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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-11-01 · Heft 25 (1.11.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 25 (1.11.1894)
Date
1894-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitnng. Nr. 25. ihren Handlungen, Solches anstreben würde, nehme ich dm Antrag des Herrn Ministerpräsidenten an. (Stürmischer Beisall rechts). Hieraus ergriff Abgeordneter Moriz Mezei das Wort. Redner sagte folgendes: Obwohl ich weiß, dass meine Rede in diesem Hause überflüssig ist, will ich mit Rücksicht darauf, dass die Frage nicht in diesem Hause entschieden wird und dass ich betreffend die Frage einen speciellen Standpunkt einnehme, einige Bemerkungen machen. Unter den Einwendungen, welche gegen die Reception der Juden vorgebracht werden, sind nur zwei, welche in Betracht kommen. Die eine ist der ultraliberale Standpunkt, der die Institution der recipirten Religionen über- Haupt nicht aufrechterhalten wissen will. Mit diesem Standpunkt, welchen Redner für den rein liberalen anerkennt, will er nicht polemisiren. Ein solch' platonischer Liberalismus hat jedoch keinen Nutzen, denn er besteht darin, dass er den Juden die Reception verweigert, aber nicht beantragt, dass die bisher in Ungarn herrschende kirchenpolitische Situation verschwinde, dass die Institution der recipirten Confessioneu überhaupt ausgehoben werde. Wenn man dies nicht thuu will, wenn man, wie behauptet wird, kein Provisorium schaffen will, dann.ist.es' doch gleich, ob sechs oder sieben recipirte Confessionen existiren. Als zweites wurde gegen die Reception vorgebracht, dass' die jüdische Religion keine entsprechende Organisation hat. Redner wolle, da sich diesbezüglich sein Vorredner bereits geäußert, diese Einwendung nicht näher erörtern. Redner hält die Reception und die Organisation für zwei von einander ganz verschiedene Fragen. Redner verweist dann auf die Reception der griechisch-orientalischen Kirche, welche wohl deutlich bewies, dass die Organisation keine Vorbedingung für die Reception ist und und dass es nicht nothwendig sei, dass die recipirte Confessio:: eine einheitliche Organisation habe. Dieselbe Gerechtigkeit und Würdigung bitten auch die Juden. Redner spricht dann über jene Auffassung, welche sich darin äußert: die Reception anzunehmen, daraus jedoch die auf den Uebertritt Bezug habende Verfügung auszulassen. Diesbezüglich stimme er mit dem Grafen Ferdinand Zichy überein, nämlich die ungarischen Juden vor der geschminkten Puppe zu bewahren. Es sei hier nicht nur vom Uebertritt der Christel: zum Judenthume, sondern auch von: Uebertritt der Juden zum Christenthume die Rede. Die diesbezügliche!: Verhältniße, welche die Juden selbstverständlich in erster Reihe interessiren, si!:d absolut nicht geordnet. Die Juden befinden sich noch heute in der Lage, dass, wenn ein. minderjähriges Kind ohne Wissen der Eltern mit einigen Tropfen Wasser getauft wird, es dagegen keine'Abhilfe mehr gibt. Das vorliegende Gesetz biete: den Juden die Garantie, welche alle anderen Confessionen bereits besitzen. Redner betont dann, dass der Staat kein Recht und auch nicht die Macht dazu habe, den Austritt aus einer Religion zu verhindern. Ein solches Verbot hätte auch angesichts des' gestern genehmigten Gesetzentwurfes über die freie Religivns- Übung keinen Sinn, speziell da es sich in diesen: Falle nur um eine Ausspielung des Gesetzes handeln würde, indem der Betreffende, der zum Judenthum übertreten will, Zuerst confessionslos und dann Jude würde. (Zustimmung rechts und auf der äußersten Linken). Redner äußert sich hierauf über die Ansichten einzelner Israeliten den Uebertritt zun: Christenthun: betreffend und geht dann auf die Besprechung der so oft betonten religiös-sittlichen Basis über. Er — Redner — kenne nur eine Moral: die gemeinsame menschliche Moral. (Lebhafte Zustimmung rechts und auf der äußersten Linken.) Redner acceptirt der: Ausdruck religiös-sittlich und legt blos auf das eine Gewicht, dass dasjenige, was mit der Gerechtigkeit in: Widerspruch steht, nicht moralisch sein kann, und deshalb glaubt er, dass zur Grundläge der Moral eine solche