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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-09-15 · Heft 22 (15.9.1894) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 22 (15.9.1894)
Date
1894-09-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung? Seite 6. Nr. 22.׳ Eingrsrnvrt. T r o p p a 11, den 12. August 1894. Löbliche Redaction! Auf meine Mittheilung in der Nummer 19 dieser geschätzten Zeitung, die ״C o n s i r m a t i o n s - G e f än g e" des Obercantor G. betreffend, find nunmehr zwei Erwiderungen erfolgt. Die eine von einem Capellmeister. der es natürlich bester wissen muß, die Zweite vom Componisten selbst, der durch den Besitz ״vieler Bände eigener Composiüonen" (und welch' jüdischer Cantor besitzt leider nicht solche!) ״seine musikalische Befähigung zur Genüge" nachweist. Aus den Erwiderungen könnte leicht der Eine oder Andere den Schluss ziehen, dass bei meinem Urtheile irgend ein persönliches Moment mit im Spiele sei, dem gegenüber erkläre ich, dass ich den Herrn Collegen G. nicht persönlich kenne und auch noch nie seinen Namen hörte. Somit habe ich die Sache vollständig von der Person getrennt. Ich hatte also gar keinen anderen Beweggrund zu meinem Urtheile, als den, unbrauchbare Composiüonen von unserem erhabenen Gottesdienste fern zu halten. Freilich wäre es mir lieber gewesen, wenn der Herr College G. seine von mir gewahrte Anonymität nicht gelüftet hätte, da dies aber einmal geschehen ist, kann ich, so leid mir es auch thut, nicht umhin, nochmals auf diesen Gegenstand zurückzukommen. Ich erkläre nochmals, dass ich an meinem Urtheile über die dem hiesigen Cultusvorstande zugesandten ״Confirmaüons- Gesänge" sesthalte, und au demselben vermag weder die Autorität eines ״Capellmeisters", den der Componist ins Treffen führte, noch der Beweis des Herrn G., dass er noch viele Bände eigener Composiüonen besitze, etwas zu ändern. Leider versiigt die geschätzte Redacüon dieses Blattes nicht über Notendruck, um einige Beispiele aus genannter Composiüon anfiihren zu können, um jedoch dem Vorwurf der Oberflächlichkeit zu Begegnen, will ich auf einige von mir gerügte Fehler Hinweisen. In erster Lüne wenden wir uns der Behandlung des Textes zu. An der Stelle ״Die uns dem Bunde Gottes" ist das Wort ״d e m" mit einer halben Note versehen. Bei ״Er in den Höhen ist uns nicht fern" ist das Wort ״Höhen" auf dem schwachen, ״ist" auf dem starken Tacttheile. Bei ״ündliches Flehn" ist auf dem Wort ״Flehn" das letzte Viertel im Tacte. Bei ״Herr mit ündlichem Vertrauen", wird der schwere Tacttheil aus ״lichem" gesetzt. Bei ״Ward ihr dein Gesetz gelehrt" hat das Wort ״ward", eine halbe Note, schwerer Tacttheil, dein Gesetz, zwei Achtel, leichten Tacttheil, ״gelehrt" eine halbe 91ote schwerer Tacttheil auf ״g e"—lehrt ein Viertel, schwachen Tacttheil. Bei ״Lieder", ist auf Lie— ein Achtel, schwacher Tacttheil, auf ״der" eine halbe Note schwerer Tacttheil gesetzt! u. s. w. u. s, w. Eine solche Composiüonsart wird selbst ein ״Capellmeister", der von Vocalmusik nicht viel zu verstehen braucht, kaum für correct erklären können. —Dass ferner die vielen unberechtigten Quinten- und Octavengänge, so z. B. in Nr. 1, vom letzten Tact zurückgezählt, im 3. und 7. Tacte u. s. w., der unharmonische Querstand im 15. Tacte des ״Chorals", wo der Bass eine 4/^-Note ü und der Tenor eine Octav höher eine 4/4-Note d übernimmt, vom Herrn ״Capellmeister" nicht bemerkt wurde, wundert mich allerdings sehr. Aus dem Angeführten werden die geehrten Leser hoffentlich ersehen haben, dass mein Urtheil nicht unbegründet war, und sie werden es auch begreiflich finden, dass ich diese Polemik meinerseits hiermit für abgeschlossen erkläre und auf einen weiteren Disput mich nicht einlasse. Obercantor S i n g e r m a n n, Musik-Referent der ״Freien Schlesischen Presse." Kleine Chronik. Wien. Samstag, den 18. v. M. fand im Hause des Vorstandsmitgliedes der Fugbachsynagoge, Herrn Salomon Beck, die Einweihung eines von chm selbst geschriebenen und der genannten Synagoge gespendeten Sefer-Thora statt, welche durch die Theilnahme zahlreicher Bethausmitglieder einen sehr solennen Verlauf nahm. Den gesanglichen Theil des Festes im Hause versahen die beiden Neffen des Festgebers, Obercantor Bauer und Chordirigent Löwit, unter Assistenz