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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-10-14 · Heft 24 (14.10.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 24 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Gesterreichisch-ungarische £antoren־geiturtg. Nr. 24. Leite ö. auch der amtliche Bericht der Negierung hervorhebt. Dass diese Bewegung zunächst in sozialistischer, theilweise auch anarchistischer Richtung geht, kann sie dem Zuschauer natürlich nicht sympatisch machen, braucht uns ferner Stehende aber nicht näher zu kiünmeru. Der Anblick der seltsamen Mauserung dieser ärmsten und elendsten aller Menschen ist an und für sich interessant. Eine Reihe von plötzlich ausgebrocheneu und energisch durchgeführten jüdischen Strickes hat in den letzten Jahren fast durchgehends höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und gesündere Arbeitsränme zur Folge gehabt. Eine der sichtbarsten Wirkungen der jüdischen Einwanderimg ist der für unsere betreffende Industrie so verhängnisvoll gewordene Aufschwung der Londoner Confection. Früher war London auf die Berliner Mäntelindustrie angewiesen. Erst seitdem sich die russischen Juden diese-׳ Branche bemächtigten, wurde England in Stand gesetzt, der deutschen Concurrenz die Spitze zu bieten. Der Bericht des Handelsamtes sagt darüber: Sie (die jüdischen Werkstätten) liefern für große Handlungs- Häuser in der City Mäntel, die bisher hauptsächlich von Deutschland importirt wurden . . . Im Vergleich zu den englischen Arbeiterinnen in der Hausindustrie führen sie eine bessere Art der Arbeitsorganisation und ein besseres Product ein. Nach Mittheilungen von drei Londoner Firmen eröffnen sie die Aussicht auf erfolgreiche Cvncnrrenz in Deutschland." Das wäre denn ja eine wundersame Verschlingung von Ursachen und Wirkungen. Weil Pobedonoszew die Inden ans Rußland vertreibt, müssen unsere deutschen Bekleidungsarbeiter einem harten Wirtschaftskampfe entgegensehen, in dem sie vielleicht unterliegen werden. ׳ . Die russisch-polnischen jüdischen Einwanderer haben ziemlich schnell angefangen, ihre unglaublich verkümmerte ״Cultnr", mit der sie ihre orientalis l:e Heimat verlassen haben, gegen Art und Sitte des neuen Wohnortes einzntanschen. Neben mehreren englischen Abendschulen für Erwachsene wirken die Freischulen für Inden, die von etwa 8500 Kindern besucht werden. Die Lehrer dieser Schulen richten ihre ganze Energie darauf, den Kindern die englische Sprache beizubringen, und ihre Bemühungen werden von Erfolg gekrönt. Im Parlamentsbericht heißt es an dieser Stelle: ״Beim Eintritt in die Schute sind die Kinder Russen und Polen, und beim Verlassen sind sie oft kaum von den englischen Kindern zu unterscheiden." Eigentliche ״Paupers", Leute also, die jede Energie zur Selbsthilfe verloren haben und im Arbeitshause oder ausschließlich von Armenunterstützung leben, giebt es unter den Einwanderern fast gar nicht. Nach dem erwähnten Parlamentsbericht bilden die russischen und polnischen Juden im Ostend Londons 18 Perzent der Bevölkerung, nehmen aber ain Pauperismns nur mit 0.67 Perzent theil. Ebenso gering ist ihr Antheil an Verbrechen; im Jahre 1891 saßen 21 Juden im Gefängnis. Es macht einen tragikomischen Eindruck, wenn man hört, dass sich diese verelendet-jüdischen Einwanderer zu einer Gruppe unter dem stolzen Namen ״Ritter der Freiheit" zusammengeschlossen und dass die Sozialdemokraten unter Ihnen eine ״Gruppe Vorwärts" gebildet haben. Nach dem in diesem Falle allerdings nicht unverdächtigen Zeugnis B e e r 's ist die Beobachtung zu machen, dass die intelligenten jüdischen Arbeiter Sozialdemokraten werden, während die Unwissenden zum Theil fanatische Orthodoxe sind. Die Agitation gegen die jüdischen Einwanderer wird wohl erfolglos bleiben. Der Parlamentsbericht fasst sein Urtheil dahin zusammen, dass diese russisch-polnischen Inden ״im Ganzen eine friedliche gesetzestreue Gesellschaft