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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-01 · Heft 28 (1.12.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 28 (1.12.1894)
Date
1894-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 28. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. wer weiß, ob ich nicht als Sünder diesen Saal verlasse", worauf Rubinstein erwiderte: ״In jedem Falle bleibe-ich trotzdem ein Sünder, also, was haben Sie mir zu sagen?" Ich begann mit der nothwendigen, aber unter den obwaltenden Umständen immerhin etwas sonderbaren Darlegung der modernen Skala mit ihren feststehenden Ganz- und Halbtönen, um sodann auf den Klangunterschied dieser im Gegensätze zu der Skala der verschiedenen griechischen und kirchlichen Tonarten austnerksam zu machen. Der Meister, der mir ruhig Gehör schenkte, unterbrach mich hier mit der gerechtfertigten Frage, weshalb ich nicht früher die Kirchentonarten behandelte, da doch aus der Ent- Wickelung derselben die moderne Tonskala entstand. Diese Frage brachte mich für einen Moment in Verlegenheit, worauf ich bemerkte, dass ich die Kenntnis dieses Entwicklungsganges bei den! Meister als selbstverständlich voraussetzte und mir für meine spätere Auseinandersetzung weniger an einer meritorischen Abhandlung, als vielmehr an dem Unterschied der jetzt üblichen Skalen den alten gegenüber gelegen sei, worauf' der Meister mich, zugestehend mit dem Haupte nickend, fortzusetzen aufforderte. Bei meiner Weitererklärung,. dass es mir meines Erachtens gelungen sei, in dem alt-liturgischen Synagogengesange eine Jntervallenfolge aufzufinden, die weder dem modernen, noch dem kirchentonortlichen, noch dem griechischen Tonskalengesänge entspricht, zeigte der Meister ein entschiedenes Interesse, welches er auch durch die Aeußerung: ״sehr interessant" mir gegenüber bekundete. Nachdem ich mir den Vortrag einiger, die augeregte Thatsache zu beweisender Gesänge erbeten, sang ich die, damals noch Manuscript, später in meinem Büchlein als Musikbeilage ge-, druckten Piecen Nr. 2 Schir uscli’woclio, Nr. 4 Lefonow naa=wod und Nr. 6 Adonoj moloeh, um an jedem dieser Stücke die ganz absonderliche Jntervallenfolge darzuthun. Von den drei vorgesungenen Piecen schien dem Meister Nr. 4 Lefonow naa-wod kein absonderliches Interesse abzugewinnen, wohingegen.er mich ersuchte, die beiden anderen׳ Piecen nochmals, u. zw. etwas langsamer vorzutragen, welcher; Aufforderung ich sehr gerne nachkam, ihn ersuchend, die Noten-׳ folge im Manuscripte steundlichst mit mir zu lesen. Es war; selbstredend ein Geringes, die Charakterverschiedenheit der beiden; Nummern aus der Verschiedenartigkeit der Jntervallenfolge; herauszufinden, und erschien es ihm ganz absonderlich, dass bei: Adonoj-moloeh, trotz der feststehenden kleinen Septime B,, das Tonstück doch auf der Basis 0 ruhe, welche Bemerkung' mich ungemein erfreute. Auf den Schwerpunkt meiner Auseinandersetzung, der- Jischtabach-Steiger-Skala übergehend, wies ich darauf hin, dass; die beiden letzterwähnten Tonskalen schon in der alten Musik; anderer Völker vorffndlich: jedoch das Tongefüge nach der Skala׳ 0. Des. E. F. G-. As. B. C ausschließliches Eigenthum des jüdisch-; liturgischen Gesanges sei. Der Meister lächelte und meinte, es: wäre dies ein sonderbares Zusammentreffen der Ereigniße, da; diese Skala ihm stets ungemein sympathisch erschien, worauf ich bemerkte, dass die Kenntnis dieser Thatsache mich ja auch zu, ihm geführt, indem ich aus den meisten seiner Werke ersah, dass er überall, wo eine jüdische Situation zu zeichnen war, und; selbst bei gefühlsinnigen Stellen nicht specifisch jüdischer