Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 19. Viel Aufmerksamkeit erfordert dann das strenge Takthalten. Ohne Takt keine Musik! Sagt doch Robert Schumann ausdrücklich in feinen, jedem Musiktreibenden zu empfehlenden ״Musikalischen Haus- und Lebensregeln": ״Spiele im Takte; das Spiel mancher Virtuosen ist wie der Gang eines Betrunkenen. Solche nimm dir nicht zum Muster!" Dass Achtel- und Sechzehntelnoten nicht miteinander verwechselt werden diirfen, brauchen wir wohl nicht zu erörtern, aber vor dem gebräuchlichen, wir möchten fast sagen, ״beliebten" Fehler, am Ende des Taktes, besonders bei auslaufenden Passagen, ganze Achtel oder Sechzehntel zu ״verschlucken", soll gewarnt werden. Welch nervösen, unfertigen Eindruck macht nicht das Kürzen der Takte, die Unklarheit, das Eilen und Treiben des Zeitmaßes aus den Hörer! Zumeist trägt hier überhaupt das verfehlte, zu schnelle Tempo die Schuld. Man mache sich daher zum Princip, das Tempo zuweilen so bequem zu nehmen, dass jede Figur, jede Passage, jede Nüance in tadelloser Sauberkeit und Klarheit gespielt werden kann. In Dilettantenkreisen richtet diesbezüglich das Metronom ohne Zweifel viel Unheil an: da steht eine Sonate Beethovens mit dem Viertel 152 metronomisiert; nun wird das Tempo ״getrieben", aus Angst, ein wenig zu langsam zu spielen, anstatt zu bedenken, dass durch langsames, sauberes Spiel keine Composition entwürdigt wird, durch Ueberhasten eine jede. Wer laufen will, muß erst gehen lernen, ist eine alte Erfahrung. Im ferneren sei man peinlich genau im Rhythmisieren. Man kürze weder, noch verlängere man punküerte Noten, spiele nicht über Pansen hinweg, zergliedere schwierigere rhythmische Stellen genau, bevor man sie spielt, und füge Triolensiguren, Sextolen und seltener vorkommende Quintolen und Septolen exakt in den Takt ein. Eine oft vorkommende gefährliche Untugend ist auch das Ignorieren von Pausen am Ende eines Theiles oder bei Reprisen. Wie oft im ^-Takt hört ein Theil auf dem ersten Taktviertel aus und werden zweites und drittes Viertel pausiert, bevor auf dem vierten wieder ein Auftakt einsetzt; ist es dann nicht ein Zeichen von Gedankenlosigkeit da, wo man nicht gar Mangel an rhythmischem Gefühl voraussetzen muß, wenn diese Pausen einfach ignoriert oder doch gekürzt werden, wenn man darüber ״hinwegspielt"? Schließlich beobachtet man auch außerordentlich häufig, dass Spieler beim Beginn von Conipositionen mit Auftakt diesen bald zu schnell, bald zu langsam, kurz, nicht im Tempo des Stückes einsetzen, oder überhaupt den Vortrag beginnen, ohne sich vorher das Tempo klar überlegt zu haben. Hierdurch wird da zu schnell, dort zu langsam begonnen, bevor im Lause des Spieles endlich das richtige Tempo gefunden wird, was ebenfalls den Eindruck der Unsertigkeit hinterlässt, denn ״Schleppen und Eilen sind gleich große Fehler".(Rob.Schumann.) Indem wir im Vorstehenden einige der wesentlichsten Pianistischeu Untugenden und Jrrthümer bezeichnet haben, mögen noch ein paar Worte über das zweckmäßige Neben am Platze sein, bevor wir zur Besprechung praktischer Fingersätze und zur Aufftellung einiger Pedalregeln rc. übergehen. Auf die Frage, was wir spielen und üben sollen, wollen wir nicht eintreten; Geschmack und Anlagen sind verschieden; doch beherzige man möglichst die Warnung Schumann's: ״Du sollst schlechte Compositionen weder spielen, noch, wenn du nicht dazu gezwungen bist, sie anhören," und: ״Wegen der Wahl im Studium deiner Stücke befrage Aeltere, du ersparst dir dadurch viel Zeit," ferner den Rath: ״Legt dir jemand eine Composition zum ersten Male vor, dass du sie spielen sollst, so überlies sie