des türkischen Tempelchores, wobei ein dem Herrn Beck von dem Ehordiregenten Löwit gewidmeter Festpsalm zur Aufführung gelangte. Hieraus hielt Herr Rabbiner Pollak eine ergreifende Rede, die allgemeinen Beifall fand. Mit einem dreimaligen, begeisterten Hoch ans den Kaiser, dessen Geburtsfest an demselben Tage gefeiert wurde, schloss die ebenso schöne als würdige Feierlichkeit. Vom Hause aus bewegte sich dann der Festzug mit der prachtvoll geschmückten Thorarolle znm Fugbachtempel, woselbst das neue ספר von den Vorstehern Schramek und Fried erwartet und in das Gotteshaus geleitet wurde. Nach Verlesung des Wochenabschnittes aus der neu eingeweihten Thorarolle hielt Cantor Z. Weinberger den Mussafgottesdienst ab, der durch Aufführung neuer Campositionen ein besonders festliches Gepräge erhielt. Prrrg. Der Antisemitismus macht in den radicat-jungczechischen Kreisen immer größere Fortschritte. Die ,.Ceska Straz•‘, welche bis jetzt den Antisemitismus als Nebengeschäft betrieb, ist des trockenen Tones satt und entwirft in dem Leitartikel der letzten Nummer ein Programm, welches das genante Blatt als ein seinem Glaubensbekenntniße nach rein, antisemitisches kennzeichnet. Ihre Ausführungen knüpft die ..Ceska Straz“ an ein Scharmützel zwischen dem hiesigen Altczechenblatte ״Politik" und dem Wiener ״Volksblatt" an. Die ״Politik" warf nämlich den Deutschen vor, dass der Antisemitismus als Frucht ihrer superieuren Cultur und ihres Strebens nach Unterdrückung zu betrachten sei. Darauf erwidert das ״Volksblatt", dass die Slaven noch immer mit dem Dreschflegel kämpfen, wie das die Koliner Affaire beweist, während die Deutschen gegen die Juden blos auf dem ״geisügen und volkswirthschaftlichem" Wege zu Felde ziehen. ״Wir", meint die ״Ceska Straz•‘, ״müssen unser Programm ganz anders aufstellen. Wir werden die Deutschen gegen die Ausführungen der ״Politik" gewiss nicht in Schutz nehmen, aber wir ersehen aus ihren Spalten, dass ihr der Antisemitismus ein Graus und ein Verbrechen ist. Das ist aber nur aus Liebe zu ihren jüdischen Wählern oder zu den philosemitischen Redactionsmitgliedern des ״Tagblattes" oder der ״Bohemia." Wir wissen aber, dass die ״Politik" wenig die Be-׳ dürfniße unseres ״armen Volkes" im Auge hat. wenn sie den Anüfemitismus als Barbarei anfchaut, wie auch andererseits das ״Volksblatt" nicht nach unserem Geschmacke ist, das uns allerhand Sottisen ins Gesicht wirft und an dem Beispiel der Koliner Affaire zeigt, wie unser Volk den Anüfemitismus begreift. Wir wissen, wie es in neuester Zeit bei den Deutschen zugieng. Aber darüber werden wir nicht streiten. Wir denken, dass bei uns kein Platz ist für -philosemitische Regungen; au contraire, es würde nicht schaden, wenn wir uns von dem deutschen Programme Einiges ausleihen. Wir haben keine organisierte ״anüsemiüsche Partei", das haben wir auch nicht nöthig. Es gibt bei uns genug Parteien, und wird bei uns eine wirklich fortschrittliche Partei sich zur That aufraffen, so werden wir auf die Juden gewiss keine Rücksicht nehmen!' Wir haben bis jetzt bei uns keine antisemiüsche Journalistik. ״Ceske Zajmy“ entsprechen uns nicht, andere Blätter nehmen leider Rücksicht auf die Judeninserate, die gut bezahlt werden, und opfern ihnen das Wohl des armen Volkes! Doch wird das, doch kann das nicht mehr lange dauern. Das arme Volk muß in Schutz genommen werden gegen das jüdische Capital, und deshalb müssen wir uns gegen die Juden organisieren. Unsere Journalisten haben wir bereits kriüsiert. Und jetzt unsere Abgeordneten? Die thun schon gar nichts, sei es aus persönlichen, sei es aus tacüschen Gründen, und den Antisemitismus geben sie in Bann! Wir möchten niemanden wehren, mit uns zu gehen, an unserer Arbeit uns zu unterstützen, aber es giebt keine czechischen Juden! Die Juden haben ihre eigene Organisaüon, sie sind ein Volk für sich, durch ihr Thun und Denken ganz von uns verschieden. Dadurch muß die jüdische Frage bei uns eine andere Wendung nehmen. Das Volk fühlt es schon längst, und man muß es nur belehren, zu welchen Mitteln es greisen soll. Es geht um seine Existenz!" Goltsih-Irnikau. Unser Cantor Herr S. Piskaty ist laut Erlasses der hohen k. k. Statthalterei in Prag zum Rabbiner für Böhmen ernannt worden.

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