Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 21 (1.9.1894)
- Date
- 1894-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. im entgegengesetzten Falle die Musikzeitnng, das Prager Tag- Blatt u. ci. m. sich zweifellos nicht in so anerkennenden Worten gerade über meine in Frage stehende Composition geäußert haben, und wenn sie wirklich so fehlerhaft wäre, hätte sie kaum eine hiesige Buchhandlung in Verlag genommen. Endlich ist es nicht der Wahrheit entsprechend, wenn der Herr Einsender behauptet, ich hätte die israelitischen Cultnsgemeinden um Annahme und Aufführung meiner Composition ersucht. Ich habe au Niemanden auch nur eine Zeile gerichtet. Hochachtungsvoll H. Grünwald, Obercantor in Kremsier. Kieme Chronik. Wien. Samstag den 18. August fanden anlässlich des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers in allen Synagogen und Bethäusern Wiens feierliche Festgottesdienste statt. -Auch in den jüdischen Provinzgemeinden wurde der Geburtstag unseres geliebtenMonarchen mit solennen Gottesdiensten gefeiert. Wien. Wie wenig die Staatsgrundgesetze beobachtet werden, das beweisen gar oft manche christliche Lehrer und Lehrerinnen an galizischen Schulen, besonders in Lemberg. Anstatt das religiöse Gefühl Andersgläubiger nicht zu verletzen, und dahin zu wirken, dass die Jugend der väterliche!! Religion nicht entfremdet werde, erlauben sie sich, wie der ״Lemb. Jsr." meldet, jüdische Kinder am Sabbathe zum Schreiben, Zeichnen und Handarbeiten, wie auch Kirchengesänge mitzusingen, zu zwingen. In manchen Schulen, wo der jüdische Religionsunterricht, wegen der geringen Kinderanzahl mosaischen Glaubens nicht in der vorgeschriebenen Stundenanzahl, somit auch nicht gleichzeitig, während der katholische ertheilt wird, stattfinden kann, werden die jüdischen Kinder gezwungen, den Vortrag des christlichen Katecheten anzuhören. Mögen nun die Ansichten über solche Ungebührlichkeiten wie immer lauten, so steht es fest, dass keine Kirchenbehörde sich so leichterdings darüber hinwegsetzen würde, wenn jüdische Lehrer christlichen Schülern am ׳Sonntage den Kirchgang entziehen oder sie zwingen wollten, dem jüdischen Religionsunterrichte beizuwohnen. Da würde sofort der ganze clericale Apparat in Bewegung gesetzt und über die Anmaßung der Juden gewettert werden. In Böhmen werden viele von jüdischen Cultusgemeinden gegründete und erhaltene deutsche Volksschulen auch von christlichen Kindern besucht, mit welcher Schonung religiösen Gefühles wird da vorgegaugen. wie wird darauf gesehen, dais diesen von Katecheten der Unterricht in der katholischen Religion ertheilt und die Sonntagsheiligung strenge ans Herz gelegt werde. Warum sollten die Juden für ihre Kinder nicht eine gleiche Behandlung verlangen dürfen? In den Gesetzen für das Königreich Böheim unter glorreichster Regierung Josef ü. ist eine Verordnung enthalten, in welcher es unter Anderem lautet: ״Weil der Anfang des Unterrichtes mit einem Gebete gemacht wird, bei welchem die Inden anwesend zu lassen, sowohl wegen ihrer Religionsbegriffe. als wegen der Ehrebietung, die wir denen im Gebete vorkommenden Sachen und Namen zu erhalten schuldig sind, nicht wohl schicklich sein wurde, so haben die Lehrer den Judenknaben vorzuschreiben, dass sie immer etwas später als die christlichen und zwar erst damals in die Schule kommen sollen, wann das allgemeine Schulgebet bereits geendiget ist. Ans eben dieser Ursache sind die jüdischen Schüler täglich vor dem gewöhnlichen Schulgebete, am Mittwoche und Sonntage aber stets eine halbe Stunde vor dem Ende der Schule und eigentlich bevor, als mit dem für diese Tage gewöhnlich bestimmten Unterrichte in der Christenlehre der Anfang der Anfang gemacht wird, zu entlassen, überhaupt endlich niemals zu berufen oder zum Schulbesuche an solchen Tägen zu verbinden, an denen entweder bei der christlichen Jugend gottesdienstliche Uebungen gehalten werden, oder auch bei den Juden eine Religionsfeier einfüllt." Diese Verordnung erschien am 8. Jänner 1784, also zu einer Zeit, wo der Geist der Zeit noch in Fesieln geschlagen war : heute