Momente,; .wie' in. seinen Orchesterwerken und Liedern, allüberall diese Jntervallenfolge zur Anwendung brachte, so dass man diese Variante bereits allgemein als Rubinstein'sche Charakteristikbezeichnet. ׳׳׳; Bei meinem weiteren Hinweise auf das Tanzlied Leah's mit Chor in der Oper ״Maccabäer", welches vollständig nach der Tonfolge des Jischtabach-Steiger gearbeitet erscheint, doch am Schlüße ein leiterfremdes großes Intervall statt eines kleinen enthält, meinte Rubinstein, er habe die Melodie wirklich von einem polnischen Juden gehört — was das leiterfremde Intervall beträfe, sei es als Durchgangsnote zu betrachten — doch freue es ihn, wenn auch unbewusst, meiner Darstellung gegenüber gewissermaßen logisch gearbeitet zu haben. Der Meister, der meine Arbeit als überaus lobenswerth bezeichnete, kam meinem Herzensbedürfniße in freundlichster Weise entgegen,. indem er nun die Frage aufstellte: ״Ja, wenn sie so streng auf die Beibehaltung der leitereigenen Töne bestehen, wie sollen denn solche Melodien harmonisirt werden?" worauf ich mir zu entgegnen erlaubte : ״Zuförderst, bis der Gegenstand geordnet ist, so wie Sie, hochverehrter Meister, es in echt künstlerisch-feinfühliger Weise mit der Harnwnisirung des Tanzliedes Leah's gezeigt, entweder unisono oder nur mit der dürftigst harmonischen Begleitung ausgestattet; denn solchen Melodien eine modern-harmonische Ge- Wandung aufzudrängen, hieße dieselbe ihres Charakters entkleiden." ״Da haben Sie allerdings Recht", erwiderte Nubinstein. Er fuhr mit der Hand über die Stirne und meinte: ״Stoff zum Nachdenken, auch bei Beurtheilung der von Phantasten und Schwindlern als sogenannte ״alte Musik" ausposaunten Aufschreibungen jedenfalls trefflich zu verwerthen." Ich erhob mich und dankte dem Meister für seine Liebens- Würdigkeit, worauf er mir, was mir ewig unvergesslich bleiben wird, entgegnete: ״Bitte, bitte, ich bin Ihnen zu Danke verpflichtet, Herr Obercantor." Dies waren die letzten Worte, die ich von Rubinstein vernahm. Vom Gebete im Allgemeinen als Wichtiges Mittel zur religiös-sittlichen Erziehung; ferner vom Gebete in hebräischer Sprache als wichtiges Mittel zur Erziehung fiir die jüd. Confession. Eine pädagog.-didaktische Studie von Israel Singer, Neligionsprofessor am Ober-Gymnasium zu S. A. Ujhely. Nachdruck nur mit Erlaubnis des Verfassers gestattet. (Schluss.) Das Kaddisch-Gebet hat nicht nur eine erhabene, speciell jüdisch-religiöse Bedeutung, äderen Erörterung ums hier wegen Raummangels unmöglich ist, sondern es hat auch einen recht heilsamen pädagogisch-sittlichen Zweck. Es belebt und befestigt in uns den höchst heilsamen Glauben an die Unsterblichkeit .der'Seele und an die jenseitige Belohnung und Bestrafung; ferner hält es die Kinder mit ihren längst zur ewigen Ruhe heimgekehrten Eltern in pietätsvoller Verbindung. Wir lasen oft in Zeitungsblättern, dass hervorragende Christen für ihre Verwandten das Kaddisch-Gebet beten ließen. Auch für den Kaiser von Oesterreich, Ferdinand den Gütigen sel. Andenkens, wurde von Seiten der ״Chewra-Kadischa" zu Prag, deren Ehrenmitglied er war, das Kaddisch-Gebet verrichtet, was er beim Leben gewünscht haben soll. In der That soll die Erfüllung dieses erhabenen Gebetes nicht blos Israel, sondern auch der ganzen Menschheit zum wahren Heile gereichen, dass alle Menschen von Gottes Erkenntnis durchdrungen werden. So manche Kinder sind in Folge dieses bezaubernd, elektrisch- . wirkenden Gebetes in die Bahn der Religion und Tugend zurückgekehrt und bis zur Heimkehr zu ihren Eltern darin verblieben. (S.Talm. Tr. Broch. 21,Sosrim 19. C. und Orach-Chajim 56. C.)

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