Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 19. Eingeftndet.') Geehrte Redaction! In Ihren! geschätzten Blatte wurde schon öfter auf die bedauerlichen Anlässe, welche die Kündigung der Cnltusbeamten im Gefolge haben, hingewiesen, und es wäre-daher wohl überflüssig, diese traurigen Zustände abermals zu beleuchten; aber eingedenk der Worte der heiligen Schrift לפני ערי לא תת! מכשול fühle ich mich zur Veröffentlichung des nachstehenden Falles verpflichtet. Herr College Salomo!! Gruschka fungiert seit 7 Jahren in der isr. Cultnsgemeinde M. Kro mau als Cantor, Schachet und Mohel zur vollsten Zufriedenheit seiner Gemeindemitglieder. College Gruschka hat jedoch den Fehler begangen, das ihm von der Gemeinde kommende Gehalt für verflossene drei Monate zu verlangen, und überdies die Kühnheit gehabt, das devote Ansuchen zu stellen, der Cultusvorstand möge das ihm mündlich garantierte Einkommen bis zu dem fixirten Betrag ergänzen, weil dies Einkommen nicht einmal annähernd die bestimmte Höhe erreichte. Die hierauf ertheilte Antwort, beziehungsweise Erledigung war: Eine dreimonatliche Kündigung. Es ergibt sich aus Vorstehendem, dass die Herren Collegen ohne schriftlichen Vertrag nicht einmal die kleinste Stelle annehmen sollen, denn das geschriebene Wort hat heutzutage' Geltung, und das mündlich gegebene wird leider zu oft nur ge-! sprachen. Spcciell bei Corporationen, wo mit dem jeweiligen Personenwechsel ein Systcmwechsel verbunden ist und die eingegangenen Verpflichtungen der Amtsvorgänger perhorrescirt oder günstigen Falles leicht genommen werden, ist dies mit! wenigen Ausnahmen der Fall, und muß daher die größtmöglichstes Vorsicht herrschen, um nicht eines schönen Tages vor die Thüre! gesetzt Zu werden. Indem ich für die Aufnahme dieser Zeilen bestens danke,׳ zeichne ich mit dem Ausdrucke vollster Hochachtung ergebenster -_ ■ ' I. H. *) Nainc und Domicil des Einsenders sind der Nedaclion bekannt. Kleine Chronik. Wien. Tiefe Trauer ist in den Gauen Oesterreich- Ungarns eingekehrt. Die treuen Völker unseres Vaterlandes: stehen erschüttert und gebeugt an der Bahre eines Mitgliedes uns eres erlauchten Kaiserhauses. Erzherzog W i l h e l ni, der! Vetter unseres Kaisers, i st t o d t! Der Prinz ist Sonntag in' Baden bei Wien von! Pferde gestürzt und nach Verlauf von wenigen Stunden den schweren Verletzungen, die er dabei erlitten hat, erlegen. Der Verblichene, ein Sohn des siegreichen Feldherr!! Erzherzog Carl, hat eine ruhmvolle militärische Laufbahn zurückgelegt, mit ihm ist ein Förderer alles Guten und Edlen, ein Freund des Volkes, ein Vater der Bedrängten und Nothleidenden in das Reich der Schatten dahin gegangen.^ Doppelt schmerzlich wird der Tod des im Volke sehr beliebten Prinzen empfunden, da er aus so tragische und erschütternde Art uncks Leben gekonnnen ist. Wien. Einem hiesigen Blatte wird aus der ungarischen Stadt K. folgendes berichtet: Der dortige israelitische Seelsorger, Dr. H., ein junger Mann, der erst seit kurzer Zeit in Amt null Würden ist. hatte unlängst eine Trauung zu vollziehen, deren er bisher überhaupt erst sehr wenige vollzogen hat. Nach israelitischem Ritus besteht der wesentliche Theil dieser Zeremonie darin, dass der Rabbiner zu sprechen hat: ״Sei Du mir angetraut durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels", welche Worte sodann der Bräutigam wiederholt und zugleich den Trauring seiner Braut aufsteckt, die damit seine Frau wird. Nun begegnete es dem jungen Rabbiner, dass er nicht wartete, bis der Bräuügam die Worte ihn! nachsprach,. sondern sie gewissermaßen selber an die Braut richtete, und ihr sodann selbst den Trauring auf den Finger steckte. Dieser kleine Jrrthum hat nun zur Folge, dass eigentlich der junge Rabbi der Mann der jungen Frau ist, welche unterdessen die Hochzeitsreise mit ihrem Herrn Gen!ahl angetreten hat. Dieser Fall gelangte zur Kenntnis des Ober-Rabbinates, welches nach langer Erwägung folgendes Urtheil fällte: a) die neugeschlossene Ehe darf nicht immatrikuliert werden; d) das auf der Hochzeitsreise weilende Pärchen lebt somit in wilder Ehe; e) Dr. H. muß sich von der Gattin scheiden, die er einem anderen hätte antranen sollen, die