Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1894-09-01 · Heft 21 (1.9.1894) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
14 (1894)
Issue
Heft 21 (1.9.1894)
Date
1894-09-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453304-3453325--4087-3458511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 21. Hüter derselben, weil unsichtbar, nicht einmal gefürchtet werden. Man sieht immer mehr, dass die Sonne der Freiheit sich ins schwarze Meer der Reaction versenkt. Wien. Trotz der großen Frequenz an der juridischen Facultät der Wiener Universität herrscht gegenwärtig bei den Wiener Gerichten ein so großer Mangel an Beamtennachwuchs, dass manche Referate gar keine Rechtspraktikanten besitzen. Das Ober-Landesgericht sah sich daher veranlasst, sich um Abhilfe an das Justizministerium zu wenden, und dieses ertheilte die Ermächtigung, absolvirte Juristen, auch wenn sie die vorschristsmäßig erforderliche Nachweisung der abgelegten dritten Staats- Prüfung nicht zu erbringen vermögen, doch in die Rechtspraxis aufzunehmen. Die Gründe dieses Mangels an Beamtennachwuchs bei den Wiener Gerichten sind gewiss materieller Natur, und die ungenügende Besoldung und die Schwierigkeit des Emporsteigens zu höheren Stufen mögen manchen Juristen von der Beamtenlaufbahn abschrecken. Dieser Zustand ist umso bedauerlicher, als er gewiss auch auf die Qualität des Beamtennach- Wuchses nicht ohne Einfluß bleibt. Nicht unerwähnt kann aber angesichts dieses Mangels an Nachwuchs bleiben, dass man unter sorgfältiger Umgehung des Staatsgrundgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger die Zulassung jüdischer Bewerber zur richterlichen Carriere ganz zu verhindern gewusst hat. Man hat seinerzeit erzählt, Justizminister Graf S ch ö nb o r n habe es als eine Ungerechtigkeit erklärt, dass die wenigen jüdischen Gerichtsbeamten, unter denen manche ausgezeichnet qualifizirt und zum Avancement von ihren Vorgesetzten empfohlen waren, immer wieder bei der Vorrückung übergaugen wurden, weil man sie nicht an höhere Stellen gelangen lassen wollte. Diese Ungerechtigkeit fortbestehen zu lassen, habe dem Gefühle des Justizministers widersprochen. Die Folge war, dass man einige im Justizdienste schon grau gewordene jüdische Beamte um eine Stufe vorrücken ließ, um sich aber künftig von ahnlichen Gewissensbissen zu befreien, die Aufnahme jüdischer Gerichtspraktikanten seither ganz eingestellt hat. Protznitz, 21. August. Das Geburtsfest des Kaisers wurde Samstag, um 5 Uhr Nachmittag, in unserem hellbeleuchteten Tempel in überaus solenner Weise begangen. Die Spitzen der Militär- und Civilbehörden, Deputationen aller Gilden, die Elite unserer Stadt, der gesammte Vorstand und zahlreiche Mitglieder unserer Gemeinde nahmen einen großen Theil des Tempels ein. Der Gottesdienst wurde mit einem Matowu in ^.8-dur eingeleitet und andächtig lauschte das Publikum dem herrlichen Gesänge, wobei unser Altmeister Epstein sein Solo noch recht hübsch zur Geltung brachte. Den Glanzpunkt dieser Feier bildete aber hauptsächlich die gediegene Predigt des Herrn Dr. Hoff, der als politischer Redner auf der Kanzel seines Gleichen sucht. Noch heute bildet der Nachgeschmack dieser gelungenen Feier das Gespräch in unserer Gemeinde. Vlrnütz. Ich erlaube mir, eine löbl. Redaction in Kenntnis Zu setzen, dass die hohe k. k. mähr. Statthalterei zufolge Ermächtigung des hohen k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht vom 23. Jänner 1d94, Z. 893, den vorgelegten Statuten- Entwurf der israel. Cultusgemeinde Olmütz genehmigt hatte, wovon eine löbl. Redaction in der nächsten Nummer der Cantorenzeitung gefl. Notiz nehmen wolle. Der Abschnitt VII des Statutes, betreffend die Bestellung der Religionsdiener, hat folgenden Wortlaut: ״Die Religionsdiener werden vom Cultusausschllfse angestellt, pensionirt und entlassen und unterstehen der Disciplinargewalt desselben. Ihre Anstellung ist zunächst eine provisorische. Nach Ablauf eines Provisoriums von längstens 3 Jahren werden sie auf die Dauer von 7 Jahren angestellt. Bei jeder — sei es stillschweigenden oder vertragsmäßigen Er- Neuerung der Anstellung gilt diese dann — als dauernd e". A. Stößler, Cantor und Secretär. Troppau. Am 12. d. M. traf Erzherzog Eugen auf dem Marsche nach T r o p p a u in Domstadtl (Bez. Sternberg, Mähren) ein und wohnte zwei Tage im Gasthof ״Zur Gemächlichkeit". Nach dem Diner sprach der Erzherzog der Wirthin Anna