erst." Das Vomblattspielen ist eine schwere Kunst und erfordert stetige Uebung, trägt dafür aber auch als Lohn den höchsten musikalischen Genuß mit sich: ohne langes Neben sich jederzeit an den Werken, die gerade unser Interesse erregen, erfteuen zu können. Um gut vom Blatt spielen zu lernen, fange man mit leichten Compositionen an, orientiere sich, bevor man beginnt über Takt, Rhythmus, Tonart, sehe sich schwierig erscheinende Stellen genau an, überlege sich im voraus vielleicht einige Fingersätze, spiele etwa auch diese oder jene Figur der linken oder rechten Hand einmal durch — danach erst beginne man, und zwar im bequemen Tempo, um den widerlichen Fehler, das ewig stotternde, stolpernde Spiel zu vermeiden. Täglich, wenn möglich, übe man sich auf diese Art und gehe nur allmählig zu schwereren Stücken über, vermeide aber dabei jede Einseitigkeit! Es giebt Spieler, die im Spielen von Tanzweisen eine annehmbare, ja große Fertigkeit besitzen, während sie Opern- Melodien oder Sonaten nur mit größter Mühe dechiffrieren, und umgekehrt! Zudem spiele man nie ein Werk halb! Es giebt Pianisten, die alles anfangen, aber nicht im Stande sind, ein Stiick ganz vorzuspielen. Solche Stümperei kann weder Spieler noch Zuhörer erfreuen. Man mache sich also zum Principe, alles, was man spielt, ganz und gut zu spielen, oder wie sich R. Schumann in dem oben öfters citierten Merkchen ausdrückt: ,.Es ist besser, leichte Stücke gut und schön, als schwerere nur mittelmäßig vorzutragen." Die mehr oder weniger gute Ausführung einer Composition hängt oft zum nicht geringsten Theile von der zweckmäßigen Wahl des Fingersatzes ab. Auch in dieser Hinsicht wird oft arg gefehlt! Die Applikatnr der Tonleitern und der' gebrochenen Drei- und Vierklänge nebst Umkehrungen bildet für uu§ die Grundlage, auf der unsere ferneren praktischen Erfahrungen basieren, und giebt uns auch zugleich die Andeutung, worauf wir bei Wahl des Fingersatzes Rücksicht nehmen müssen. Eine Legatostelle soll ohne die gerinste Verletzung der Bindung ausgeführt werden können und ist der allzuhäufige, meist auf Bequemlichkeit zurückzuführende Fehler hartnäckig zu bekämpfen, wo imrichtige Fingerwahl das Binden einmal nicht mehr gestattet, einfach zu ״springen". Haben wir stufenweise fortschreitende Passagen zu spielen, so lässt uns der Tonleiterfingersatz der betreffenden Tonart des Stückes nicht im Stich; kommen dabei jedoch Modulationen in andere Tonarten oder öftere zufällige Versetzungszeichen ($, hj, ft) dazu, so hilft wieder der allgemeine Grundsatz: man nehme vor den kommenden Ob ertasten den ersten Finger überall da, wo ohne Untersetzen die Passage nicht beendet werden kann. Jedenfalls setze man nie den ersten Finger auf Obertasten, vor denen eine Unterraste zu greifen war, und ziehe in dem Falle, wo dieser Gebrauch nahe liegt, stets vor, besser einen anderen Finger weg zu lassen, um den ersten rechtzeitig zu placieren. Auch bei Accordpassagen vermeidet man möglichst das Setzen des ersten Fingers auf Obertasten; ganz besonders in den Accordlagen, wo vorher der dritte oder vierte Finger auf Untertasten ruhte, würde eine sichere Bindung bis zum ersten Finger auf einer Obertaste, die erfahrungsgemäß viel Uebung erfordert, stets unpraktisch sein. Natürlich wäre es auf der anderen Seite auch verkehrt, wollte man sich scheuen, in Accordläufen den ersten Finger da aus schwarze Tasten zu legen, wo die Bindung bequem anszuführen und dadurch öfterer Lagen- Wechsel vermieden werden kann (wie es in Ls-, A3-, Des dur- und Cis uroIl-Accorden der Fall ist). Ferner halte man im allgemeinen an dem Princip der Octavenspannung fest, das heißt,