er aber selbst geheiratet hat; ch der Bräutigam muß sich nach den Flitterwochen aufs neue mit seiner Braut, der eigentlichen Gattin des Dr. H., trauen. Troppau. In der letzten Zeit wurden von einem Collegen aus Mähren von ihm selbst verfasste ״Confirm a tio ns- Gesänge" an Gemeindevorstände versendet, mit der Bitte, dieselben für den Gottesdienst anzuschaffen. Synagogen-Compositionen, die zur Verschönerung unseres Gottesdienstes irgend beitragen können, sollen empfohlen und verbreitet werden. Andererseits halten wir es für eine Pflicht, nichtgeeignete Compositionen von unserem Gottesdienste dadurch fern zu halten, indem an dieser Stelle ans die Unbrauchbarkeit derselben hiugewieseu wird. Die Confirmations-Gesänge des besagten Herrn Collegen sind gewiss gut gemeint, aber schlecht gemacht! Denn vom musiktheoretischen Standpunkt mi'issen sic als durchaus unbrauchbar betrachtet werden. Mit der Herausgabe solcher Synagogenmusik übertritt man, nnseres Erachtens, das Verbot: ,.lifne iwer 10 siten Michscliol׳! ״ Es ist leider ein großer Fehler unserer Collegen, dass, sie erst dann ״berühmte" Cantoren zu sein vermeinen, wenn sie ״componirt" haben und ihren Namen auf einen! Notenstück gedruckt sehen!! Möchten doch unsere Herren Collegen endlich die wahre Ursache erkennen, welche sie zum tüchtigen, und unseretwegen auch zum berühmten Cantor machen,!!!!! endlich von dieser grundfalschen, nach vielen Richtungen hin schädlichen Ansicht recht bald geheilt zu werden! S.!!. Gr. Kanizss. An! 11. Juli haben wir in Ofen den einzigen Sohn des von mehreren souveränen Mächten ausgezeichneten Ober-Jnspectors der Südbahn, des Herrn David Weiß, zu Grabe getragen. Ein hartnäckiges Lungenleiden be-!nächtigte sich seit März dieses eminentbegabten Drd. Juris, den! er auch zum tiefsten Kummer seiner schwergeprüften Eltern erlag. Am Leichenbegängniße, das unter imposanter BetheiliguNg des höchsten Beanitenstandes der Südbahn, sowie der Vorstände und Vertretungen verschiedener Anstalten der Landeshauptstadt Budapest stattfand, erschien auch in Begleitung der vollzähligen Chewra Kadischa und des Gemeindevorstandes der Oberrabbiner und der Obercantor der Cnltusgenieinde Ofen zur Vollziehung des üblichen Ceremoniells. Nach Beendigung der vom Obercantor und dem gntgeschulten Sängerquartette executirten Trauergesänge bestieg der Oberrabbiner Dr. R. Goldberg die schwarzdecorirte Kanzel und anknüpfend an dem Verse der laufenden Perikope: ״Aharon werde eingesammelt zu seinem Volke, denn er soll nicht hinüberziehen in das Land, welches ich den Söhnen Israels verheißen habe", entwickelte, sichtlich selbst ergriffen, der geübte Redner und intime Freund der Trauerfamilie eine Herz und Seele durchglühende Rede, die kein Auge trocken ließ. Eine lange Reihe von Wagen folgte dem von Fackelträgern umgebenen Condncte bis hinaus zur ewigen Ruhestätte,!vo in stiller Andacht die Leiche des leider Zu früh Heimgegangenen jungen Mannes in die kalte Erde gesenkt wurde. Als dann der gramgebeugte Vater hintrat und mit erstickter Stimme das Kaddisch recitirte, trat eine höchst erschütternde Szene ein. Die Umstehenden bekundeten durch lautes Schluchzen ihren tief mitempfundenen Schmerz. Schreiber dieses schied von der Trauerstätte mit folgenden Worten auf den Lippen: Verklärter Geist! Im Namen Deiner hartheimgesuchten Eltern, in! Namen Deiner trauernden alleingebliebenen Schwester und Deiner übrigen Anverwandten sage ich Dir nun das letzte ״fahre wohl"! Als wir vor drei Jahren Deinem unablässigen Streben nach Wissenschaft und Gelehrsamkeit folgend, den Propheten Joel in der Ursprache durchgelesen, ahnte keiner von uns beiden, dass gleich jenein in dieser prophetischen Vision so schrecklich geschilderten Tage: ״Der Tag des Herrn, er komn!t, er ist nahe, ein Tag der Finsternis und düster!! Dunkelheit, ein Tag von schwarzen Wetterwolken!!!!!hüllt", dass ein ähnlicher Tag durch Deinen so frühen Hintritt auch Deinem Elternhause Hereinbrechen wird. Doch Gott verwundet und verbindet, er schlägt und heilt wieder. Möge die unerforschliche Vorsehung Deinem greisen Vater Stärke und Kraft verleihen, diesen schweren Schlag.zu ertragen, und ihn in! Kreise seiner