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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-11-01 · Heft 25 (1.11.1894) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 25 (1.11.1894)
Date
1894-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 25. Das l^^rhafte Gebet ist mehr als ein anderes Mittel dazn geeigne^Me verschiedenen,. zu einer religiös-sittlichen Erziehung nöthigEWundlagcn, Tugenden, Eigenschaften und guten Sitten im Mör'^Wn, -und hiemit schon im Kinde, zu erwecken, zu starken und zu befestigen, und zugleich jene Irrlehren, Eigenschaftenund Untugenden von uns ferne zu halten, die eine religiös sittliche Erzihung erschweren oder ganz verhindern. Denn das Gebet erinnert an Gottes Weltherrschaft, an seine Allmacht. Allgüte und Allgegenwart. Es flößt uns Vertrauerl zu Gott ein, es erinnert uns an unsere Abhängigkeit von ihm, und bewirkt unsere Demuth, es ermahnt uns zur Humanität und zum Gehorsam gegen Ihn.*) Aber alles diesen Tugenden und Pflichten Entgegenstehende schadet einer religiös-sittlichen Erziehung, oder macht sie ganz unmöglich. Mit Recht sagt ein berühmter Pädagog (Palmer): Ohne Gebet ist keine Religion, und ohne Religion ist keine gute Er- Ziehung. Denn wenn das Kind nicht frühzeitig zu beten angehalten wird, so verflüchtigt in ihm sein zur Welt mitgebrachtes religiös-sittliches Gefühl, und es keimt in ihm Unglaube, Urigenügsamkeit, unerlaubte Genuß- und Habsucht, Hochmuth und Selbstüberschätzung, welche Untugenden oft zu Selbstmord führen, was von der Erfahrung genügend bestäügt wird. In diesem Sinne sind zu verstehen die Worte des Talmud (Tr. Broch. 31): ״Möchte doch der Mensch den ganzen Tag beten,׳ d. h. möchte doch der Mensch von den Lehren, worauf das Gebet beruht, und von den Pflichten, die es in uns zu erwecken geeignet ist, den ganzen Tag, d. h. sein Lebenlang durchdrungen sein! Dass diese Worte des Talmud nicht wörtlich zu verstehen sind, ist aus folgenden Gründen zu entnehmen: 1. Kann ja der Mensch nicht den ganzen Tag mit der eben vom Talmud beim Gebet geforderten ״Andacht" beten (Broch. 31.) 2. Verbietet der Talmud zu gewissen Zeiten, an gewissen Orten und in gewissem Körperzustande zu beten (Broch. 30). 3. Befiehlt der Talmud nachdrücklichst die ״Arbeit" zur Selbsterhaltung. Demnach kann der Mensch nicht dev ganzen Tag beten. Größer — achtbarer — ist derjenige, der sich von seiner Hände Arbeit ernährt, als der Gottesfürchtige, d. h. als derjenige, der seine Zeit auf fromme Thaten verwendet, aber von Almosen lebt. (Tr. Broch. 8.) Pädagogischer Takt liegt in der alten Einrichtung unserer Weisen, nebst ihrer theologischen Begründung, dass man allgemein nur zu bestimmten Tageszeiten, ferner vor und nach jedem Genüße, so auch bei gewissen Natur-Erscheinungen und bei ungewöhnlichen, schmerzlichen oder ersi'eulichen Geschehnißen zu Gott beten soll. Weil alles Außergewöhnliche auf den Menschen wirksamer ist, als das Gewöhnliche: 2. Und Daniel richtete dreimal im Tage sein Gesicht gegen Jerusalem zum Gebete. (Daniel 6, 11). Die außergewöhnlichen Natur-Erscheinungen, wie der Donner, erwecken im Menschen, besonders im Kinde, Gottesfurcht und Anregung zu beten. (Broch. 54). Aehnlich lauten die diesbezüglichen Aeußerungen berühmter Pädagogen unserer Zeit: 1. Wir müssen eifriger als sonst suchen, unseren Kindern ein Herz mit einem ״Bethause" in die Fremde mitzugeben, und gefaltete Hände, und die Demuth vor der unsichtbaren Welt, wenn wir eine ״Religion" glauben, und sie unterscheiden von der Sittlichkeit (I. Paul). 