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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-09-28 · Heft 23 (28.9.1894) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 23 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Vesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 23. eine ״von denen Kirchen abgelegene, zu seiner nothdürftigen gelegenheit erforderliche Wohnung umb die billig- und eigene bezahlungin bestand zu nehmen," d. h. zu miethen verstattete. Neben seinem Namen erscheint in dem neuen Privilegium nur noch ׳sein verheirateter Sohn Ennoch Michel und sein Tvchtermann Lazar Joseph ausdrücklich hervorgehoben. Dieser .Buchhalter" Lazar Joseph ist der Urgroßvater Heinrich Heine's, Lazarus v. Geldern, der Sohn des in deutschen Landen weithin angesehenen Juspa oder Josef v. Geldern, des Vorstehers oder Obervorgängers der jüdischen Gemeinde von Düsseldorf. Lazarus war zur Zeit des neuen Schutzbriefes, in dem er als Schwiegersohn und Buchhalter Simon Michels auftritt, kaum 21 Jahre alt: Der Glanz seines Elternhauses war durch die Ehe seiner Schwester mit Liebmann Jost, dem Sohne des mächtigen Juweliers und Hofjuden des großen Kurfürsten, Jost Liebman in Berlin, noch erhöht worden. Es war für Simon Michel keine geringe Genugthuung, als er seine Tochter Sara Lea dem jungen Träger eines in der Judenheit so angesehenen Namens, Lazarus v. Geldern, der von draußen im Reich nach Men zu chm gekommen war, die Hand zum Bunde für's Leben reichen sah. Mer auch der junge Geldern konnte mit gehobenem Bewusstsein in seine neue Heimat ziehen, in der das Haus seines Schwiegervaters neben den Wertheimer und den Hirschel'schen Erben, neben Oppenheimer, Lehmann, Sinzheim und Ulmer zu hohem und unbestrittenem Ansehen sich erhoben hatte. Dass die Regierung Simon Michel zu den Reichsten in der Wiener Judenschaft zählte, bewies sie schon im folgenden Jahre, als sie zum Zwecke des Türkenkrieges es wieder einmal mit einem Zwangsanlehen versuchte und von den in Wien privilegirten Juden Vorschüsse nach der Höhe ihres Vermögens oder nach eigenem Angebote einforderte, die bis zum 24. Juli 1717 bei Strafe von Tausend Speciesducaten eingezahlt sein mußten. Während auf alle Juden, mit Ausnahme Wertheimers, der eine hlckbe Million, und Hirsch el's Erben, die 177.000 Gulden beizusteuern hatten, 80.000 Gulden entfielen, musste Simon Michel, wie nur noch einige Wenige, 75.000 Gulden vorschießen. Aber das Jahr sollte nicht zu Ende gehen, ohne dass Simon Michsl eine andere Auszeichnung als die Anerkennung seines Reichthums, die in dieser Besteuerung lag, zu Th eil wurde. Jahrzchnte hindurch war das Gebiet der königlichen Freistadt Tyruau in Ungarn eine wahre Fliegenfalle für die Juden. Es war nicht nur chr oft in Gnaden bestätigtes Privilegium, keine Juden zu halten, sondern jeder Jude, der sich ihrem Bannkreise nur näherte, war rettungslos mit Hab und Gut ihr verfallen und vogelfrei. Wenn ein Wagen in der Nähe eines ihrer Dörfer die Achse brach, dann wurde der Inhalt, wenn er einem Juden gehörte, in die Stadt geschleppt und confiszirt, der Eigenthümer aber gefangen gesetzt. Der Prozesse um das von diesen Wegelagerern geraubte Gut war kein Ende, die Klagen drangen bis an den König; der Palatin hatte schon die Weisung erhalten, endlich einen Ausgleich und Ruhe zn schaffen, als die Stadt und die klagefiihrenden Parteien sich darin einigten, zur Vermeidung der sonst auflaufendeu Kosten einen Vertrauensmann zu wählen, der den Streit schlichten sollte. Simon Michel war von der Zeit seines Aufenthaltes in Preßbürg her und durch seinen großen Namen eine in ganz Ober- Ungarn so unbedingt geschätzte Persönlichkeit, dass die Stadt Tyrnau ihn ebenso wie die Judenschaft als den geeignetsten Vermittler erkannte. In der That gelang es ihm, ain 20. Dezember 1717 mit der Stadt eine Vereinbarung zu tteffen, in Folge deren, was seit unvordenklichen Zeiten nicht für möglich gehäten worden war, Juden und ihren Waren und Frachten gegen eine Steuer, von der auch der Aermste nicht ausgenommen war, der Durchzug nicht nur durch das Gebiet, sondern sogar durch das Weichbild der Stadt Tyruau gestattet wurde. So unerhört erschien den Zeitgenossen dieser Zipfel der von einem Einzänen ausgewirkten Emancipatton, dass der Leichenstein Simon Michels auf dem jüdischen Gottesacker in der Roßau zu Wien das Andenken dieser seiner befreienden That auf die Nachwelt zu bringen ausersehen