Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 21 (1.9.1894)
- Date
- 1894-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seue 2. Vefterreichisch-ungarische Luittoreu-^eitung Vtr. 21. dieser Zeilenseufzt nun schon 15 Jahre lang unter der ״Erbschaft Sulzers und der Rivalität Goldsteins" und hofft, wenn der Allmächtige ihn wie bisher schützt und ihn seiner Familie und seinem Amte erhält, noch eine stattliche Reihe von Jahren unter dem vom Herrn Handlanger so farbenprächtig und erschütternd geschilderten Drucke zu seufzen. Der Redaction des ״jüdischen Cantors" müssen wir unser Bedauern ausdrücken, dass sie solchen, nicht unterschriebenen Lügen- Pamphleten die Spalten ihrer Zeitung öffnet, demgemäß gleichsam für den Inhalt die Verantwortung übernimmt. Wir standen bei Gründung dieses Blattes ehrlich und erfolgreich dem Unternehmen zur Seite, wofür uns seitens des ״jüdischen Cantors" wiederholt sowohl bezüglich unserer fachmännischen Bedeutung, als anderwärtigen Wirkens in schwärmerischen Worten briefliche und öffentliche Anerkennung gezollt wurde, so dass wir in stillen Stunden oftmals daran dachten, ob es nicht unrecht von uns sei, dem Blatte so ganz den Rücken gekehrt zu haben; jetzt sehen wir zu unserer Beruhigung ein, dass wir dieserhalb uns keinerlei Vorwürfe zu machen haben. Zur weiteren Orientirung muß noch bemerkt werden, dass der Schreiber dieser Zeilen sich in keine weitere Auseinandersetzung dem jüdischen Cantor und dessen Handlanger gegenüber einlassen wird, da es sein Lebensprincip ist, ״alleweil" nur in guter Gesellschaft zu verkehren. Singer. Standesklsgen und Stsndesfrklgen. Von M. Tintncr, Cantor und Kehrer in Bunzlau, Schlesien. ״Zwischen uns sei Wahrheit!״ Göthe (Iphigenie.) Das Leben des Cantors und Lehrers ist oft genug ein steter Kampf zu nennen, auch in seinem Innern nagt zuweilen der Schmerz, den der Undank hervorruft. Und wie alles in unserer Zeit verwirrt und verworren ist, so wird auch das Uebelwollen gegen uns mehr oder weniger heraufbeschworen. Es ist daher angezeigt, immer wieder zu betonen, dass es endlich Zeit wäre, die Sanierung unserer inneren Verhältniße herbeizuführen. Unsere Lage ist keine so beftiedigende, dass alle Mängel mit Stillschweigen übergangen werden könnten, demr lange genug find wir wie die Süestinder behandelt worden, ungeachtet der hohen Bedeutung, die wir nach unserer Berufsthäügkeit und unserer Zahl in den Gemeinden Israels einnehmen. Mit dem Erstarken des Standesgefühls wächst auch der Trieb, Wissen und Können, Stellung und Auskommen besser zu gestalten und zu erweitern. Wir wollen nicht viel Staub aufwirbeln, sondern nur ein unserem Stande angemessenes Gehalt und Entgegenkommen finden und die Sorge um unser Alter, um unsere Hinterbliebenen durch die Gemeinden selbst geregelt wissen. Solange wir jedoch zwischen Thür und Angel schwankend und wankend bleiben, wird niemals das Gleichgewicht zwischen uns und den Gemeinden hergestellt werden können. Diese Forderungen sind gerecht und bescheiden. Solange jedoch mancher Pascha in der Gemeinde mit verächtlichem Achselzucken die Nase rümpft, wenn von dem Cantor oder Lchrer die Rede ist; so lange unsere THLügkeit nicht geschätzt und geachtet wird; solange nicht pecuniäre Opfer bereitwilligst für Schule und Cultus bewilligt werden, ebenso lange wird man uns als ״nothwendigem Uebel" kalt den Rücken drehen und sprechen: ״Da siehe du zu!" So lange wir ferner bei unserem dürftigen Einkommen noch theilweise auf die persönliche Opferwilligkeit jedes