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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-12-01 · Heft 28 (1.12.1894) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 28 (1.12.1894)
Date
1894-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch-ungarische Pränumerations-Preis. FnrLankorenu.Cllttusbramre in Vrstrrrrich-Llngarn Ganzjährig.fl. 4.— Halbjährig.fl. 2.— FürCaniorrn n.Cultusbramtr im Ausland Ganzjährig.8 Mark oder 4 Rubel. Für Private und Institute Ganzjährig.fl. 6.— ' « ■ Gentral-Organ für die Interessen der Cantoren nnd Cultusbeamten. Erscheint jeden zehnten Tag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Krdartion und Administration Wien II., Novaragajse Nr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. I Ndonnementsu. Insertionsj betrüge sind in Wien zatzlbar. Nr. 28. Wien, 1. Derember 1894. 14. Jahrgang. Meine Begegnung mit Aubinstein von Obercantor Josef Singer. In diesem Augenblicke, wo der Hintritt eines der gewattigsten Klavierheroen aller Zeiten, Anton Rubinsteins, die gesummte musikalische Welt mit wahrhafter, theilnahmsvoller Trauer erfüllt, dürfte es die Leser dieser Blätter sicherlich auch interessieren, von einer Unterredung Kunde zu erhalten, die der Schreiber dieser Zeilen-seinerzeit, mit; dem hochverehrten Meister, und zwar' rmstfyncMM-gesanglicheni Gebiete, gepflogen. Es war kurz vor Veröffentlichung meines Merkchens ״die synagogalen Tonarten", als Meister Nubinstein gelegentlich einer Concert- Tourns auch , die österreichische Kaiserstadt besuchte. Die mannigfachen bedeutsamen Beziehungen Zu den synagogalen Tonarten, hauptsächlich die verblüffende Jntervallenfolge in den Compositionen Rubinsteins, in seinen Liedern und ganz offenbar in seiner Oper ״Die Maccabäer" riefen in mir das lebhafte Bedürfnis wach, nebst den bereits eingeholten Gutachten 'hiesiger anerkannter Musikhistoriker auch die diesbezüglichen Anschauungen desjenigen zu hören, der, selbst ein Meister allerersten Ranges, meines Erachtens an geeigneter Stelle und mit offenkundiger Vorliebe diese von mir nach gewiesenen, exotischen Tonarten zur Anwendung brachte. Die Anwesenheit des Meisters in Wien kam meinem Herzensdrange in erfreulichster Weise zu statten, und ich schrieb frischen Mnthes, aber etwas zaghaften Sinnes an den Meister, mir gütigst eine kurze Unterredung gewähren zu wollen. Doch mein Pessimismus wurde alsbald verscheucht, da ich auch hier, wie schon oft auf meinem Lebensgange, zur freudigen Ansicht gelangte, dass nur Schwachköpfe und Unwissende, die der Zufall mit äußerlicher Bedeutung ausstattete, sich anmaßend aufblähen, um hiedurch ihre Mängel zu verdecken, hingegen echte, wahrhafte Größe bescheiden undanspruchslos auftritt, uni ihren Nebenmenschen mit Zutrauen zu. erfüllen. Schon am nächsten Vormittag erhielt ich durchs einen Diener Rubinsteins, die Aufforderung, mich zu ihm zp verfügen, und ich verabsäumte es sicherlich nicht, zur anberaumten Stunde pünktlich zu. erscheinen. Wer jemals Gelegenheit hatte, bei. großen- Herren, zu antichambiren, dem. dürfte, es-, einteuchten, dass es im Vorzimmer des Meisters wie in einem Bienenkörbe zugieng. Klavierspieler Componisten, Sänger, Sängerinnen jeden Alters und jeder Categorie waren hier bunt gemengt anzutreffen, und es dauerte schon eine Weile, bis die Reihe des Eintrittes in den Empfangssalon des Hotel Erzherzog Carl in der Kärnthnerstraße au mich gelangte. Um die ganze Macht des Augenblickes würdig zu schildern, muß ich vorausschicken, dass meine Individualität gegen derlei Einwirkungen insofern durch mannigfache Vorkommniße in meiner früheren Sängerlaufbahn gestählt., war,-indem^ichseinerzeit gelegentlich eines Cerkle im germanischen Nationalmuseum, zu welchem ich von dem damaligen Direetor Dr. Essenwein geladen war, der allerhöchsten Auszeichnung theilhaftig wurde, von seiner kaiserlichen Hoheit, dem damaligen deutschen Kronprinzen weiland Kaiser Friedrich, mit einer Ansprache ausgezeichnet zu werden; ferner im Salon Sr. Durchlaucht des Fürsten Czartorisky, in Anwesenheit der geladenen fürstlichen und gräflichen Gäste, wie auch Sr. Eminenz des damaligen Nuntins Galimberti, nach dem Vortrage mehrerer Händel'scher Arien und Löwe'schen Balladen mich mannigfacher hoher Ansprachen zu erfreuen hatte; ich hatte weiter Gelegenheit, vor Hofrath Professor Hanslik, vor Professor Riedl in Leipzig, im Wiener Tonkünstlerverein, vor Brahms, Goldmark, Brüll und beinahe sämmtlichen Professoren des hiesigen Conservatoriums zu singen. Es waren dies wie noch andere Gelegenheiten sicherlich ttefernste und bedeutsame Momente in dem Leben eines Sängers, allein dieselben blieben immerhin doch nur psychologische Erregungen des ausübenden Künstlers, der das lebhafte Bestreben hat, in solch' entscheidenden Augenblicken und solchen maßgebenden Persönlichkeiten gegenüber, sein Bestes vorzuführen, und nicht weiß, ob ihm dies auch ganz gelingen dürfte. Hier jedoch galt es, einem der gefeiertesten Musiker der Gegenwart mit einer Kleinigkeit aufzuwarten, ihm ״Tonarten" zu erklären, eine winzige Angelegenheit vielleicht in den Angen eines Nichteingeweihten, die ftir mich jedoch eine ganze Welt von Hoffnungen, in sich barg. Doch schon die Worte, mit denen mich der Meister empfieng, ״Was führt den. frommen Mann zum Sünder?" mit herab- ■ lassender Liebenswürdigkeit gesprochen, zerstreuten all meine Bedenken und ich antwortete höflich: ״Jetzt gelte ich als Frommer,

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