Broch. 30), d. h. nur an Gott zu denken, deshalb schließt unser Hauptgebet שמובד. עשרה mit den Worten: ״Mögen Dir, Gott, Wohlgefallen die Worte meines Mundes und die Gedanken meines Herzens — die zuweilen nicht identisch sind — Ewiger, mein Hort und Erlöser. (Psalm 19, 15). Georg Sand sagt: In dem ganzen Gebete, das ich gut recitirte, verstand ich blos die Worte: ״Mein Gott ich gebe Dir mein Herz. Es ist viel Methaphysik in diesen wenigen Worten, bei welchen allein ich an Gott und an mich selbst dachte". Die Talmudlehrer fühlten diese Wahrheit schon vor 1600 Jahren; deshalb sagten sie, das Gott beim Gebete das ״Herz" verlangt. Die Forderung des Talmud, dass wir das שמע — das wichtigste Gebetstück, das täglich zweimal deutlich zu recitiren unsere Neligionspflicht ist — in einer uns verständlichen Sprache sprechen sollen, ist darin begründet, dass dies gar kein Lob-, Bitt- oder Dankgebet ist, sondern die Grundlehren unserer Religion und jenen Theil unserer Pflichten gegen Gott enthält. Hiezu ist keine Andacht, sondern Verständnis nöthig, ganz entsprechend der didaktischen Regel, dass das Kind das Gelehrte verstehen soll. 2. Zu dem über das Verständnis der hebräischen Gebete Gesagten haben wir noch die höchst wichtige Einwendung hinzuzufügen, dass die meisten Kinder im Verlause von 4—6 Jahren in der Volks- und Religionsschule durch Unterricht im Urtexte der Bibel und im Uebersetzen der Gebete die üblichen Hauptgebetstücke, wie: Schema, Keduscha, Schemone-essre, so auch Kid dusch, Hawdolo und ähnliche liturgische Gebetstücke, welche vor und nach Ausübung religiöser Ceremonien gesprochen und verstanden werden sollen, übersetzen können. Die auf Gott sich beziehenden Namen, welche fast in jedem Gebetstücke Vorkommen und die mit besonderer Ehrfurcht ausgesprochen werden sollen, was die Andacht zu erwecken geeignet ist, lernen die Kinder schon in der ersten oder zweiten Elementarclasse übersetzen. Aber es ist bei diesem Lehrgegenstande mehr als bei irgend einem anderen die häusliche U e b u n g unentbehrlich. Sobald das Kind mechanisch fehlerlos lesen kann, gewöhnlich im fünften bis sechsten Jahre, dann sollen es die Eltern täglich eine halbe Stunde Morgens und Abends zum Beten anhalten, wie dies die ehemaligen frommen Eltern gethan haben. In 2—3 Jahren wird es bei steter Einhaltung dieser Angewöhnung die täglichen und die am Sabbat üblichen Gebete geläufig auswendig recitiren können. Das 7—8-jährige Kind muß nicht täglich von יגדל bis עלינו beten. Der gedachte Zweck zur religiösen Erziehung und religiösen Lebensweise kann mit viel weniger auch erreicht werden. Wenn die Kinder eut Gebetstück, resp. eine Seite im Gebetbuche schon auswendig fehlerlos recitiren können, dann sollen sie zu diesem Stücke die nächstfolgenden 1—2 Seiten beten; und wenn sie auch diese fehlerlos recitiren können, dann sollen sie zu diesem Stücke wieder die nächstfolgenden Seiten hinzubeten, und so immer weiter, ohne dass die Kinder auf einmal überbürdet werden, was der guten Sache schadet. Je mehr sie beten, desto schneller werden sie auswendig fehlerlos beten können. In der Schule kann diese Geläufigkeit nicht erreicht werden, zunächst wegen der zahlreichen Kinder und weil hier das Beten zumeist als mechanische Hebung, aber nicht zur Andacht gehandbabt wird. Deshalb geschieht es zumeist nicht eben zur üblichen Betzeit, hingegen zu Hause betet das Kind zur Erfüllung seiner Religionspflicht unter der Aufsicht des Vaters oder der Mutter, oder, wenn dies seitens der Eltern unmöglich ist, von einer fremden, hiezu