Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 22 (15.9.1894)
- Date
- 1894-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 22. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Ieitung. Seite 5. jenes geheimnisvollen Unerklärlichen zu setzen ist, in das kein erschaffener Geist dringt, die Bedingungen müssen vorhanden, in der Abfolge der Geschlechter gleichsam gezüchtet gewesen, der Boden bereitet worden sein, in den der göttliche Keim gefallen ist. Von dem großen Gesetze der Entwicklung, in dem unsere Zeit beim Einzelnen wie in der Gesellschaft das Geheimnis aller Lebenserscheinungen erkannt hat, macht auch das Genie nicht länger eine Ausnahme. Wenn es häusig wie ein erratischer Block mitten in der Ebene ohne Geschichte in dem Kreise auftritt, in dem es erscheint, so sind eben hier wie dort die Mächte weggeschmolzen und in Vergessenheit gerathen, die es auf der Fluth der Zeiten hergetragen und in die Erscheinung gehoben haben. Wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit ihre Lücken durch den Verlust der Archive im Erdinnern erklärt, so können wir die Räthsel der Geistesgeschichte nur durch fehlende Glieder in der Kette der Ueberlieferung beantworten. Alle Geistesgröße ist ein Erbadel, der einzige, der in der Natur begründet ist, nur dass hier der späte Enkel den frühen Vorfahr adelt. Am unabweisbarsten wird diese Voraussetzung einer Ahnenreihe, die Forderung der Erblichkeit beim Halbgotte unter den Genien, beim Dichter, denn er arbeitet mit der Summe, mit dem Niederschlage aller Ueberlieferung, mit der Sprache. Wir sind noch zu weit entfernt von einer Einsicht in die Organisation der edelsten Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschengeistes, aber wo immer auch die wunderbare Besaitung eines Dichtergemüthes, die Aufnahmssähigkeit eines Dichteroyres für die zartesten Offenbarungen der Sprachschönheit, der unwägbaren Elemente des Tones und des Klanges ihren Ursprung habe, sie setzt eine Verfeinerung der Anlage, eine Durchbildung aller inneren und äußeren Sinne voraus, wie sie die Natur als Ergebnis Generationen langer Arbeit hervorbringt. Wem nur Ein Gedicht Heinrich Heine's in seiner vollen überwältigenden Schönheit aufgegangen ist, wie sich darin gleich den Stäubchen auf der Glasplatte unter dem Zauberstriche des Fiedelbogens die Worte der deutschen Sprache zu so wundersamen Lautgebilden singend und klingend zusammenfinden, dass die Seele des Dichters, ׳der Ton seiner Stimme darin wie im Phonogramm auf die Nachwelt zittert, so muß man sich sagen: Wer dieses Wunder gewirkt hat, kann nicht von gestern sein, kann nur als stolzestes Endglied an eine Reihe sich schließen, der diese Sprache nicht fremd gewesen ist, die für alle edleren Aspirationen dieses Daseins Sinn und Muße gehabt, jeden höheren Antrieb der Menschenbrust gepflegt und gekräftigt hat. Doch wozu noch länger beweisen, dass das, was so war, auch so hat sein müssen. Bei Heinrich Heine sind wir nicht einmal zur Annahme eines nur biologisch geforderten Stammbaumes, zur Hilfshypothese vom Verlust der Archive genöthigt, sondern vollkommen in der Lage, seine Abstammung durch die Abfolge der Geschlechter zu begleiten und Zeugen zu sein von der allmähligen Verfeinerung und Durchbildung, die seine Erscheinung vorbereitet haben. Ja, wir können heute seinen Ursprung eine geraume Strecke weiter verfolgen, als es bisher geschehen ist, und bei seinem Vorahn in der Judenschaft von Wien verweilen, der nicht ahnen mochte, dass dereinst in dem Urenkel seiner Tochter ״die Freude der Welt" erblühen werde. Kaiser Leopold I. hatte in der Noth der Türkenkriege die Juden wieder vertragen gelernt. Der große Jammer verschlang die kleinen Jämmerlichkeiten. Wenn die Geschütze ohne Pulver, die Festungen ohne Lebensmittel, die Soldaten ohne Sold standen, musste man zur Hilfe selbst dann greifen, wenn sie von den Juden geboten wurde. Der große Verwilderer der Sitten, der Krieg, war hier als Milderer und Versöhner aufgetreten. 1670 waren die Juden aus Wien und Niederösterreich vertrieben worden. 