Leizerkewitz, einer Jsraelitin, welche dasselbe bereitet hatte, das vollste Lob aus. Bei dem Rundgange durch die Stadt machte er im Geschäfte des Kaustnannes Alois Wenzel mehrere Einkäufe und sprach längere Zeit mit dem Geschäftsinhaber in leutseligster Weise. Während eines Spazierganges am folgenden Tage gieng der Erzherzog an der Scheuer des genannten Kaufmannes vorüber, in welcher gerade gedroschen wurde. Der Prinz trat auf die Tenne, fragte die Taglöhner, ob ihnen die Arbeit schwer falle, griff dann unter den Augen vieler Zuschauer selbst zum Dreschflegel, den ihm eine Taglöhnerin reichte, während die Arbeiter und Arbeiterinnen auf seinen Befehl im Dreschen fortfahren mussten, und nahm eine Weile lang an der Arbeit theil. Man kann sich denken, welches Aufsehen die Scene erregte. Nicht ohne Bewegung erzählte man sich dann in dem kleinen Städtchen, dass Erzherzog Eugen eine der schönsten und rührendsten Thaten des zweiten Josef nachgeahmt. Bekannt ist die Sympathie, welche der hohe Herr unseren synagogalen Gesängen entgegenbringt. Erzherzog Enge n besitzt nämlich eine vortreffliche Baritonstimme und pflegt er sehr oft die Mitglieder feiner erlauchten Familie durch einen Liedervortrag zu erfreuen. Als derselbe nun vor einigen Jahren in Pardubitz (Böhmen) in Garnison lag, da erzählte man ihm. dass der dortige jüdische Cantor Bader ein vortrefflicher Sänger sei. Der Erzherzog ließ nun den Cantor Bader holen, mit dein er dann oft Gesangsübungen abhielt. Herr Bader machte auch den erlauchten Herrn auf unsere schönen synagonalen Gesänge, besonders auf die erhebenden Gesänge unserer hohen Feiertage aufmerksam, die er nun demselben auch vortragen musste. Kostet, 27. August. Herr Dr. M. Petuchowski, Verfasser der ״Beiträge zur Bibelexegese", hielt Samstag, den 25. d. M. seine mit allgemeinem Bestalle aufgenommene Probepredigt und wurde in der Sonntag stattgefundenen Ausschusssitzung Per Acclamation zum Rabbiner gewählt. Dr. P e t u ch o w s ki, ein Schüler des Dr. Hildesheimer, ist aus dem Berliner Seminar hervorgegangen. Neu-Nautztlitz, 17. August 1894. Am 15. August fanb in unserer Gemeinde der Einzug des neu aufgenonnnenen Rabbiners Herrn Dr. Weiß statt. Derselbe, ein gebürtiger Ungar, hat seine Studien in Berlin mit bestem Erfolge zurückgelegt. Der Tag gestaltete sich in Folge der regen Betheiligung aller Bevölkerungsclassen des Städtchens zu einem sehr feierlichen. Aus den nachbarlichen Gemeinden Wischau, Austerlitz und Butschowitz hatten sich die Vertreter der Cultusgemeinde zahlreich eingefunden. Um 12 Uhr Mittag erwartete den am Bahn- Hofe von den Spitzer: der Gemeinde einpfangenen Rabbiner am Eingänge des Städtchens ein dichtes Spalier, gebildet von der Freiwilligen Feuerwehr, dem Männerkrankenvereine, der Schulfugend, den auf Ferien hier weilenden Hoch- und Mittelschülern, den jungen Damen des Ortes u. s. w. Besonders erwähnenswerth und für die herrschende Harmonie bezeichnend ist es, dass die christliche Gemeindevertretung, die man eingeladen hatte, mit dem Bürgermeister an der Spitze sich zahlreich am Empfange betheiligte und dann am schönen Festgottesdienste in der geschmückten und festlich erleuchteten Synagoge auch theilnahm. Dieser letztere, der durch die Gesänge des Herrn Obercantors Stößler zu einem sehr feierlichen gestaltet wurde, enthielt als Glanzpunkt die Rede des neuen Rabbiners, in der dieser mit Nachdruck darauf hinwies, dass in dem Studium der Bibel die Stärke der jüdischen Nation beruhe und dass daher die Schule vor Allem berufen sei, die Thora zu pflegen und jüdische Geschichte zu lehren. Seine Rede gipfelte im Satze: ״Zurück zur Thora, zum Urquell der jüdischen Welt!" Möge der neue Seelsorger, der über ein tüchtiges oratorisches Talent verfügt und ein großer Bibelkenner ist, den besten Erfolg in seinem amtlichen Wirkungskreis erzielen! Möge andererseits die Gemeinde endlich von den ewigen Rabbinerkrisen befreit sein! EALv. Im Vorjahre, kurze Zeit nach der Einweihung des hiesigen Tempels, hatte sich über Antrag des Vorstehers Herrn Max Gott lieb ein Tempelchor-Verein constituirt, und bei der am 11. Feber l. I. stattgehabten General-Versammlung der Mitglieder, wurde Herr Adolf Kohner zum Obmanne gewählt. Fiir den 18. August l. I., als den Geburtstag unseres erhabenen Kaisers Franz-Josef I., arrangirte derselbe im Hotel ״Kronprinz-Rudolf" einen Geselligkeiisabend, der in ebenso

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.