Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 20 (15.8.1894)
- Date
- 1894-08-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. Mag nun vom Cantoren-Vereine die eine oder andere Form der Pensionirung und Witwenversorgung angestrebt werden, die Berechnungen sind nach jeder Richtung hin genau und auf streng mathemathischer und wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut worden und bieten die vollste Gewähr, dass der Pensionsfond, einmal in's Leben gerufen, auch zu jeder Zeit den an if)u gestellten Anforderungen gerecht werden kann. Ja, es wurde ganz besonders darauf Rücksicht genommen, dass nicht durch allzu optimistische Aufstellungen oder durch ein Verkennen der großen Schwierigkeiten Hoffnungen geweckt werden, die sich in früherer oder späterer Zeit als unrealisierbar erweisen. Um. die Gründung eines Pensionsfondes mit möglichster Objectivität zu besprechen, haben wir uns bisher jeden Urtheiles über die einzelnen Formen der Pensionirung und Witwen- Versorgung enthalten, zu einem, Puncte jedoch, der bereits in dem früheren Artikel gestreift wurde, glauben wir im Interesse der Sache selbst Stellung nehmen zu müssen. Die Frage, ob die Witwen-Bersorgung durch Witwen- Pensionen oder durch einmalige Kapitalsleistungen an die Witwen angestrebt werden soll, wird gewiss mannigfache Discussionen Hervorrufen und in verschiedenem Sinne beantwortet werden, aber gerade darum glauben wir mit unserer Ansicht hierüber nicht zurückhalteil zu dürfen. Witwen-Pension ist ein schönes Wort, eine verlockende Aussicht, aber in geringem Maße gegeben, bewährt sie sich in der Praxis zumeist nicht. Von 160 fl. oder mit 120 fl. jährlich kann eine Familie nicht leben, und darum sind, abgesehen von den großen Opfern, die Witwen- Pensionen erfordern, auch vom social-ökonomischen Standpunkte die einmaligen Capitalsleistungen vorzuziehen. Erhält eine Witwe auf einmal ein Capital von 300 fl. oder 500 fl., so kann sie mit demselben, namentlich auf dem Lande oder in der kleineren Stadt, sich leicht eine neue Existenz gründen und ihre Kinder dadurch vor Noch und Elend bewahren. Und gerade wenn eine Familie in jüngeren Jahren von dem Unglücke betroffen wird, dass ihr der Ernährer plötzlich abstirbt, da ist die einmalige Capitalsleistung von besonderem Vorzüge. Einer jungen Witwe, die mit einigen kleinen Kindern zurückgeblieben ist, wird es in den meisten Fällen zu schwer, allein die große Last durchs Leben zu schleppen, mit 500 fl.. erwirbt sie aber schon ein namhaftes Heiratsgut, um eine Wiederverehelichung und hiemit eine Theilung der Lasten anzustreben. Aus solchen und anderen Gründen würden wir uns für einmalige Abschlagszahlungen an die Witwen entscheiden und ihr schon darum das Wort reden, weil man die Griindung des Pensionsfondes nicht durch Aufbürdung allzugroßer Lasten erschweren darf. Denn, täuschen wir uns ja nicht, gar so leicht werden wir die Mitwirkung der Gemeinden nicht erringen, und der Widerstand wird ein um so größerer sein, je höhere Anforderungen wir an dieselben stellen. Darum wollen wir für den Anfang lieber etwas weniger bieten, aber machen wir endlich einen Anfang. Auf welche Weise nun die uöthige Anzahl von Mitgliedern angeworben, wie die Beitcagsleistung von Seiten der Gemeinden erwirkt, und wodurch die Jntereffenahme und materielle Unterstützung des Pensionsfondes seitens hervorragender Glaubensgenossen gefördert werden soll, diesbezüglich haben wir wol ja in Bälde concrete Vorschläge von dem Vorstande des österr.- ungar. Cantorenvereines zu erwarten. Selbverständlich wird sich die Redaction dieses Blattes, in Fortsetzung der vorliegenden Artikelserie, über diese wichtigen Punkte noch zu wiederholten Malen äußern, aber wir würden es als ein untrügliches Zeichen der Theilnahme seitens der einzelnen Mitglieder und Jener, die dem Pensionsfonde beizntreten gesonnen sind, betrachten, wenn auch aus diesen Kreisen in der Cantoreu-Zeitung eine eingehende und lebhafte Discussion über die gegebenen Anregungen eröffnet würde. l—y Eine christliche Stimme Wer den traditionellen Synagvgengesang. Aus St. Ruprecht a d. Raab in Steiermark erhalten wir eine bemerkenswerthe Zuschrift des k. k. Universitätsprofessors an der theologischen Facultät in Graz Tr. Johann W e i ß, welche den erfreulichen Beweis liefert, dass die traditionellen Synagogenweisen selbst in weiteren Gelehrtenkreisen eines eingehenden wissenschaftlichen Studiums würdig erachtet werden. Herr Professor Dr. Weiß, dem wir über Wunsch eine Singer'sche Broschüre zukommen ließen, schreibt an den Herausgeber unseres Blattes Obercantor Bauer Folgendes: ״Euer Wohlgeboren! Geehrter Herr Obercantor! Durch die freundliche Vermittlung des Herrn Dr. Mühsam erhielt ich die Broschüre des Obercantor Singer in Wien ״Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges" und zugleich Ihr werthes Schreiben an Dr. Mühsam. Wie Ihnen Herr Tr. Mühsam mitgetheilt haben wird, befasse ich mich seit einiger Zeit mit dem Studium der althebräischen Musik, sowohl aus Privat- Interesse und weil der Gegenstand doch etwas in mein Fach einschlügt. Mit Forkel und Anderen, welche den denkbar niedrigsten. Grad fiir die althebräische Musik annehmen, kann ich mich int־ möglich einverstanden erklären. Wer solche Lieder und Hymnen gedichtet hat, wie wir sie in den Psalmen und anderen heiligen Büchern lesen, kann doch keine nichtssagende, monotone Cantilene dazu componirt haben. Wo eiu so glänzender, bis ins Kleinste geordneter Gottesdienst in einem glänzenden Prachtbau geübt wurde, kann die Musik doch nicht so weit von ihren Kunstschwestern abstehen. Allein wie beschaffen war die musikalische Kunst? Die Monumente fehlen so ganz und gar. Es dürfte aber so Manches in den alten traditionellen Gesängen der Synagogen liegen, was durch treue Ueberlieferung bis auf unsere Tage aufbewahrt wurde. Daher war mir die Abhandlung des Obercantor Singer sehr angenehm zu lesen. Da Ihr Werk Aehnliches behandeln wird, freue ich mich darauf. . Manches dürfte auch in den Gesängen der christlichen Urkirche überliefert sein. Sv wohl sicher die Psalmodie. -Ob nicht die Hymnen der ersten christlichen Jahrhunderte das Erbtheil des Tempels in musikalischer Beziehung weiter ausgebildet haben, scheint mir wahrscheinlich. Sollte ich etwas für Ihr Blatt Taugliches finden, werde ich es mit Vergnügen zur Verfügung stellen. Indem ich meine Bitte, mir Ihr Werk zu senden, wiederhole und insbesondere ersuche, mir die in diese Frage irgendwie einschlägige Litteratur gütigst anzugeben, zeichne ich in aller Hochachtung Ergebener Dr. Johann Weiß, k. k. Universitäts-Professor a. d. theolog. Facultät in Graz, derzeit in St. Ruprecht a d. Raab.