Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1894)
- Date
- 1894-08-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 20. Mesterreichisch-ungarische LanLoren-Aeitung. Seite 5. Traumdeuter sei, er ließ ihn daher zu sich kommen und sagte: Mir träumte, dass eine Nadel mich in den Finger gestochen habe. Bar Hedja sagte: Bezahle mich, so werde ich Dir Deinen Traum deuten. Der Schatzmeister verweigerte es. Ein anderes Mal sagte der Schatzmeister abermals zu Bar Hedja. Mir träumte, dass Würmer mir zwei Finger abnagten. Bar Hedja verlangte Bezahlung im Vorhinein, und als es der Schatzmeister wieder verweigerte, da deutete Bar Hedja dessen Traum dahin, dass die Garderobe des Kaisers von Motten beschädigt werde, weil sie nicht genug gelüstet und gereinigt worden ist, was dem Schatzmeister als Oberstkümmerer obliegt. Bald nachher gewahrte man das Vergehen des Schatzmeisters. Der Kaiser war über diese Nachlässigkeit sehr erzürnt und befahl, den Schuldigen vor Gericht zn stellen. Dieser sprach zur Vertheidigung: Ist nicht eher derjenige strafbar, der es wusste, als der Schaden noch leicht zu verhüten gewesen wäre, und es nicht sagen wollte? Er erzählte den Hergang der Sache mit Bar Hedja, der Kaiser ließ auch ihn holen und stellte ihn darüber zur Rede. Dieser wälzte wieder auf den Schatzmeister die Schuld, der wegen einiger Gulden, die er sich zu zahlen weigerte, die Garderobe des Königs zn Grunde gehen ließ. Da sprach der Kaiser folgendes Urtheil: Man suche zwei starke Zederbäume ans, binde sie oben bei der Krone mit zwei starken Stricken zusammen, dann binde man einen Fuß des Bar Hedja von der Hüfte angefangen an den einen Baum, den anderen Fuß desselben an den zweiten Baum, dann schneide man den Strick, welcher die zwei Bäume zusammenhält, durch, und Kraft der Elasticitüt, die den Bäumen innewohnte, um die frühere Stellung einzunehmen, wurde Bar Hedja förmlich in zwei Stücke gerissen. Der Fluch Nabbas ist in Erfüllung gegangen. XV. Alle Träume gehen nach dem Munde. Die Chachamim erzählen: In Jerusalem waren vierundzwanzig Traumdenter. Es kam vor, dass Alle einen Traum verschiedenartig deuteten und alle Auslegungen trafen ein, öeuu ״Kol Haclilomos holcliim acher h’-Peli“, alle Träume gehen nach dem Munde, das will sagen, wie man sie deutet. Nach Anderen wieder, ״wie der Mensch am Tage zu sprechen Pflegt, darnach gestalten sich die Träume in der Nacht". Ein römischer Kaiser fragte einst Rabbi Josna: Ihr sagt, dass ihr ׳so weise seid durch das Studium des Gesetzes, kannst Du mir auch sagen, was ich heute Nacht trüunlen werde? Der Rabbi antwortete: Du wirst im Traume sehen, dass Deine Feinde, die Perser Dich unterjochen werden, sie werden Dich Frohndienste verrichten lassen und werden Dich mit einem goldenen Stabe antreiben. Den ganzen Tag dachte der Monarch darüber nach, und in der Nacht träumte er wirklich davon. Ein persischer König sagte ebenfalls einst 31t Rabbi Samuel: Ihr bestehet darauf, dass die Gotteslehre Euch weise macht, so sage mir, was ich heute Nacht träumen werde? Samuel erwiderte: Du wirst träumen, dass die Römer Dich gefangen wegführen werden, bei ihnen wirst Du auf einer goldenen Handmühle Dattelkörner mahlen müssen. Der König dachte den ganzen Tag daran, und wirklich träumte er davon. ״Alle Träume gehen nach dem Munde", darunter ist zu verstehen, wie mau sie auslegt. Es richtet sich ,rach der Dentung die Stimmung des Gemüthes, heiter oder düster, so sind auch gewöhnlich die Folgen. Dazu bemerkt Rabbi Josna ben Lewi: Wenn man einen Strom im Traume sieht, sage man den Vers: ״Ich werde dem Strome gleich den Frieden über sie strömen lassen" (Jes. 66, 12.), bevor