Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 27 (21.11.1894)
- Date
- 1894-11-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6, Gesterreichisch-ungar.is che.. LantorMZeLtlmg. Nr^ 2-7.- constatirt werden, dass die Pro.ducte sämmtlicher Colonien . der. Gesellschaft von vorzüglicher Qualität sind. .Freilich trägt auch die Natur.,das ihrige hierzu bei, denn der Böden ist überaus' reich, und die Früchte quillen in unendlicher'Fülle aus dem gesegneten Erdreiche. ' . '; In der Provinz Santa Fs liegt eine Colonie auf einem herrlichen Stück. Land, benannt ״Moisesville" und liefert vorzuglichen Weizen. In der Provinz Entre Rios, der reichsten in der׳ argentinischen Republik, befinden sich dieanderen Colonien Villaguay, D.ominguez, Sancta Clara;. Uruguay und Zeballos. Mit Ausnahine der letzteren, einer Estanzia, auf welcher Vieh von bester Qualität gezüchtet wird, sind sämmtliche Colonien dem Ackerbau bestimmt. Die Vertheilung des Landes an die Colonien ist eine äußerst zweckmäßige. Um den neuen Ankömnilingen den Anfang ihrer Thätigkeit zu erleichtern, hat die Direction folgenden praküschen Modus getroffen: Den neuen Colonisten wird das bisher bebaute und gepflegte Land angewiesen, um ohne Weiteres den Feldbau beginnen zu können und jene Colonen, die bisher auf diesem Boden gearbeitet haben, erhalten in einer neuen, ftisch angelegten Colonie doppelt so viel Land als vorher. Jede Colonie gleicht in ihrem Äußeren einem kleinen europäischen Dörfchen oder Marktflecken und zeichnet sich durch musterhafte Reinlichkeit aus. Die netten Holz-Häuser mit Stroh- Dächern stehen in einem Kreise gruppirt, rückwärts befinden sich alle nöthigen Wirthschafts-Gebäude, als: Ställe, Hühnerhöfe, Magazine für Getreide und Maschinen, und hinter denselben dehnen sich die weiten unabsehbaren Felder aus. Jede dieser Ansiedlungen (Pueblo) besteht aus 8 bis' 10 Familien, welche aus ihrer Mitte einen Administrator erwähleil, der dann direct mit der Direction in Buenos-Aires in Verbindung steht. Die Colonien, insbesondere jene, welche bereits längere Zeit im Laude sind, widnien sich ihrer Beschäftigung mit allem Fleiße und arbeiten redlich von Früh morgens bis zur Dämmerung. Samstag ist Feiertag und überall ruht die Arbeit. In jeder Ansiedlung befindet sich eine Räumlichkeit, die dem Herrn geweiht ist, mit Bundeslade und anderen Gebets- Utensilien ausgestattet. Es ist erstaunlich, mit welcher Andacht dem Gottesdienste gehuldigt wird, und herzerhebend, mit welcher Treue und wie felsenfest Alle an ihren Glauben halten. Nach Außen hin haben die Colonien nur wenig Verkehr. Als. Begründung dafür mag gelten, dass sie mehr oder weniger mißtrauisch gegen Fremde sind, und dass die Wenigsten die spanische Sprache erlernen können. Dieses Mißtrauen, eine characteristische Eigenschaft der Juden, erstreckt sich nicht nur auf Frernde, sondern sogar auch bis auf die Direction selbst. Erst als diese es, in weiser Ueberlegenheit, den Colonien freistellte, ihre Producte an wen immer verkaufen zu können, von diesem Momente an ist auch alles Mißtrauen gegen die Direction erloschen. Ein Theil der Colonien verkaufte auch wirklich den producirten Weizen an diverse einheimische Getreidehändler, machten jedoch damit schlimme Erfahrungen, und kehrten bald reuig in den Schoß der Direction wieder zurück. , Wie-oben -gesagt, macht den Colonien die Erlernung der spanischen -Sprache große Schwierigkeiten. Leute, die schon jahrelang im-Lande sind, können sich nur schwer verständigen; ja inl^Megmtheile--es-׳ist erwiesen, dass argentinische Knechte,. (ftijos äsl pays), die wenige -Monate -beim- Feldbau mithalfem ganz passabel russisch oder den deutsch-jüdischen -Jargon verstehend 7 Heutzutage giebt es jedoch in den größeren .Colonien. bereits Schulen, in welchen auch spanisch gelehrt wird, undl .esist anzunehmen, dass die Sprachen-Schwierigkeit in weniges Jahren gänzlich behoben sein wird. , Noch ein Wort über die Leitung. An der Spitze, ,der Direction in Buenos Aires stehen Leute, ernste und erfahrene- Männer, die sich ihrer schweren Aufgabe selbstlos und mit größter Hingebung unterziehen. Wenn auch in finanzieller Hin-- sicht alle Facilitäten geschaffen sind, so ist auch die Ausführung, der Arbeiten im Sinne des hochherzigen Stifters eine nurschwer zu bewältigende. - Möge es diesen wackeren Männern gegönnt sein, ihre Thätigkeit stets von dem gewünschten Erfolge gekrönt zu sehen,׳ zum Heile unserer Stammesbrüder, und zum Muster u n d' Vorbilde der gesammten Menschheit! Kleine Chronik. Wien. 20. November. Aus Petersburg kommt folgende- Depesche: Anton Rubinstein ist heute in Peterhof in Folge eines Herzschlages gestorben. — Diese plötzliche Trauerkünde wird wie ein Blitz in die weiten Kreise der begeisterten Verehrer׳ Rubinstein's fallen, denn der Dahingeschiedene hat es wie selten ein Künstler verstanden, nicht blos durch, sein Genie und die. Größe seines Geistes, sondern auch durch die Größe seines Herzens sich die Menschen zu erobern. Mit ihm ist der größte Clavierkünstler vom Schauplatze der 'Musik verschwunden, der seit dem Tode von Franz Liszt allein in diesem Tonreiche als Herrscher regierte. Noch vor kurzer Zeit-haben wir Rubinstein in Wien gesehen; er schien von fester Gesundheit, wenn auch, sein markiger Kopf minder kraftvoll wirkte, seine Gestalt etwas geneigt war. Aber der Künstler war voll Schaffenskraft und sprach lebhaft von neuen Werken, besonders von einer biblischen Oper, die er componiren wolle. Rübinstein ist 64 Jahre alt geworden. Er wurde in Wechwotynetz bei Jassy geboren, erhielt den ersten Musikunterricht von seiner Mutter und konnte schon im Alter von acht Jahren in Moskau, dann in Paris mit Erfolg, öffentlich auftreten. Liszt und andere Künstler ermuthigten den Knaben, der seine Kunstreise durch Europa fortsetzte. Im Jahre'1838 ließ er sich in Petersburg nieder, wirkte als Virtuose und als Lehrer, mit besonderem Erfolge als Director der russischen Musikgeiellschaft und des von ihm gegründeten Conservatoriums. Anfangs der Siebziger Jahre unternahm er wieder größere Kunstreisen, die ihn auch nach Amerika führten. In den letzten Jahren lebte er wieder in Russland. Zu seinen bekanntesten Opern gehören ״Nero" und ״Feramors". Berühmter als durch seine Opern wurde Rubinstein dnrch seine Clavier- Compositionen und seine Lieder auf Texte von Heine und- Mirza Schafft). Aber immer hat derClavierheros den Componisteir Rubinstein in den Schatten gestellt, und es war der Schmerz feines Lebens, dass seineschöpferische Kraft sich nicht messen konnte mit dem Glanzeseinec Wiedergabe fremder Tonwerke. In Wien hat Rubinstein mit ' glänzender Freigebigkeit seine berühmte Kunst oft in den Dienst der Wohlthätigkeit , gestellt; sein letztes Concert hat er öffentlich am 31. März 1894 hier gegeben. Wien. Seit 14 Tagen erregt hier ein 12jähriger Knabe, Jossele Rosenblatt aus Sadagora, großes Aufsehen bei Fachmännern und den! Laienpublikum. Der Knabe reist in Begleitung, seines Vaters und jüngeren Bruders , und entwickelt im Vyrbete!t l und sogenannten ״Woilsingen" ״Jüdisch sagen" ein Talent, wie' es noch selten oder niemals gehört wurde. Er besitzt eine kräftige, äußerst sympathische Altstimme, 'eine großartig entwickelte und reine Colorätur uud eine' bei -feinem jugendlichen Alter '׳ fast unglaubliche Fertigkeit im Recitiren. nach alter Weisel Trotze seiner Erziehung als Chosid.. hat er sich, das Notenlesen undeinige musikalische Kenntniße angeeignet. Es wäre zu wünschen^..