Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 26 (11.11.1894)
- Date
- 1894-11-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. Erde knechten und beugen lassen. Wir lesen in der heiligen Schrist ferner: ״Die Sünde lagert vor der Thüre, die Begierde veizt und lockt, docki der Mensch kann sie beherrschen." (1. M. 4, 7.) Wer sieht hier nicht, dass des Menschen Bestimmung ־nur in Kämpfen und Ueberwinden liegt? Aber noch unwiderleglicher zeigt sich diese Bestimmung des Menschen in der Geschichte der ausgezeichnet frommen und hervorragenden Männer der Vorzeit. Noa gelangte nur durch einen vieljährigen Kampf mit dem verderbten Zeitalter der Sündfluth zur Würde, ein gerechter und frommer Mann vor Gott genannt zu werden. Abraham, der Vater des Glaubens uud der Gläubiger, wurde eben durch seinen lebenslänglichen Kampf mit dem Heidenthum, wie auch durch das Ertragen mannigfacher Beschwerden — hatte er doch zehn Versuchungen muthig überstanden — zum Liebling Gottes erhoben. Ganz vorzüglich tritt uns diese Lebensaufgabe des Menschen bei dem rüstigen Kämpfer Jakob entgegen, indem Gott sprach: ״Dein Name soll ferner nicht Jakow, der Getretene, sondern Israel, der Gotteskämpfer genannt werden, weil du mit Gottesschicksal und Menschen, mit Noth und Drangsal muthig gekämpft nnd gesiegt hast, und er erhielt den göttlichen Segen. (Das. 32, 29). Auch sein liebster, ihm am meisten ähnlicher Sohn Josef ward ebenfalls erst durch das herbe Unglück geläutert und veredelt, dass er noch jetzt als ein erhabenes Musterbild der Herzensreinheit und Seelengröße der kindlichen und brüderlichen Anhänglichkeit betrachtet wird, lind zeigt uns das Leben des größten aller Propheten, Moses, der schon in der zartesten Kindheit der drohendsten Gefahr ausgesetzt, dann als Jüngling stets von Todesangst umgeben war und auch als Mann-mit unaussprechlichen Mühseligkeiten zu kämpfen hatte, zeigen diese Heroen nicht genug deutlich und klar, dass sie nur durch Leiden und Dulden als Wohlthäter der Menschheit herangebildet worden sind? Und brauchen wir erst das Leben des vielgeprüften David zu erwähnen? Haben wir nicht diesen unübertrefflichen Schatz seiner Lieder, die reinen Ergüsse seines von Noth gepressten Herzens, dass er Rnhe und Frieden nur in Gott fand? Wie kann man mm noch zweifeln, dass das Unglück nicht nützlich und nothwendig für die Heranbildung des Menschen sei? Denken wir noch des duldenden Hiob, an die Mißhandlungen, welche die Propheten Elia, Jeremias und andere überstanden hatten. Beherzigen wir endlich die Erhaltung und Bestimmung Israels als Gottesvolk. Nirgends wird dieses Märtyrervolk zur strahlenden Sonne, dem Bilde blendenden Glückes, sondern sehr oft, entweder zu den Sternen des Himmels, die nur in finsterer Nacht leuchten, und so auch Israel, in den dunkeln Nächten des Misgeschickes ließ es am stärksten und reinsten sein göttliches Licht erstrahlen, oder es wird verglichen zu dem Staube der Erde, der, je mehr er getreten wird, desto mehr er in die Höhe steigt; so auch Israel, je mehr es vom Geschicke zu Boden gedrückt wird, von roher Gewalt mit Füßen getreten worden, desto mehr und höher es sich zum Himmel erhob. Aber nicht nur die Bibel und Israel, sondern auch das Leben und die Geschichte aller Völker bestätigen diese Wahrheit einstimmig: ״Leiden und äußere Uebel bei Unschuld und