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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-11-11 · Heft 26 (11.11.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 26 (11.11.1894)
Date
1894-11-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. dir. 26. ist er verpflichtet, seine Autorität und das Ansehen seines Standes zu wahren. 5. Ein Rabbiner oder auch Cantor soll sich niemals zu einer Wirksamkeit oder Dienstleistung in der Gemeinde herbeilassen, wodurch die SLaudesehre verletzt oder beeinträchtigt werden konnte; wir sind Diener der Religion, aber nicht Diener der Gemeinde. 6. Rabbiner und Cantor sollen es nie dulden, dass jemand aus irgend einer Veranlassung den Vorbeterdienst im Gvtteshause verrichte als der angestellte Vorbeter, selbst beim Jahrzeitsgottesdienst nicht. Ganz besonders aber ist jeder mögliche Einfluss dahin geltend zu machen, dass an den heilige!: Feiertagen nicht sogenannte ״Aushilssvorbeter" zur Function gelangen sollen, die nicht Männer vom Berufe sind. Leute, welche jahrein jahraus ein ungewechtes Leben führen und zuweilen den trivialsten Lebenslauf haben, gehen an den heiligsten Tagen des Jahres als Vorbeter. Dadurch wird nicht nur der hohe Beruf entwerchet und profanirt, sondern auch das Judenthum in den Augen des Mchtisraeliten herabgewürdigt. Es ist viel besser, die Gebete bedeutend zu reduciren und die Gesammtfunction von dem angestellten Fachmanne ausüben zu lassen. So lange Jeder zum Altäre hintreten und professionsmäßig sein Stückchen hersagi, so gut er es kann und dazu befähigt ist, wird der isr. Cultusbeamtenstand die chm gebührende Würdigung und Achtung nicht genießen. Die Lehrfreiheit ist durch das Gesetz bereits längst behoben, well sie mehr Schaden als Nutzen brachte; wir müssen aus gleichen Motiven sieben, auch die Vorbeterfreiheit aufzuheben. Wie schön wäre es, wenn endlich auch der Cantor die behördliche Genehmigung und Bestätigung erlangen müsste! 7. Kein Rabbiner oder Cantor soll eine Stelle provisorisch annehmen. Durch das Provisorium kommen wir um unsere beste und schönste Zeit; denn indem wir mehrere provisorische Stellen bekleiden, nehmen unsere Lebensjahre in dem Verhältniße zu als unsere Existenzsähigkeit abnimmt, da den an Jahren vorgeschrittenen Beamten selten eine Gemeinde nimmt, oder unter Umständen gar nicht mehr acceptirt. Beherzigen wir daher diese Rath- und Vorschläge. Nur dann werden wir vermögen, unserer Religion, unserem Stande, unseren Gemeinden, uns und unseren Familien gedeihliche und würdige Dienste zu leisten. Wir werden dadurch der Gemeinde so wie uns manche!: Stellenwechsel, viele Unannehmlichkeiten und unnütze Auslagen ersparen. ״In der Eintracht liegt die Macht!" Ein Rabbiner und Cantor im Namen Vieler. Cultuelles, Rituelles, Liturgisches. Nach Quellen aus biblischen und nachbiblischen Schriften bearbeitet und erläutert von Rabbiner L. W o l l n e r. I. Gotteserkenntnis. So weit die Geschichte in das graue Alterthum hineinreicht, immer sehen wir, dass selbst die ersten Naturmenschen und rohesten Völker mit der Vorstellung höherer, übermächtiger Wesen vertraut waren. Denn es ist ein tiefes Bedürfnis des mit Bewusstsein geschaffenen Wesens, in Betracht seiner Schwäche und Hinfälligkeit, über das eigene beschränkte Selbst hinauszugehen und sich unter, die Obhut eines Ewig Mächtige!: sicher und geborgen zu wissen; dass demnach sich von einer höheren allvermögenden Macht gelenkt und geleitet, beschützt und beobachtet zu glauben, schon zur nothwendigen Beruhigung des menschlichen Lebens