ihm ein anderer Vers in den Mund kommt, der Unheil verkündend wäre: Es wird dem Strome gleich der Feind kommen". (Jes. 59, IS.) Wenn man einen Vogel im Traume sieht, so sage mau den Vers: ״Wie der Vogel im Fluge seine Jungen schützt, so möge der Herr der Heerschaaren Israel beschützen" (Jes. 31, 5.), bevor ihm der Vers in den Sinn kommt: ״Wie der Vogel von seinem Neste verscheucht wird". (Spr. 27, 8.) Wenn er einen Tops im Traume sieht, so sage man den Vers: ״Ewiger, Du wirst uns den Frieden zu Theil werden lassen" (Jes. 26, 12), bevor er au den Vers denkt': Setze den Topf über das Feuer". (Jecheskel 24, 3.) Wenn man Trauben im Traume sieht, so sage man den Vers: ״Wie wenn man Trauben in der Wüste findet, so freue ich mich, sagte Gott, als ich Israel gefunden habe" (Hof. 9, 10.), bevor er an den Vers denkt: ״Seine Trauben sind giftige Trauben". (5. M. 32, 32.) Wer einen Berg im Traume sieht, sage beim Erwachen: ״Wie schön sind auf dem Berge die Tritte des Boten, der Heil und Rettung verkündet" (Jes. 52, 8.), bevor ihm die Stelle in den Sinn kommt: ״Auf den Bergen erhebe ich Klagen und Jammergeschrei". (Jerem. 9, 9.) Wenn mau einen Schofar im Traume sieht, so sage man beim Erwachen den Vers: ״An diesem Tage, wenn der Messias kommen wird, wird geblasen in der großen Posaune" (Jes. 27, 130, bevor man an den Vers denkt: ״Stoße in die Posaune in Gibea". (Hes. 5, 8.) Wenn man einen Hund im Traume sieht, denke man an den Vers: ״Gegen die Kinder Israels regte kein Hund seine Zunge" (2. M. 11, 7.), bevor er an den Vers denkt: ״Die Hunde sind frech und können sich nicht sättigen". (Jes. 56, 11.) Wenn man von einem Brunnen träumt so sage man den Vers: ״Brunnen des frischen Wassers"' (Hohel. 4, 15.), bevor man an den Vers denkt: ״Wie eine Schlucht ihr Wasser hervorqnellen lässt, so bricht ihre Bosheit hervor". Wenn man einen Rohrstab im Traume sieht, so sage man beim Erwachen den Vers: ״Der morsche Stab wird nicht brechen" (Jes. 42, 3.), bevor man an den Vers denkt: ״Du stützest Dich auf ein gebrechliches Rohr". (2. Kön. 18, 21.) tJ-ortsetziwg folgt.» Kleine Lhrvnik. Vien. Vor uns liegt der erste Jahresbericht der׳israelitisch-׳ theologischen Lehranstalt. Der Bericht des Curatorinms, dem eine geistvolle wissenschaftliche Abhandlung ״Ezechiel-Studien" von Professor Dr. D. H. Müller vorangeht, schildert die einzelnen Phasen der Entstehungsgeschichte dieser Anstalt, die berufen ist, eine Pflanzstätte jüdischer Wissenschaft und moderner Bildung zu werden, und deren Jünger die hehre Aufgabe harrt, an der künftigen Stätte ihres Wirkens den Sinn für den angestammten Glauben zu wecken, sowie das traditionelle Judenthnm mit dem Fortschritte der Zeit in Einklang zu bringen. Die erste Anregung zur Gründung der Anstalt gieng von Herrn Wilhelm Ritter von Gutniann ans. Am 27 Mürz 1891 hat er eine Anzahl hervorragender Männer zu einer Berathung über die Gründung einer solchen Anstalt eingeladen. In dieser Versammlnng wurde sofort der Beschluss gefasst, in Wien eine israelitisch-theologische Lehranstalt ins Leben zn rufen und an die hohe Regierung mit der Bitte um Genehmigung derselben unverzüglich heranzutreten. Zugleich erklärten sich die amvesenden Herren Wilhelm und David Ritter von Gutmann, sowie Herr Baron Moriz Königsrvarter bereit, für diesen Zweck den Betrag von je 50.000 Gulden zu zeichnen. Diesen Spenden folgten später: Herr Baron Albert Rothschild mit 50.000 Gulden, Herr Salv Cohn mit 5000 Gulden, Herr Moritz Karpeles mit 5000 Gulden. Herr Baron Gustav Springer mit 5000 Gulden, Herr Philipp Thorsch mit 3000 Gulden, Herr Sigmund Reitzes mit 2000 Gulden und Herr Heinrich Benies mit 100 Gulden. Ter