Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 19 (1.8.1894)
- Date
- 1894-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453323--4066-3458488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 3. gründen? Diese Frage ist unzweifelhaft zu bejahen. Wir bedürfen hierzu nicht größerer Capitalien, denn diese selbst könnten ■mir znr Herabsetzung der Jahresqnote verwendet werden. Was uns gegenwärtig viel nöthiger ist, ist eine möglichst große Anzahl von Mitgliedern. 200 ist die geringste Zahl, und sobald diese erreicht ist, kann der Pensionsfond mit einer vollkommen sicheren Gewähr auf eine gedeihliche Entwicklung in Wirksamkeit treten. -An den Cantoren ist es also, durch zahlreichen und raschen Beitritt zu dem Cantorenvereine ihre Zukunft sicherzustellen, und jedes Mitglied und jeder Bernfsgenosse muß den Vereins- Vorstand in dem Bestreben unterstützen, dem Vereine neue Kräfte zuzusühren, um jenes Ziel zu erreichen, das schon längst als ein dringendes Bedürfnis gefühlt wird und das vom Cantorenstande erreicht werden wird, wenn er es erreichen will. Je rascher und je früher wir an die Verwirklichung dieses erhabenen Gedankens, an die Gründung des Pensionsfondes schreiten, desto geringer werden die Opfer sein, die der einzelne Bernfsgenosse für sich und die Gesammtheit zu bringen hat. 1-y Eine Vveurtheilssteie Aristokratin über den Antisemitismus. Frau Gräfin Victorine Butler-Haimhausen in München hat sich eine so vorurtheilsfreie Gesinnung bewahrt, wie sie bei dem deutschen Adel leider nicht gerade häufig zu finden ist. Sie versendet einen kleinen Artikel, in dem mit logischer Schärfe an der Hand der Thatsachen die von den Antisemiten gegen die Inden gerichteten Vorwürfe entkräftet werden. So wird zum Beispiel gegen die Methode, die Israeliten als N a s s e zu bekämpfen, ausgeführt: Als Rasse kann überhaupt bei ihnen ebenso wenig von reinem Semitismus die Rede sein, wie bei den heutigen Deutschen von r einem Germ an ent hum. Es haben bedeutende- Massenmischungen stattgefuuden, längst ehe dieses Volk in alle Welt zerstreut wurde und erst recht seit dieser Zeit, wie ja■ z. B. Renan die westeuropäischen Juden zum Theil aus zum Judenthum übergetretenen Galliern entstammen lässt. . Dass übrigens der semitische Stamm keine so verächtliche Rolle in der Geschichte spielte, dafür mögen die Thaten der Phönizier von ihrem ersten Auftreten in der Geschichte bis zu Hannibal, sowie die der Araber einen Beweis liefern, wenn wir die der Juden selbst außer Acht lassen wollen. Letzteres ist aber wenigstens im Hinblick auf eine Episode dieser Geschichte nicht möglich, nämlich die, welche sich in den ersten Jahrhunderten der neuen Zeitrechnmtg abspielt, denn Christen haben nicht das Recht, die Thaten der aus jüdischem Blute entsprossenen Menschen zu vergessen, denen sie ihre Religion verdanken. Mir war es nie verständlich, wie man eine Nasse schmähen konnte, welche solche Abkömmlinge hervorbrachte. Ueber den angeblichen Widerstand der Inden, im Deutschth um aufzugehen, wird gesagt: Ziehen wir von unseren Juden die aus dem Osten Zugeströmten ab, welche infolge des eben erst abgeworfenen Druckes --noch in starrer Orthodoxie stehen, so werden wir überrascht sein, wie rasch die geistige und religiöse Assimilirung vor sichmgeht. Letztere natürlich weniger in der Richtung der -offiziellen Religion des Wirthsvolkes, als in der thatsächlich?stlnter chein