Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 27 (21.11.1894)
- Date
- 1894-11-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 27. Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Israel nicht; die Juden fremder Nationalität würden außerhalb ihres Vaterlandes am jüdischen Cultus nicht Lheilnehmen können. Die jüdische Zusammengehörigkeit in religiösen Dingen wäre gefährdet, das Band wäre zerrissen. Die christliche Reformation hat freilich die lateinische Sprache aus dem Cultus eutfernt, aber auch den katholischen Cultus, die Messe selbst, aufgehoben und aus demselben nur Predigt und Gesang entnommen; für diese Theile der Gottesdienste war auch bei den Katholiken die verständliche Landessprache üblich. Deutsche Predigt und Gesänge sind auch schon bei uns eingeführt, es handelt sich demnach nur um Beibehaltung oder Entfernung des überall gleichen und traditionellen Ritus. Gegen Entfernung sprechen die angeführten principiellen Gründe, es sprechen auch practische dagegen. Schon der Hinblick auf die Erfahrungen der christlichen Reformation und des evangelischen Cultus muß uns vor einem gleichen Versuche warnen. Predigt und unkünstlerischer Massengesang (Choral) sind nicht packend genug für die Volksmasse und haben keinen dauernden Erfolg, keine nachhaltende Wirkung. Die Predigt muß populär und allgemein fassbar sein und ist alsdann entweder dem gewöhnlichen Volke nicht verständlich, zu hoch, oder dem gebildeten Denker zu trivial; die Predigt darf daher nicht die alleinige Quelle der Belehrung und Erbauung sein. Der evangelische Gottesdienst bietet darum mit der Predigt nur etwas für den Geist und die Belehrung, aber nicht genug fiir das Gemüth und die Erbauung; der langachmige Gemeinde- und Choralgesang thut gewiß nicht genügend dafür. Allgemein wird darum über die Kälte, Lehrheit und Unerbaulichkeit, deshalb auch über den Verfall und die Theilnahmslosigkeit des evangelischen Gottesdienstes geklagt; man hat aus diesem Grunde an verschiedenen Qrten auch einzelne lateinische Theile des katholischen Ritns wieder herübergenommen. Auch an einer Gemeinsamkeit des Cultus fehlt es bei den evangelischen Gemeinden, und die verschiedenen Naüonaütäten entbehren im Auslande einen Cultus, oder müssen sich denselben nach ihrer Art und Sprache gesondert einrichten. Es sind dies für uns zwar fremde Vorgänge, aber sie dienen uns zur Warnung vor blinder Nachahmung. Für uns Juden hat der Kitt des Zusammenhaltens des gesammten zerstreuten Israel, welcher für Religion und Gemeinden in dem gemeinsamen Gottedienste liegt, eine umso größere Bedeutung, als uns für die Gesammtheit Organisation, Verbindung, Gliederung und Oberhaupt fehlen. Würde Israel auch die einigende Verbindung des gemeinsamen Gottesdienstes fehlen, so würde Israel überhaupt nicht bestehen und der monotheisüschen Gotteserkenntnis und Sittenlehre würde der Haupträger fehlen. Mit der Einbüßung der traditionellen hebräischen Liturgie würden aber auch die tradittoniellen Melodien verloren gehen, welche derselben characterisüsch und überall gleich sind; Sprache, Inhalt und Vortragsweise machen dabei ein Ganzes aus. Die ganze Einrichtung, deren Grundlage nach Jahrtausenden zählen, giebt dem Gottesdienst ein historisches Gepräge und einen pietätvollen Werth; sie gilt als Erbe der Väter und der Vergangenheit, an dessen Erhaltung man von der Jugend und Kindheit her hängt; oder es ist die Macht der Gewohnheit, von der man nicht lassen will. Neuen Einrichtungen in der Synagoge steht man