wurde. In der That haben da wieder einmal die Steine geredet, als noch die Kunde dieser Thatsache im ungarischen Landesarchiv zu Ofen begraben war. Selbst der kurze Zeitraum von zehn Jahren, den die Gnade des Kaisers ihm zum erweiterten Aufenthalte in Wien gewährt hatte, war für Simon Michel selber zu lange geworden. Kaum ein Jahr, nachdem man die Gattin Hanna, die Tochter des Meier Menzels, durch die er mit Lazarus Hirsche! verschwägert worden zu sein scheint, am 29. Juni 1718 ihm hinausgetragen hatte, wude er selber am 10. April 1719 vor der Zeit in die Wiener Erde gebettet. Es ist nicht bestelltes Lob, von dem die Leichensteine der Gatten zeugen. Etwas von der wahren Trauer, die alle, die sie kannten, um sie empfanden, dringt unaufhaltsam aus den klassischen Worten, die im schwungvollen Hebräisch das Mitgefühl des Dichters ihren Epitaphien eingemeißelt hat. Ein Wohlthäter seiner Glaubensbrüder, ihr Anwalt und Fürsprecher vor Fürstenthronen, ihr Retter in Verfolgungen, ein Schulengründer und Lehrhausstifter zahlreicher Gemeinden, das sind die Ehrennamen, mit denen er fortleben sollte im Andenken der Nachwelt, die man auf den Leichensteinen ihm zu setzen sich nicht entbrechen konnte, obzwar er es ausdrücklich letztwillig verboten hatte, ihn im Tode zu rühmen. Seine Lebensgefährtin war aber nach dem, was von ihr ausgesagt wird, in allen Werken der Milde, der Frömmigkeit und Wohlthätigkeit sein redlicher Beistand, fromm und gottergeben im Leben wie im Sterben. Das Privilegium hatte für den Sterbefall vorgesorgt; Lazarus v. Geldern brauchte nicht gleich seine Zelte in Wien abzubrechen. Als am 11. November 1720 seiner Ehe ein Knabe entspross, erhielt er den Namen seines Wiener Großvaters, Simon. Es hat sich auch noch aus späteren Jahren ein kleines Denkmal erhalten, das von dem pattizischen Haushalte und dem künstlerischen Sinne, den feineren Lebensgewohnheiten im Kreise unseres Lazarus in der Zeit seines Wiener Aufenthaltes Kunde giebt. Im Hause des Herrn Rabbiners Dr. Frank in Köln sah ich ein Meisterwerwerk hebräischer Schönschreibekunst, die sogenannte Pessochhaggada, die an den zwei Abenden des jüdischen Osterfestes im Schoße der Familie verlesen und gesungen wird, auf Pergament geschrieben und mit merkwürdigem Bilderschmnck reich und in Farben ausgeziert. Sie ist 1723 von Jehnda Loeb, dem Sohne Benjamin Wolfs Broda aus Trebitsch in Mähren, einem ausgezeichneten Schreiber und Maler, für Elieser, den Sohn Juspa Düsseldorfs, den Schwiegersohn weiland Simeon Preßburgs, d. i. Lazarus v. Geldern, offenbar in Wien ausgeführt worden, eine Nachblüthe jener Kunst der Kaligraphie ltub Illumination, welche Gutenbergs schwarze Kunst in Vergessenheit gebracht hat. Dieses kleine Kunstwerk hat sich nachweislich in der Familie Geldern fortgeerbt. Vielleicht hat die Erinnerung an das alte Buch und seinen Bilderschmuck in einem Winkel von Heinrich Heine's Seele geschlummert, als er sich mit dem Plane des Rabbi von Bacharach trug, dieses als Torso selbst bewunderungswürdigen Juwels deutscher Erzählerkunst, dieses Bruchstückes, das allein ein Denkmal aufwiegt. Lazarus v. Geldern scheint aber noch vor dem völligen Ablaufe seines Schutzbriefes Wien verlassen zu Haben, um sich in Düsseldorf, seiner Vaterstadt, niederzulassen. Wenigstens ist sein jüngerer Sohn Gottschalk, der Großvater Heinrich Heine's, am 30. November 1726 bereits daselbst geboren. Am 31. Juli 1727 sehen wir ihn schon im Besitze seines Patentes als Hof- Faktor von Jülich und Berg. Seine Gattin, die ihren Mann in der neuen Umgebung so rasch Wurzel fassen und an der Mehrung des Ansehens seiner Familie so erfolgreich arbeiten sah, ward bereits am 21. April 1741 durch einen allzu vorzeitigen Tod ihm entrissen. Wohl hatte sie nicht das Glück, ihren jüngeren Sohn, dessen hohes Lob als verdienstvoller Arzt und musterhafter Obervorgänger der jüdischen Gemeinden in Jülich und Berg weithin in deutschen Landen verkündet wurde, die'Stufen des Ruhmes emporsteigen zu sehen, dafür war ihr aber auch der Harm erspart, ihren älteren Sohn Simeon, den Namensttäger ihres unvergeßlichen Vaters, auf Wegen zu finden, die ihn seiner Familie entfremden mussten. Dem: im diesen: Onkel von Heinrich Heine's Mutter pulsirte etwas voi: jenem Zigeunerblut, das die Unrast in alle Adern jagt, so dass die Polizei-Behörde in Paris 1758 ihn als ״avsuturisr" bezeichnen

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