gehört. Aber die Art und Weise, sich des Schutzes und Wohlwollens dieses erhabenen Wesens würdig'!:? machen, darauf kommt alles an, so die Religion ihre wahre Bestimmung erreichen soll. Und darin bestand auch das Hauptverderben der alten Welt, die bei der Allg läubig keift g ar k eine!: Glauben, bei der u n g eh e u r e n M a ss e änßerer Religionsübungen gar keine Religion, bei all den vielen Göttern gar keinen Gott hatte. Da die Menschen der alten Welt das Höhere, Mächtigere nur fürchteten, weil es ebe!: mächtig war und nach Willen schaden oder wohlthun konnte, so ward jede mächtig sich äußernde Kraft vergöttert. Und da dem blöden Auge des Alterthums die meisten Erscheinungen der Natur- und des Lebens wunderbar und unerklärlich blieben, so ward alles Unerklärliche z u in Ungewöhnlichen, alles U n g ewöhnliche zum Außerordentlichen und alles Außerordentliche zum Gott erhoben, und!!:an bevölkerte die Erde wie den Himmel anstatt mit Menschen mit Göttern. Bei der Vorstellung ״Gott" fühlte man nichts weiter/ als dass er übermächtig, allgewalltig, alles zerstören und auch die Menschen züchtigen und vernichten könne. Das Verhältnis zwischen Mensch und Gott war das eines niedrigen Knechtes zu seinem selbstsüchtigen Herrn. In solch schreckliche Finsternis versank die Menschheit, dass sie alles Menschliche ablegte, um hiedurch nur zeitliche Ruhe und sinnliche Befriedigung, schwelgerische Genüsse von den Göttern zu verlangen. Da gefiel es endlich der göttlichen Vorsehung, diese Finsterniße zu lichten und die Nebel allmälig zu verscheuchen. Gott ließ Israel sei!: 'reinstes Licht schauen, und es vernahm eine göttliche Stimme/' die ihm zurief: ״Ich bin der Ewige, dein Gott, der aus Unterdrückung und Knechtschaft befreiet" (2. M. 20, 2). Diesen Gott sollst du lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und mit deinem ganzen Vermögen. (5. M. 6, 5). Dieses ist der Eingang, aber auch der Grundzug und Mittelpunkt der mosaischen Religion. Sie lehrt, Gottes Wille ist nicht, dass du das Menschliche unterdrückest, das Leben knechtest und die Freiheit hassest, denn Gott befreit und verlangt Freiheit und Erlösung von aller Knechtschaft. Die Abhängigkeit von Gott soll uns nicht aus sklavischer Furcht, er könnte uns das tägliche Brot entziehen, kriechend und niedrig machen, sondern uns erheben, beleben und freudig stimmen. So lehren es auch unsere Weisen: ״Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herrn un: Lohn dienen, sondern Diener Gottes, die ihn aus Erfurcht anbeten." Wir sollen es aus allen Fasern unseres Lebens tief empfinden, wie unendlich Gott seine Menschenkinder wie ein zärtlicher Vater liebt, und wir werden uns ihm ganz aus Liebe weihen, ihm im Guten nach ahmen, nicht aber aus Sktavensinn und niedriger Furcht vor der Strafe erst das Böse meiden; denn dieses ist weder menschlich noch göttlich; es ist keine Gottesfurcht, sondern selbstsüchtige Furcht vor Leid und Schmerz. H. Die Bestimmung des Menschen. Gleich im Anfänge, nachdem von dem Menschen, dass er im Ebenbilde Gottes geschaffen, erzählt wird, erhält er auch von Gott den Segen und die Bestimmung seines Daseins in: Beherrschen der Erde. (1. M. 1, 28). Die Aufgabe des Menschen wird demnach schon hier angedeutet, er soll die Erde beherrschen, sich aber als Ebenbild Gottes von ihr nicht beherrschen lassen. Der Mensch muß das Irdische, die Mißgeschicke und Leiden, die ebenfalls nur von der Erde kommen, muthig überwinden und besiegen, sich aber von nichts auf der

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