dagegen fremd und kalt gegenüber, man duldet sie, aber begeistert und erwärmt sich nicht dafür. Und doch muß ettvas zur Besserung der Zustände geschehen. Ein Cultus, der nur von den Alten gepflegt wird, aber der Jugend gleichgilttg geworden ist, oder sogar von niemand, weder der Jugend, noch dem Alter, verstanden wird, der nur eine mechanische und gewohnheitsmäßige Pflege findet, dem man ohne Andacht und Theilnahme anwohnt, der keinen geistigen Einfluss übt und weder Belehrung noch Erbauung schafft, ein solcher. Gottesdienst zerfällt in׳ sich und kann׳ nicht erhalten werden. Aber es ist unmöglich, dass ein Einzen er hierfür fruchtbare Vorschläge mache, das Bedürfnis dafür muß erst im Volke erkannt werden, die Gewinden müssen von Männ e r n geleitet werden, denen religiäse Sachkenntnis und religiöses Interesse innewohnt, und die Anträge auf culturelle Ab- Linderungen müssen von diesen ausgehen. Das Bedürfnis hierfür muß auch nicht nur einzelnen Personen, sondern der Gesammtheit einer Provinz, eines Landes innewohnen. Es muß eine centralisirende Einigung geschaffen werden, gleichgilttg, wie man sie nennt: Consistorium, Centralbehörde, General-Synode oder sonst wie, aber die sie berufenden Vorsteher und Gemeinden müssen ein jüdisch-religiöses Bedürfnis haben, Verständnis und Interesse für das Judenthum. Sie müssen begreifen, dass die Aufgabe unserer Gemeindevorsteher nicht nur ist, die finanziellen Angelegenheiten der Gemeinde zu leiten und dafür zu sorgen, dass die Gemeindeverwaltung möglichst wohlfeil sei und jeden Einzelnen möglichst wenig Geld koste, sondern dass die Gemeinde vor allem religiöse Interessen habe, die gewahrt werden müssen, gleichgilttg, wie viel sie kosten. Sie müssen auch begreifen, dass es nicht alleinige Aufgabe des Judenthums ist, durch werkthätige Liebe das Elend des irdischen Lebens zu lindern — gewiss eine hohe und dringliche Aufgabe — sondern dass es daneben auch noch ihre Aufgabe ist,׳-die--geftstü g.e-n Errungenschaften in Israel zu pflegen und für die Menschheit zu erhalten. Ein solches Zusammenberaten und Zusammenwirken von Rabbinern und gelehrten Gemeindedelegirten thut auf keinem Gebiete so dringend noch, als auf dem der Cultusreform, bei welcher die Erhaltung der Gemeinsamkeit den Hauptfactor bildet. Sprechen und Singen. (Fortsetzung.) Mag auch das feingeübte Ohr eines Musikers die Register vervielfältigen, physiologisch betrachtet sind nur zwei vor- Händen. Diese beiden sind das sogenannte ״Brustregister" und das sogenannte ״Kopfregister". Das ״Falsettregister" der männlichen Stimme entspricht dem ״Kopfregister" der Frauenstimme, dem es in der That nachgeahmt ist. Wie schon der Name ״Falsett" andeutet, ist es eigentlich ein ״falsches Register", ein künstlich ausgebildetes im Gegensatz zu dem der Männersttmme natürlichen ״Brustregister". Ebenso wie falsche Zähne kann dasselbe sehr schön und nützlich sein, aber natürlich ist es nicht. Der Mechanismus der langen und kurzen Stimmritze ist der physiologische Unterschied zwischen den beiden Arten der Tonbildung und alle anderen Eintheilungen sind mindestens gesucht. Die Aufgabe kann folgendermaßen gestellt werden: Gegeben ist ein Apparat mit einer einfachen Zunge (die beiden Sttmmbänder wirken, wie schon früher gesagt, als eine Zunge). In welcher Weise können jetzt die Töne erhöht werden? Drei Factore müssen bei der Tonproduetion des Kehlkopfes in Berechnung gezogen werden: erstens: der Spannungsgrad der Stimmbänder, zweitens: der Theil der Zunge, welcher sich an