2. Wir müssen den *) Folgerichtig hievon lehrt der Talmud, dass ein Betrunkener nicht beten darf; weil er im Rausche sich als ״Herrn" der Welt dünkt, mithin mangelt ihm die Basis des Zweckes eines würdigen Gebetes. (Tr. Erub. 64 — 65.) übermüthigen ״Weltgeist" aus allen '׳: Kräften bekämpfen, wenn wir in einem Truge nicht/ untergehen wollen. Dazu giebt es keine Andere Waste, als die der Sittlichkeit, deren Wastenschmiede die Religion ist. (Curtmann). 3. Wächst das Kind ein wenig heran, dann lass esauf das Rollen des noch fernen ״Donners" merken! Dein feierliches ״Horch! es donnert" wird es schon aufmerksam machen. Die heilige Scheu vor dem Uüsichtbaren und die Innigkeit, mit der es dir anhängt, sind seine erste Religion. Dein leises Wort ״Vater im Himmel" wird das kleine Herz besänftigen. Solche Worte, oder nur Blicke, fallen als Funken ins junge Gemüth und zünden oft erst spät, aber vergeblich sind sie nicht. (Karoline Rudolfs). iFoitschung folgt.) Sprechen und Singen. (Fortsetzung). Die Singstimme - ist oft scholl im dritten Lebensjahre vorhanden; drei- und vierjährige Kinder lernen oft schon kleine Lieder singen. Voui sechsten Lebensjahre bis zur vollendeten Entwickelung verändert sich die Stimme im Charaeter wenig, sie nimmt jedoch an Stärke zu, im Verhältniße zur allgemeinen Kräftezunahme. Zur Zeit der Reife geht jedoch mit der Stimme eine ganz bedeutende Veränderung vor, und obgleich dieselbe sich hauptsächlich beim männlichen Geschlechte bemerklich macht, ist sie auch bei Mädchen ganz unverkennbar vorhanden. Bei ersteren wird die Sümme, nachdem sie sich kürzere oder längere Zeit in eitlem Wechselzustande befunden hat, in ihrem Charaeter ganz wesentlich verändert, sie wird tiefer und voller und bekommt eilten ״männlichen" Charaeter. Die anatomischen Veränderullgell beim Stimmwechsel sind folgende: Größenzunahme des Kehlkopfes in allen Dimensionen; die Knorpel nehmen an Dicke und Festigkeit zu; der vordere sichtbare Winkel, den die beiden Platten des Schildkilorpels bilden, wird schärfer und deutlicher, so dass derselbe außen am Halse mehr hervortritt; die Stimmbänder selbst werden länger und dicker. Beim weiblichen Geschlechte treten dieselben physikalischen Veränderungen ein, aber in wesentlich geringerer Ausdehnung; der Stimmumfang gewinnt ein bis zwei Töne, die Sümme wird kräftiger, weicher und gewinnt an Schmelz. Während des reifen Alters׳ behält die Sümme so ziemlich ihren Charaeter, sie ist nur um das dreißigste Jahr herum am vollsten; bei Männern tritt im 50. bis 60. Lebensjahre, oft noch etwas früher, ein zweiter Wechsel ein; die Knorpel des Kehlkopfes werden härter und verwandeln sich zum Theite oder ganz in Knochen, während die Weichtheile ihre Elastizität theilweise verlieren. Bei den meisten Männern verliert im 50. Lebensjahre, zuweilen einige Jahre später, die Sümme ihre Kraft und Fülle, oft verändert sich sogar ihre mittlere Höhe; ihm hohen Alter wird die Stimme schrill und zitternd. — Es gibt natürlich ausnahmsweise auch Organisationen, bei denen die Sümme ihre Frische und Elasticität bis ins höchste Alter behält. Nubini und Lablache waren im Alter von 62 Jahren noch ganz ״a 13, hautenr1; und Sims Reeves bringt noch heute Töne hervor, um die ihn mancher Sänger, der noch im Zenith des Lebens steht, beneiden könnte. Tom Holmes zählt noch heute zu den ersten Sängern, obgleich er die Grenze, die die Bibel dem Menschenleben setzt, schon lange überschritten hat. Um zu beweisen, in welch' innigen! Zusammenhang die Erhaltung der Sümme mit der Conservierung des ganzen Organismus steht, füge ich hinzu,

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