einzelnen Gemeinde- Mitgliedes rücksichtlich der zufälligen Einnahinen angewiesen sind, so lange kann von einer würdigen Stellung des Cantors oder Lehrers in der Gemeinde noch keine Rede sein. Dazu spielen noch Rangstreitigkeiten unter den Collegen selbst gar arg mit, die dazu beitragen, uns in den Augen der Welt noch eine Stufe niedriger zu stellen. Ja, diese Rangstreitigkeiten gehören zu den unliebsamsten Borkomnißen. So sehr man sich den Anschein giebt, als spielten derlei Aenßerlichkeiten keine Rolle, so viel Werth legt doch noch mancher ״Obercollege" trotz seines mangelhaften Bildungsgrades darauf, seinen fein gebildeten ״Unterco liegen" zu ״ducken" und zu ״bucken" und womöglich ihm noch dasjenige zu entziehen, was ihm rechtlich zusteht. Soll nach solchen Vorgängen in den breiteren Schichten noch Werthschätzung und Bedeutung für unseren Stand gefordert werden? So viel auch schon darüber geschrieben wurde, so oft wiederholen sich sogar öffentlich solche Scenen. die immer einen materiellen Hintergrund haben. Hierin müssten die humanen Gemeindevorstände Wandel schaffen und solchen unwürdigen Vorgängen Einhalt thun. Wie unsere Thätigkeit zuweilen geschätzt wird, erfahren wir aus den allwöchentlichen Vacanzen, welche die Schamröthe dem gebildeten Menschen ins Gesicht treibt — Nacht- Wächtergehälter sind dagegen zu gering. Leider hilft dabei alle Gegenrede nicht, und sei sie noch so überzeugend, gewisse Leute bleiben sicher dabei: Der Cantor hat mehr als genug, und ist doch niemals zufrieden! Ja, solche Leute haben keine Ahnung davon, wie theuer der Lebensunterhalt eines geordneten Hausstandes ist. Was haben wir mm unsererseits allen diesen Uebelständen gegenüber zu thun? Wenn Jean Paul sagt: ״Die eine Zeit braucht Männer, um zu e n t st e h e n, die andere, um zu b e st e h e n, die uusrige hat sie zu beiden nöthig", so hat er damit obige Frage bereits beantwortet. Also ein Mann, ein ganzer Mann muß der Cantor oder Lchrer sein, ein Mann, vernicht mit kriechender Unte r w ü r fi g k e i t die Fußtritte hinnimmt, die ihm von mancher Seite zn versetzeil für gut befunden lvird, sondern der sich nicht scheut, wo es erforderlich ist, auch einmal ein freimüthiges Wort zu wagen. Denn: ״Was bringt den Mann zu Ehren? — Sich wehren." Ehre also jeden ehrenwerthen Mann, aber fordere auch für dich, was dir gebührt! Die Gemeinden verlangten von uns ein bezügliches Staatsexamen. Wir kamen diesem gerechten Wunsche nach, haben Jahre lang am Seminar unter der Last von Entbehrungen unsre Studien beendet, dass gewünschte Examen bestanden und so den geforderten Anforderungen Folge geleistet. Dadurch bekam dann der Begriff ״Cultusbeamter" einen concreten Inhalt und eine genaue Umgrenzung, also ״Cantor und Lehrer mit allen Befugnißem" Und was boten und bieten uns die Gemeinden denn dafür? Eine Vermietungsschrift mit allen Chikanen ausgestattet, auf drei Jahre giltig rc. rc. eigenhändig mit vollem Titel zu unterfertigen und dann wieder den Reisesack ergreifen zu müssen, um zu wandern — wandern nach einem Stückchen Brot für Weib und Kind. Dennoch füllen sich alljährlich die jüdischen Seminarien. Blöde Jugendeselei! Was nun den persönlichen Verkehr des Cantors und Lehrers, besonders in den Provinzial-Gemeinden, betrifft, so ist gerade sein Verhalten in dieser Beziehung eines der wichttgsten Factoren für die Gestaltung seiner gesellschaftlichen Stellung, und es ist nicht ganz leicht, diejenige weise Vorsicht und Klugheit dabei zu üben, welche für den Lehrer und Cantor