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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-10-14 · Heft 24 (14.10.1894) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 24 (14.10.1894)
Date
1894-10-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 24. Vesterreichisch-ungarischeLantoren-Zeitung. Seite 5. Ebenso beruth die Verschiedenheit des Timbre bei verschiedenen Stimmen auf struktuellen Verschiedenheiten der Stinrmorgane; Gestalt, Dicke, Elastizität und die Stellung der einzelnen Theile zu einander spielen hier entschieden eine wichtige Rolle. Helmholtz hat gezeigt, dass es keinen einfachen musikalischen Ton gibt, sondern dass vielmehr jeder Ton in Wirklichkeit mit einer größeren oder geringeren Anzahl von Obertönen begleitet wird, welche den Grundton an Höhe übertreffen aber wesentlich schwächer als derselbe sind. Mit dem Grundtone verbunden, vervollkommnen sie ihn und geben ihm gewissermaßen Körperlichkeit. Jede Note hat eine Anzahl solcher Trabanten, die sie stets begleiten und von den Musikern als Obertöne bezeichnet werden. Außerdem wissen wir. dass jeder Resonator einer: bestinunten Eigenton hat, bei dessen Angabe er in Mitschwingnngen geräth, während er bei allen anderen Tönen ruhig bleibt. Wenn ein Ton produziert ist, so entspringt er wie Minerva aus dem Haupte des Zeus in voller Rüstung aus dem Kehlkopf, d. h. umkleidet rnit sämmtlichen ihm zugehörigen Obertönen. Es ist begreiflich, dass einige dieser Töne den Eigentönen des Resonators entsprechen, andere nicht; die ersteren werden durch Mund und Rachen verstärkt, während die anderen mehr oder weniger abgeschwächt wirken. Daher die unendliche Verschiedenheit der Stimmen, von denen keine der anderen vollkommen gleich ist. Ein bestimmter Timbre kann, da er von den körperlichen Eigenthümlichkeiten in so hohem Maße abhängig ist. bis zu einem bestimmten Grade vererbt werden und kann in mancher Weise sogar ein ethnologisches Kennzeichen sein. So haben z. B. Stimmen der Eingeborenen von Neuseeland, bei denen die verschiedenen Höhlendes Gesichtsschüdels schlecht entwickelt sind, eine auffallend geringe Resonanz. Die italienische sog. 0r6 rotundo Aussprache ist ebenfalls eine Rasseneigenthümlichkeit. Ebenso kann man den Amerikaner von dem Engländer, den Berliner von dem Süddeutschen durch die Verschiedenheit des Timbre unterscheiden. E rr t st e h e 11 u n d Vergehen der S t i m m e. Hüll a h sagt, dass der Unterschied zwischen Sprechstimme und Singstimme darin besteht, dass während bei der letzteren die Töne gebunden gehört werden, d. h. der Uebergang von einem Tone zum anderen als solcher zum Ohr gelangt, bei ersterer nur die Töne allein, nicht die Intervalle selbst, sondern nur ihre Anfangs- und Endpunkte gehört werden. Diese Definition hat so viel Beigeschmack von metaphysischer Haarspalterei, dass sie vom gewöhnlichen Unterthanenverstand gar nicht begriffen wird. Meiner Ansicht nach besteht der Unterschied zwischeu Gesang und Sprache nur darin, dass bei letzterer nur eine kleine Anzahl Noten und auch diese ohne Rücksicht auf tnitjikalische Zeiteintheilung zur Verwendung kommen. Branche behaupten, der Unterschied zwischen Singen und Sprechen ist derselbe wie zwischen Gehen und Tanzen. Das Singen ist die Poesie der Stimme. Manche Redner sprechen ihre Sätze rnit rhythmischer Kadenz, zuweilen sogar mit einer Art Modulation, die an das Recitativ der Oper erinnert. Wenn man Sprache und Gesang als die beiden Endpunkte der menschlichen Stimmbildung ansieht, so kann man Declamation und Reeitativ als die Mitglieder zwischen denselben betrachten. Die leidenschaftliche Sprache der Alten war, wie Cicero sich ausdri'rckt, ein cantns