1687 begann man sie zurückzurufen oder wieder einzulassen. Um diese Zeit, da Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer aus Worms im Reiche als Verpfleger der kaiserlichen Armeen sich in Wien ansiedeln durften, begann in Preßburg Simon Michel, Heine's Vorfahr, sich bemerkbar und durch Darlehen an die Hofkammer, das damalige Finanzministerium, wie durch Lieferungen an das Heer unentbehrlich zu machen. Mit Land und Leuten bekannt, wurde er in den Jahren des ungarischen Rebellionskrieges, wo es inmitten einer den Kaiserlichen feindlichen Bevölkerung galt, Truppen und Festungen mit Proviantzufuhr zu versehen, durch Findigkeit und Unerschrockenheit eine bewährte Stütze der in Ungarn im Felde stehenden Armee. Der Münze in Wien hatte er das nöthige Silber zur Aus- Prägung zu liefern unternommen und so als Münz- und Proviant- Lieferant, wie er betitelt wurde, mehrfach Veranlassung, bei den Wiener Aemtern zu verkehren. Ein ständiger Freipass öffnete ihm die Thore, wie ihm auch von der Militärbehörde, dem Hofkriegsrath, mit den Seinen während der Rebellions-Unruhen freies Geleit zu beliebigem Aufenthalte, wo immer er sich anzusiedeln gedächte, zugesichert war. Sein Gesichtskreis reichte aber damals schon über das Liefernngsgeschüft, das ihn in Anspruch nahm, weit hinaus. Am 12. Mai 1703 empfiehlt die Hofkammer der ungarischen Kammer das Gesuch um Errichtung eines Bank- Hauses, einer ״wexelftuben", wie es in der Bittschrift hieß, die Simon Michel im Verein mit den damals bereits bekannten Breslauer Münzjuden Lazarus Hirschel und Herz Lehmann in feiner Vaterstadt Preßburg eröffnen wollte. Die Gründe, mit denen das Gesuch unterstützt wird, zeigen von der Weite seines Blickes und den höheren Gesichtspunkten, von denen er geleitet wurde. Jetzt, wo Ungarn den Türken entrissen fei, bedürfe es solch eines Geldinstitutes, um den Handels- und Wechselverkehr mit den wichtigsten Plätzen des Auslandes, den es so lange entbehren musste, endlich pflegen zu können. Es würde dadurch mehr Geld in das Land gezogen und hier dann ebenso leicht beschafft werden können wie in Breslau, Prag und an anderen Orten. Während jetzt Geldsendungen im Lande nur unter größter Gefahr bewerkstelligt werden könnten, würde der Handel aufblühen, wenn der Wechselverkehr das Cnrsiren des Geldes erleichterte. Die Bank müsste freilich in der Stadt selber errichtet werden, da sie in der Vorstadt nicht sicher wäre. Mit der Stadt Preßburg stand Simon Michel durch die Salzliefernng, die er dort übernommen hatte, ohnehin schon in engen Beziehungen. Der Regierung hatte er im heftigsten Kuruzenaufstande,; den Heister in wiederholten Feldzügen des Jahres 1704 nicht zu brechen vermochte, durch die Verproviantirung der drei wichtigsten Festungen Raab, Komorn und Ofen, die dadurch vor der Waffenstrecknng gerettet worden waren, die werthvollsten Dienste geleistet. Die Beziehungen Simon Michel's hatten sich erweitert, in der Jndengasse von Preßburg war länger feines Bleibens nicht. Seine Verbindungen und Aufgaben wiesen ihn nach Wien. Am 14. August 1705 empfahl die Hofkammer der Hofkanzlei, für Simon Michel, seinen Gesellschafter und seine Familie das kaiserliche Jndultum zur Niederlassung in Wien zu erwirken. Am 15. September desselben Jahres erfolgte die gleiche Empfehlung für Lazarus Hirschel. Vergebens wies man in Wien auf die Gefahr des Vaterlandes hin. Joseph I. hatte den Thron der Habsburger bestiegen, er wusste, dass andere Gefahren seinem Reiche drohen als von den Juden, und so schrieb er denn unbedenklich am 7. December 1705 auf das so wild angefeindete Gesuch: ״Das gebetene Privilegium solle diesen juden gegeben werden." Gleich im folgenden Jahre hatte der neue Bürger oder Geduldete von Wien Gelegenheit, dem Vaterlande sich nützlich zu erweisen. Es war das furchtbare Kriegsjahr, in dem Eugen von Savoyen aus Piemont berichtete, dass ..ein und anderer wackerer Ofsiciec aus purer Armuth und vor Hunger gestorben sei". Mit Wertheimer gewährte da Simon Michel der Regierung Vorschüsse gegen Sicherstellung auf die künftigen Verwilligungen der Kronländer. Aber das Verhältnis zu seiner eigentlichen Heimat und zu den Glaubensgenossen daselbst hatte er auch jetzt nicht gelöst. Wie er daheim stets Zeit und Kraft übrig, hatte, seinen Brüdern in allen confesfionellen und Gemeinde- Angelegenheiten als ihr Vorsteher zu dienen und nützlich zu werden, so wurde er auch jetzt ״von der kaiserlichen zur Beschreib- und Einrichtung der im Königreich Hungarn seßhaft- und handelnden Judenschaft verordneten Commission" als ״Vorsteher der Judenschaft in Hungarn diesseits der Donau" anerkannt und am 23. Januar 1707 mit seinen Söhnen Marcus und Michel und seinem Schwiegersöhne Baruch von der ungarischen Kammer als ihr Schutzbefohlener ausgenommen. -(Schluss folgt.)