zählen wir um 110 Jahre später, allein wir glauben uns vermöge der immer noch auftauchenden Intoleranz um 110 Jahren zurückversetzt trotz Staatsgrnndgesetzen, trotz der zur Carricatur gewordenen Gleichberechtigung. Eine Warnungstafel, welche die Verunreinigung eines Ortes gegen eine Strafe . von 2 fl. verbietet, oder eine von einem Ortsvorstande zum Schutze der Rasenplätze erlassene Kundmachung mit dem Befehle, den Hund an der Leine zu führen, werden genau beobachtet, vom die Wächter der heilig gehaltenen Orte gefürchtet, währenddem die vom gesetzgebendem Körper geschasienen, vom Kaiser sanctionirten Staatsgrundgesetze nicht befolgt und die Zu eben jener Zeit trat auch der Rabbi Bar Cochba auf, der durch seine imponirende Persönlichkeit große Macht über die! Herzen des Volkes gewann. Seine Reden richteten sich bauptsächlich gegen die Oberherrschaft der Römer. Akiba schloß sich ihm an, er unternahm weite Reisen durch Klein-Asien und schürte mit flammenden Worten den Hass gegen den Unterdrücker Hadrian. Das jüdische Volk erhob sich wie ein Mann. 100.000 Krieger zogen in das Feld. Der Sieg war mit den Fahnen Israels. Bar Cochba wurde zum König erklärt und ließ Münzen mit seinem Bildniße schlagen. Die Freude dauerte indessen nicht lange, der römische Feldherr Julius Severus siegte durch eine List. Cochba fiel im Felde, Jerusalem wurde zerstört, ein furchtbares Blutbad vernichtete die Halbe Stadt. Der Talmud Berachot erzählt, dass Rabbi Papus ben Jehuda den Rabbi Akiba eines Tages von zahllosen Schülern umgeben fand. Er stellte ihm vor, wie gefährlich dies sei, da die syrische Regierung das Studium der Gotteslehre verboten hätte. Ben Akiba antwortete durch ein Gleichnis: ״Ein Fuchs gieng am Ufer des Ganges dahin und sah die Fische angstvoll durch das Wasser schießen: ״Wovor fürchtet ihr euch?" fragte er: ״Vor den Netzen der Menschen", erwiderten sie. ״So kommt doch an das Land", meinte der Fuchs, ״wir wollen hier friedlich zusammenwohnen." Die Fische aber sprachen: ״Nein, hier können wir uns vor Gefahren schützen, wie sollen wir es aber auf dem Lande, das nicht unser Element ist?" ״Siehe,״ schloss Akiba, ״jetzt, wo wir in der Hege und Pflege, des Studiums der heiligen Thora beflissen sind, von der es heißt, sie ist dein Leben und die Verlängerung deiner Tage, sind wir Gefahren preisgegeben, wie wäre unser Leben erst bedroht, wenn wir aus ihr Herausgiengen und sie ganz vernachlässigen würden." Dieser offenherzige Muth zog ihm indessen viele Feinde zu. Er wurde verhaftet und in den Kerker geworfen. Trotz der strengsten Bewachung verschafften sich die Gelehrten Verkehr mit ihm. Ein Bote, der ihnen feinen Rath in einer kasuistischen Frage übermittelte, erhielt 300 Denare. Sein Schüler Josua aus Gerasa bediente ihn im Kerker. Als er vor Gericht geführt wurde, wollte es der Zufall, dass auch der oben erwähnte Papus vor den Schranken stand. Wehmüthig rief er dem Freunde zu: ״Wohl Dir, Akiba, Du leidest des heiligen Gotteswortes wegen, wehe aber mir, den nur eitle Dinge ins Unglück stürzten!" Ben Akiba starb den Mürtyrertod, er starb ihn wie ein Held. Während die Henkersknechte fein Fleisch mit glühenden Kammzähnen abrissen, las er still das Schema, und als seine Schüler verzweifelt riefen: ״So weit geht das?" erwiderte er nur: ״Es war stets mein sehnlichster Wunsch, das göttliche Gebot: Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und aus allen Kräften — treu zu erfüllen, nun zollte ich mich jetzt, wo dieser Wunsch in Erfüllung geht, nicht dessen freuen?" Beim letzten Wort des Gläubensbekenntnißes gab er seinen Geist auf. Die Schüler brachten seinen Leichnam heimlich von Cäsaren nach Antipatris und setzten ihn in einer Höhle bei. Aussprüche seiner Zeitgenossen wie folgende: ״Mit dem Tode Akibas wurden die Arme des Gesetzes gelähmt und die Quellen der Weisheit verstopft", oder: ״Wer von dir weicht, weicht von seinem ewigen Leben, was die Ueberlieferung vergisst, das stellst du durch Deutungen wieder her", beweisen am besten, was der große Gelehrte seinem Volk gewesen ist. (Ans der ״Deutschen Lesehalle".)