Ueberzeugung nicht dienen kann, welche uns hindert, anderen Confessionen gegenüber gerecht zu sein, und ihnen das zu verweigern, was wir für unsere Confession fordern. Bei der hierauf erfolgten Abstimmung wurde der Antrag׳ des Ministerpräsidenten mit großer Majorität angenommen. Emgesrndet. Löbliche Redaction! Der von der ״Oesterr. israet. Union" in Wien herausgegebene Kalender für dieses Jahr bringt unter anderen interessanten Berichten und Mittheiluugen auch Namensverzeichniße der jüdischen Gemeil:de-Vorstände, Rabbiner, Secretäre, Cassiere und sogar auch die Diener der Cultusgemeinden sind mit vollen: und genauen: Namen verzeichnet. S. 49 des Kalenders. Vergeblich aber wird man nach dem Namen des Cantors i!: den Cultusgemeinden. suchen, mit Ausnahme einiger, die eben nicht zu umgehen waren. Wir möchten daher an der: löblichen Vorstand des ״Oesterr. israel. Union" die Anfrage stellen, welcher Beweggrund hiefür maßgebend war, doch nicht etwa, weit die Cantoreu sich für die Verbreitung des genannte!: Kale!:ders interesiieren? i:m Antwort wird gebeten. S. in Tr. Kleine Chronik. Wien. An: 19. b. meldete die amtliche ״Wiener Zeitung״ der Kaiser habe den Privat-Docenten au der Universität in ■ Wien, Titnlar-Professor Dr. Ludwig Mauthner, zum ordentlichen Professor der Angenheilknnde und Vorstande der ersten Augenklinik m: der gedachten Universität ernannt. Ein wahrhaft tragisches Geschick ist es nun zu nennen, dass der neuernannte Professor am 20. d. in Folge eines Herzschlages plötzlich gestorben ist. Professor Mauthner ist an der Schwelle eines großen und wichtigen Wirkungskreises, der ihm durch seine Ernennung eröffnet!vorbei: war, einen: Leben entrissen worden, das er seit seiner Jugend ganz der Wissenschaft und Forschung gewidmet hatte. Das Leichenbegängnis, welches am 21. 3 Uhr Nachmittag stattfand, war ein offenbarer Beweis für die hohe Achtung und die große Popularität, welche der Dahingeschiedene genossen hat. Bei der Trauerfeier, bei welcher Öbercantor Singer unter Assistenz der beiden Cantoren Schiller und Blatt und des gesammten Chorpersonales die üblischen Gebete in äußerst erhebender Weise zum Vortrag brachte, waren viele hervorragende Persönlichkeiten anwesend. Jnsbeso!:dere die ärztlichen Kreise Wiens waren zahlreich vertreten und fast sämmtliche Professoren der medicinischen Facultät gaben den: dahingeschiedenen College!: das letzte Geleite. In der Ceremonieuhalle an: Centralfriedhofe hielt Oberrabbiner Dr. Güdeman!: eine ergreifende Grabrede und am Grabe widmeten der Dekan der medicinischen Facultät Professor Dr. Weichselbaum, Prof. Dr. Reuß namens der Poliklinik und Dr. Aladar Bekes 1:an:e!:s der Schüler dem Verstorbenen tiefempfundene Nachrufe. Wien. Fräulein Aurelie Herzfeld, eine Tochter des Arztes und bekannten Operateurs Dr. Adolf Herzfeld, hat sich mit Herrn Severin Heinrich Grünspan jun., diplom. Apotheker (Bäre!:-Apotheke) in Wien verlobt. Wien. An der ״Cantoren-Bildungs-Anstalt" des Obercantor I. Bauer beginnt der Unterricht am 1. November. An- Meldungen täglich Vormittags von 9—10 Uhr im Red actio ns- ° fcureauJE., Novaragasse 27. Neuurau. An: 24. October verschied hier nach schweren schmerzlichen Leiden Herr Ignaz Spiro, 77 Jahre alt, Chef der weltberühmten Papierfabrik in Krumau. Mit dem Hintritte dieses Mannes hat die israelitische Gemeinde eines ihrer vornehmsten und begabtesten Mitglieder zu beklagen. Ausgestattet mit vorzüglichen Geisteseigenschasten und talmudischem Wissen, bethätigte er feine Fähigkeiten im Dienste und zum Wohle dev Ge!::ei!:de. Er war der Gründer der israelitischen Cultusgemeinde und gleichzeitig Cultusvorsteher und genoß in dieser Doppelstellung das höchste Ansehen ohne Unterschied der Confessio::. Rennomage und Phrasenprunk perhorrescirend, kargte er mit den Worten, aber wenn er sprach, so waren seine Argume!:te sachlich, zutreffend und ausschlaggebend. Das tückische Leiden, den: der Verewigte znni Opfer fiel, :::ochte wohl seinen Körper brechen, sein'Geist blieb aber unversehrt. Er wünschte noch am Neujahrstage, wo' der Verblichene sich nicht mehr bewegen konnte,

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