sind." Kleine Lhronik. Wien. Sonntag, den 7. October fand im Stadttempel die Trauung des Herrn Js i d 0 r 331t 1t i 111 owits ch. Mitglied des Synagogenchores in der Seitenstettengasse, mit Fräulein Sophie Zwicker aus Brünn statt. Der Bräutigam, der die cantorale Laufbahn zu betreten gedenkt, erfreut sich bei seinen Vorgesetzten und bei dem Vorstande besonderer Beliebtheit. Der Trauungsfeierlichkeit wohnten zahlreiche Gäste bei. Wien. An den verflossenen hohen Feiertagen hat im großen Musikoereinssaale wie alljährlich ein feierlicher Gottesdienst stattgefunden, bei welchem unser verantwortlicher Redacteur Herr Alois Kulka, der auch als Cantor sich eines ausgezeichneten Rufes erfreut, mit seinem Vortrage allgemeinen Beifall auch die Anerkennung des Bethausvorstandes der Israel. Cnltnsgemeinde gefunden. Das Predigeramt versah Herr Religionsleherer I. Breuer, der schon im Vorjahre sich als tüchtiger Kanzelredner bewährt hat. Plrvstnist. Am 28. September wurde ein Stück Alter- 6)11111 aus nuferer Mitte zur ewigen Ruhe bestattet; es ist dies Herr Johann Beer, das älteste Mitglied nuferer Gemeinde und der älteste Bürger unserer Stadt. Was der Verblichene in seinen 98 Lebensjahren gewirkt und geleistet hat, könnte hier kaum erschöpfend ausgeführt werden, und so will ich blos hervorheben, dass er unsere Volksschule, welche vor dem Jahre 1848 noch zu der Cheder-Gruppe zählte, zu einer Bildungsstätte umwandelte, aus der schon hervorragende Männer hervorgingen, sonne ferner, dass er feinen großen Neichthum zur Unterstützung der Armen und nützlicher Institute verwendete. Unsere Gemeinde hatte ihn schon vor Jahren zu ihrem Ehrenbürger ernannt und wie sehr er sich die Liebe und Werthschütznng Aller erworben, bekundete sich bei feinem Leichenbcgängniße in beredter Weise. Denn nebst seinen zahlreichen Verwandten, welche ans Nahe und Fern heröeigeeilt ivaren. begleiteten ihn Juden und Christen in einem fast unübersehbaren Lcicheuzuge zur letzten Ruhestätte. Auf dem Friedhofe schilderte unser Rabbiner Herr Dr. Hoff die Verdienste des theuren Verblichenen in ergreifenden Worten. Wir erwähnen noch, dass der eifrige Vorkämpfer des Indenthums. der Kaufmann Herr Eduard Beer in Wien, ein Sohn des Verstorbenen war und dass der berühmte Bildhauer Peter Beer in Paris und der ausgezeichnete Bibliograph Professor Moritz Steinschneider in Berlin zu seinen nahen Verwandten Zählten. — Möge das Andenken dieses edlen Mannes für immer gesegnet sein. Cantor Lösegeld. Budapest. Unter den Reden, die im Magnatenhanse für die Reception der Juden gehalten wurden, ist die des früheren Cultusministers Grafen Albin Csaky am bedeutendsten. Der Schöpfer der kirchenpolitischen Vorlagen plaidirte mit folgenden beredten Worten für die Annahme des Gesetzes: — Hohes Haus! Es ist nicht meine Absicht, mich mit Jenen in eine Polemik einznlassen, welche die Reception des jüdischen Glaubens, ihre Aufnahme in das Gesetz, perhorreszireu. Dies ist nach meiner Ansicht ein so intransigenter Standpunkt, dem gegenüber der Hauptzweck jeder öffentlichen Berarhung verloren ginge, nämlich das gegenseitige Capazitiren, die gegenseitige Bernhigung, eventuell Aufklärung. Ich will mich daher nur mit jenen zwei Einwendungen befassen, welche hauptsächlich gegen die Vorlage' erhoben wurden; denn hier habe ich die Hoffnung, dass vielleicht Jemand in Folge der zu ertheilenden Aufklärungen seine Auffassung ändert. - Der erste Einwand war, warum wir bezüglich der israelitischen Religion in einem besonderen Entwürfe disponiren und die betreffende Verfügung nicht in den Entwurf aufgeuommen haben, welchen das hohe Hans verworfen hat. Dieser Einwand hat jetzt, wo die Vorlage über die si׳eie Religionsübung hier schon verworfen wurde, jede Bedeutung verloren. Es dürfte aber dennoch nicht ohne Interesse sein, einen Rückblick auf die Motive zu werfen, welche seinerzeit

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