obscurior, und wir lesen von einigen Rednern, welche, aus Furcht, dass die Stimme mit ihnen durchgehe, die Vorsicht gebrauchten, einen Mann mit einer Flöte neben sich zu stellen, welcher ihnen von Zeit zu Zeit den Mittelton ihrer Stimmlage angeben mußte. Der Unterschied zwischen Sängern und solchen, welche ״keine Stimme" haben, beruht in Wirklichkeit auf dem Mangel eines musikalischen Gehöres der letzteren; dieselben haben nicht die natürliche Gabe, Töne nachzuahmen, d. h. die verschiedenen Abstufungen musikalische Höhe wiederzugeben, weil sie für dieselben wenig oder gar kein Gehör haben. Der durchschnittliche Umfang der menschlichen Stimme beträgt zwei bis zwei und ein halb Oktaven; drei Octaven sind schon reckrt selten, und ein Sänger, der gar vier Octaven sein eigen neunen kann, wird als ein großes Wunderthier angestaunt. Die Grenzen der Stärke der menschlichen Stimme lassen sich nicht so nach Zahlen angeben wie die des Umfanges. Sie wechseln übrigens bei einer und derselben Person, da sie ans außerordentlich variablen Grundlagen beruhen. (Fousetzuug folgt.) Die russischen Juden in London. Sehr merkwürdige Aufschlüsse über die Colonie der aus Rußland vertriebenen Inden in der Hauptstadt gewährt ein amtlicher Bericht, der vorn brittischen Harrdelsamt auf Verlangen des Parlaments erstattet und in der ״Posener Zeitung" auszugsweise wiedergegeben wird. Der Bericht ist veranlaßt worden durch die torystische Agitation gegen die Zunahme der Ein- Wanderung fremder Arbeitskräfte, von der die englischen Lohnarbeiter allerdings bedrückt werden. Die werthvollen statistischen Ergebnisse der amtlichen Untersuchung erhalten eine Ergänzung durch die Comentare, die ein Glaubensgenosse der dort geschilderten Mensch entlasse, ein Herr M. Beer, in der ״Neuen Zeit" aus eigener Anschauung der Verhältnisse veröffentlicht. Die Thatsachen sind auch für deutsche Leser von Interesse, weil die wirtschaftlichen Zustände, unter denen diese Aus- Wanderer leben, bereits anfangen, auf unsere eigenen Wirthschaftsverhältnisse zurückzuwirken. In den Ostdistricten Londons zählte im Jahre 1891 die aus Rußland und Polen stammende jüdische Bevölkerung 23.666 Köpfe. Nach den Ermittlungen Be er's ist jedoch diese Ziffer, die bei der Volkszählung von 1891 heraus kam, viel zu niedrig angesetzt, und er rechnet für das Ostend Londons heute mindestens 35.000 jüdische Zuwanderer. Tie statistische Tafel des Handelsamtes gibt die Beschäftigung dieser Leute bis ins Kleinste an. Die übergroße Mehrheit ist im Handwerk und in der Industrie thätig, ein par Dutzend auch als Zimmerleute, Matrosen. Kellner rc. Tie Einzelzahlen können übergangen werden; dagegen ist hervorzuheben, dass ungefähr 60 Perzent sämmtlicher russisch-polnischer Juden in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Diese Cvncentration der Juden in dem einen Gewerbe hat sich aus verschiedenen Ursachen herausgebildet. In ihrer Unkenntnis der englische!! Sprache und Verhältnisse wenden sich die jüdischen Einwanderer zunächst an jüdische Arbeitgeber, die eben hauptsächlich der Bekleidungsindustrie angehören. Sodann thun sie es, um den Sabbath feiern zu können; die englischen Fabrik-Acte befreien die Werkstätten, die hauptsächlich jüdische Arbeiter beschäftigen, von der Sonntagsruhe, damit die Angestellten nicht zwei Tage in der Woche feiern müssen. In London geht die Redensart um, dass der eingewanderte Jude entweder ein Ausbeuter oder ein Ausgebeuteter sei. Diese Ansicht hört neuerdings auf, völlig zuzutreffen. Eine ganz sonderbare Gährung unter den russisch-polnischen Juden macht sich bemerkbar, ein Drang nach der Cultur, den

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