gebildetsten Theil desselben vorherrschenden Religionsbegriffe. Wenn nicht der gleiche Anschluss in sozialer Beziehung zu finden ist, so liegt die Ursache hiervon nicht bei den Juden, sondern bei den sie zurückweisendeu Wirthen, wenn wir diesen Ausdruck mit dem des Gastvolkes den Antisemiten abnehmen wollen, ohne auf das Unpassende desselben einzugehen; die, die ihn anweuden, können nur in den seltensten Fällen Nachweisen, dass sich nicht in ihrem Blute ganz gehörige Bestandtheile anderer Nationalitäten finden, welche seinerzeit unter den Deutschen das Gastrecht fanden: Slaven, Hugenotten 2c. Der Angehörige einer Minderheit hat immer einen schweren Standpunet. Sucht er sich anznschließen, nennt man ihn zudringlich, schließt er sich ab, so wirst man ihm feindliche I s o l i r u n g vor, und so geht es ihm auch in allen anderen Dingen. Lässt er z. B. sein Geld freigebig unter die Leute kommen, so ist er ein Protz, spart er, so ist er ein wuchernder Geizhals. Nimmt er die Religion der andern an, so ist er ein verächtlicher Renegat, thut er es nicht, so wirft man ihm verstockten F a n a t i s m u s vor. Zeigt er Patriotismus, so macht man ihn lücherlicb, thut er es nicht, so wirft man ihm seine Vaterlandslosigkeit vor u. s. w. Es liegt nahe, aus diesen Betrachtungen die Schlußfolgerung zu ziehen, dass die Antisemiten selbst die Juden dazu drängen, sich als Fremde zu fühlen. Wie wenig sie es sind, wie weit die Affünilation schon vorgeschritten ist, beweist am besten die in der Einsendung der Gräfin Butler hervorgehobene Thatsache, dass die gebildeten Juden vom Talmud in den meisten Fällen nicht mehr wissen, wie die andereren gebildeten Deutschen. Man solle, wie dann weiter ansgesührt wird, nicht die Juden für Uebelstände verantwortlich machen, an denen sie nicht in höherem Maße schuld seien, als andere, man solle überhaupt nicht sowohl Personen bekämpfen, als die Ursachen mißlicher Zustände zu beseitigen suchen. Ein hoffnungsvolles Zeichen in der antisemitischen Bewegung sei es, dass neben dem Schrei gegen die Juden, in neuester Zeit auch der gegen die Junker erschallt. Zum Schluss wird in dem Schreiben die Hoffnung ausgesprochen, dass die Zeit nicht fern ist, in der sich der Kampf nicht mehr gegen Personen und Stände, sondern gegen die Ausbeutung selbst, d. h. gegen die Systeme, welche sie ermöglichen, richten wird. Man wird dann erstaunt sein, wie schnell der jüdische Wucherer mit dem Aufhören der den Wucher schaffenden V e r h ä l t n i ß e verschwinden wird. Ueber pianistische Untugenden. I!. Um bei Compositiouen das Richtige in Bezug auf den Vortrag zu treffen, ist es rathsam, sich erst über die Form, den Bau derselben durch Gliederung in Motive, Sätze und Perioden Klarheit zu verschaffen. Erkannte inan einmal den Periodenbau, so suche man diejenigen Noten, welche durch ihre taktliche Stellung, rhythmische oder melodische Steigerung als der Höhe- Punkt des musikalischen Gedankens betrachtet werden muffen, und lasse sie je nach Charakter und Stimmung des Stückes stärker oder schwächer hervortreten. Wir werden dabei bald die Symmetrie in Anordnung und Bau der Perioden erkennen und ebenso beobachten, wie die verschiedenen Perioden wieder aneinander gereiht den Gedanken weiter entwickeln, wie neue oder bekannte Motive in neuer Gestattung dazntreten, bis auf diese Art eine Composition als befriedigendes Ganzes sich unserem Gehör darbietet.