Herzensreinheit sind nicht immer vernichtende Strafen Gottes, sondern nothwendige Heil- und Stärkungsanstalten zum Ge- Leihen des inneren Menschen! (Fortsetzung'folgt.) Zur Geschichte der Iudrngemrmde Protznch. von Dr. E. Hoff, Bezirksrabbincr. Für die Leser dieser geschätzten Cantoren-Zeitung dürste es von Interesse sein, zu erfahren, unter welchen Bedingungen in unserer altehrwürdigen Gemeinde Prossnitz im Jahre 1764 Jechiel aus Kempen als Scheliach Zibbur (Chasan) acceptirt wurde. Wer dieser Jechiel war, welcher in der Original-Urkunde abwechselnd auch schlechtweg ״Michel" genannt wird, dürsten die Herren Berussgenossen vielleicht schon vernommen haben. Jedenfalls ist der nachfolgende ״Chasanoth-Brief" von culturhistorischem Interesse und ein Beitrag zur Geschichte der Cantoren Oesterreichs. Im zweiten Gemeindebuche Seite 295 finden wir in hebräischer, mit fremden und deutschen Ausdrücken untermengter Sprache folgende Urkunde darüber, die wir in möglichst wortgetreuer Uebersetztmg hier folgen lassen: In der Versammlung der geehrten Gemeindevertreter und mit Hinzuziehung der 31 hervorragenden, aus der Gemeinde erwählten Männer und des ehrwürdigen Herrn Rabbiners unserer Gemeinde, hat am ersten Tage des Chol ha-Moed Peszach des Jahres 5424=1764 der Cultusvorsteher Juda proponirt: Nachdem schon seit einigen Jahren kein bestimmter ״Scheliach-Zibbur" hier gewesen ist, wodurch sehr viele Gemeinde- Mitglieder sich vom Besuche des Gotteshauses enthalten und die Einkünfte des Cultus (Zedakah) sich verringern und auch die Synagogensitze derart entwerthet wurden, dass sie nicht einmal für die Hälfte ihres Werthes verkauft werden können; besonders aber, dass in der ״Schulzeit" (zur Zeit des Gottesdienstes) an Sabbaten und Festtagen viele leichtfertige (Kais Hadaath) Gemeindemitglieder und Jünglinge in Weinhäuser (Pate Nisobtaina) gehen, ohne dass es ihnen einfiele, in die Synagoge zu gehen, um mit der Gesammtgemeinde zu beten, was Menschen und Gott gegenüber eine unbeschreibliche Schmach ist; insbesondere aber, dass dadurch weder die Gemeinde- Vertreter, noch die hervorragenden Mitglieder der Gemeinde etwas ersparen, da allsabbatlich ein Chasan von anderwärts hier war nnd unsere Gemeinde solch' große Auslagen verursacht hat, dass man für dieselben leicht einen Chasan mit Meschorerim (Sängern) Hütte ״aushalten" können; nun aber in der vergangenen Woche Parsehat Mispatim der berühmte Sänger, der Chathan (Bräutigam) Herr Jechiel aus K e m p e n, hierher kam und wir bei seinen Vorträgen am Sabbate und am Pessachfeste seine liebliche und sonore Stimme hörten, und er auch bei allen unseren Gemeindemitgliedern solche Gunst gefunden, dass sie alle von ihm sagten, dass er würdig sei, der Scheliach-Zibbur und Beglaubigter unserer Gemeinde zu sein, und da wir auch erkannten, dass er gottesfürchtig ist, und das Lob des Weltenherrn mit solcher Fertigkeit und die Gebete mit solcher Inbrunst vorträgt, wie ein Sohn, der sich vor seinem Vater entsühnen will, (kben hamischate lifne Abrw), so wurde einstimmig beschlossen, dass er von heute bis zum Jahre 5540—1780 als Scheliach-Zibbur uud Beglaubigter unserer Gemeinde mit einem wöchentlichen Gehalte von einem Thater Rheinisch und Nebeneinkünften, nebst den üblichen 4 Chefalim (Doppeltgehalt an 4 Wochen im Jahre) unter folgenden Bedingungen angestellt wurde: