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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-11-01 · Heft 25 (1.11.1894) · p. Seite 7

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 25 (1.11.1894)
Date
1894-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25. Gesterreichisch-ungarische (Lantoren-Aeilung. Seite 7. dass der (Sautor wenigstens das Mincha-Gebet bei seinem Sterbe- > bette verrichten solle. Alle Anwesenden waren tief ergriffen während dieser Andacht. Er war ein aufrichtiger Israelit bis zum letzten Achemzuge. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung von Liebe und Verehrung für den Verstorbenen. Was im Orte zu Hanse war, betheiligte sich an der Leichenfeier, dem Conducte folgten sämmtliche Mitglieder und Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde, der Bürgermeister mit den vornehmsten Bürgern der christlichen Coufession. Nach den ergreifenden Grabgebeten des hiesigen Cantors schilderte der Pilsener Bezirksrabbiner den Lebenslauf und die Verdienste des Verstorbenen, seine Zärtlichkeit als Gatte, wie als Vater und sprach Worte des Trostes und der Ermunterung zur gramgebeugten Witwe und zu den Kindern, welche alle recht brave rechtschaffene Leute sind. Möge er sanft schlummern, das Grab ihm die ersehnte Ruhe bringen — nach den unsäglichen Qualen und Schmerzen, die er monatelang ertragen musste. Das Andenken der Gerechten gedeiht zum Segen. L. Kramer. Sambvr. Aus Sambor in Galizien wird über einer: Act unerhörter Willkiir seitens des dortigen k. k. Bezirkshauptmannes folgendes berichtet: Die hiesige jüdische Gemeinde engagirte einen Zloczower Getreidehändler Namens Schornstein als Vorbeter für die hohen Feitertage. Der aceeptirte Vorbeter kam in Begleitung seines Chores mit einem Gesundheitszeugniße versehen in Sambor an. Der k. k. Bezirkshauptmann Herr Bogumil Kieszkowski erließ einen Ukas, den Vorbeter sammt Begleitung ins Cholera-Spital zu senden, weil angeblich im Zloczower Bezirke Cholerafälle vorgekommen sein sollen, wiewohl einige Tage früher derselbe Bezirkshauptmann der Repräsentanz der jüdischen Cultusgemeinde ans eine Anfrage sagte, er habe gegen den Vorbeter aus Zloczow nichts einzuwenden, wenn er ein Gesundheitsattest mit sich bringt und rechtzeitig der Sanitäts-Behörde sich vorstellt. Als der Viceprüsident Herr Menkes an der Spitze einer Deputation vorstellig wurde, dass er doch selbst gesagt habe, es kann dem Aufenthalte des Vorbeters nichts in den Weg gelegt werden, wenn er ein Gesundheitsattest mitbringt, wurde unser Herr Bezirks hauptmanu böse und gab zur Antwort: ״Ihr Juden verdrehet immer die Wahrheit, Ihr seid eine Plage, eine Qual und ein Unglück unseres Landes, Ihr seid Diejenigen, die die Cholera im Lande verbreiten, durch das Aufsuchen euerer Wunderrabbis und durch stetes Hernmziehen im Lande. Es wäre schon höchste Zeit, derlei los zu werden, da die Juden in der Minorität sind, so muß die Majorität der Christen sich gegen sie schützen." Herr Cultusvorstand Menkes replicirte darauf: dass nach den Zeitungsberichten nicht Juden, sondern christliche Flößer und Taglöhner es gewesen seien, die den Cholerabacillus aus den verseuchten. Gegenden Russlands nach West-Galizien verschleppten und von da erst fand die Seuche nur deshalb Verbreitung, weil um der Landesausstellung in Lemberg nicht zu schaden, durch längere Zeit kein einziger Cholerafall constatirt werden durfte. Der Lemberger Ausstellung hatten es auch die Tausende von Bauern zu verdanken, dass sie trotz Choleragefahr den Ablass in Kalwarya mitmachen konnten, es wurde von keinem der Besucher ein Gesundheits-Zeugnis verlangt, auch wurde Niemand gefragt, ob er von einer choleraverdächtigen Gegend komme oder nicht. Diese richtig angebrachte Entgegnung setzte den Herrn Bezirks- Hauptmann derart in Harnisch, dass er der jüdischen Deputation die Thüre vor der Nase schloss. Es begann nun eine Razzia auf die aus der Umgebung kommenden Juden, indem die k. k. Gendarmerie vom 27. v. M. an alle per Bahn oder Wagen ankommenden fremden Juden ins Cholera-Spital brachte, wiewohl diese ans cholerafreieu Gegenden kamen. So wurde ein Mann Namens Saul Latke aus Dobromil verhaftet und musste volle 24 Stunden im Cholera-Spitale zubringen, weil er die Frechheit hatte, die freie königliche Stadt Sambor zu besuchen, um seine Tochter abzuholen. Unser Herr Bezirkshauptmann scheint aber blos die Juden als choleraverdächtig zu erachten; denn sonst Hütte er auch den hiesigen Arzt Herrn Doctor Chrzaszczewski, seinen nächsten Verwandten, ebenfalls ins Cholera-Spital schicken sollen, da derselbe direct vom Choleraherde Czernowitz kam, wo er seinem an Cholera asiatica verstorbeuen Schwiegervater das letzte Geleite gab, die verwitwete Schwiegermutter aber und deren Kinder mit sich nach Sambor brachte; ebenso kam die Strenge des Gesetzes nicht zur An- Wendung bei den Hunderten und aber Hunderten von Bauern, die in Sambor vor einigen Tagen einen Ablaßort besuchten. Da nun die Cultusrepräsentanz bei der Bezirkshanptmannschaft nichts anszurichten vermochte, indem selbe von Pontius zu Pilatus geschickt wurde, bald der Kreisphysicus auf den Bezirkshauptmann, der Bezirksbauptmann auf den Kreisphysicus die Schuld wälzte, blieb nichts Anderes übrig, als den Borbeter in seine Heimat znrückzusenden, und auch dies gelang nur schwer. Wir Juden hatten nun während der hohen Feiertage zwar keinen Vorbeter, dafür aber den Schinder, denn im Austrage der Be- Hörde (nach einer Version des Bezirkshanptmannes, nach einer anderen Version des Magistratsleiters Herrn Eitners erschien während des Gottesdienstes der Wasemneister in Begleitung seines Gehilfen und eines Wachmannes in der Synagoge, und ohne ans die andächtig betende Menge zu achten, desinficirte er mit der brennenden Cigarre im Munde das Bethaus mit aeidum carboliemn crude, wiewohl die jüdische Gemeinde selbst die Bethänscr mit 5-percentiger Carbolsänre desinstcirt hat. Wir wenden uns hiemit an Se. Excellenz den Herrn Statt- Halter Grafen Badeni, dem Auftreten dieses Herrn Bezirks- Hauptmannes, der als Mitglied der Sanitäts-Commission bei einem Besuche des sogenannten Bleichviertels sich geäußert haben soll: meiner Ansicht nach wäre es am besten, einen Galgen zu errichten und alle Inden dieses Viertels aufzuknüpfen, eine prüfende Aufmerksamkeit znznwenden. Wir rechnen auf seine Gerechtigkeit. Sofia. (Salamon Lengsfelder, geboren im Jahre 1810, gestorben den 14. October 1894 in Reichenau a. K. Böhmen.) Der Nestor der Rabbinen Böhmens, einer der tüchtigsten Talmudisten und der würdigste Vertreter der Wissenschaft des Judenthnms in Böhmen ist vorn irdischen Schauplatze am Rüsttage des Hüttenfestes von hinnen abberufen worden, um in die ewige Heimat einzngehen. Als junger Mann schon hat er den Rabbinatsposten in Warasdin (Croatien) eingenommen, aber seinen Freimuth und seine Wahrheitsliebe sollte er mit seinem Posten daselbst bezahlen. Cr gieng in seine Vaterstadt Reichenau a. K. zurück, waren doch sein Vater und Großvater Rabbiner und gleichzeitig Vorsteher daselbst, und dieser kleinen Gemeinde mag es rühmlich nackgesagt werden, dass sie entgegerr dem Worte!Nemo propheta in patria — das nebenbei bemerkt ein Wort des Evangeliums ist — ihren wahrhaft großen Sohn zu würdigen wusste und ihn hochachtete bis zum Ende seines Lebens. Die zwei Hefte Predigten scnvohi, als auch die Antwort auf die Rohling'schen Fing- und Fluchschriften zeigten nicht nur von der großen Gelehrsamkeit des- Autors-, sondern auch von dessen Schlagfertigkeit und von der goldenen Rücksichtslosigkeit, da wo es sich darum handelt, für die Wahrheit eine Lanze zu brechen. Schreiber dieser Zeilen versprach einst dem Verewigten, ihm einen Nachruf zu halten; der Partezettel kau: jedoch einen Tag nach dem Leichenbegängnis mir zu: so seien diese Zeilen statt des persönlichen Nachrufes. Auch nach Rabbiner Salomou Lengsfelder sel. Andenkens gilt des Dichters Wort: ״Den Leib mag Staub bedecken, der Geist lebt fort zu zünden und zu wecken." Dr. M. G r ü n w a l d, Großrabbiner. f Die schwere Berufsarbeit der Eantoren v^UvyvU ♦ ist nun vorüber und jeder Einzelne freut sich, seine Functionen zur Zufriedenheit der Gemeinde ausgeführt zu haben. Unsere Arbeit jedoch, für die Interesten des Laütorenstandes mups jetzt neuerdings mit vollster Hingebung und Energie ausgenommen werden. Aber die Freude daran wird der Redaciion vergällt durch die traurige Wahrnehmung, dass die geehrten Collegeu, mit Ansnähme einzelner Weniger, stch fortwährend nur den kleinen Abonuen,eutsbetrag mahnen lasten. Wir ersuchen darum alle Herren Abonnenten, welche den Abonnementsbetrag noch nicht entrichtet haben, dies umgehend zu thun, daurit wirendlich der Mahnungen enthoben srnd. Die Redaction. Dir nächste Nummer erscheint am 11. November.

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