Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 18 (15.7.1894)
- Date
- 1894-07-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Oesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Nr. 18. Lemberg. (Von der galizischen Landesausstellung.) Es ist wohl erfreulich constatireu zu können, dass unsere Glaubensgenossen bei der Betheiligung an dieser wahrhaft glänzend ansgefallenen Landesausstellung nicht zurückgeblieben sind, vielmehr bedeutende Fortschritte aus den cnlturellen und technischen Gebieten aufzuweisen haben. Von den Buchdrnckereien unserer galizischen Glaubensgenossen ist aber nur eine einzige bei der Landesausstellung vertreten, u. z. die der wohlbekannten Firma dl. H. ,ßupinf in Drohobycz. Jin Zeitungspavillon, links des EingangSthores gelegen, befindet sich ein von dieser Firma ansgestellter schön geschnitzter Schrank, in welchem künstlich ausgcsührte Drncksortcn zu sehen sind. Den Glanzpunkt bildet das in dieser Bnchdrnckerei gedruckte Bild Sr. Majestät des Kaisers, welches aus einem prächtigen Untergründe, umgeben von einem in den galizischen Landessarben gedruckten Rahmen, wahrhaft Bewunderung erregt; in diesem Rahmen sind auch die 3 Wappen: Galizien, Lemberg, Drohobycz, zu sehen, ferner Arabesken, grüne Lorberblätter und die Volkshymne in 2 Farben. Das Bcmerkenswerthe dabei ist, dass die Clichss hiezu in dieser Bnchdrnckerei auf Tonplatten selbst hergestellt wurden, welches als großer Fortschritt der Zeit zu verzeichnen und von einer Provinz-Bnchdrnckerei insbesonders anerkennend hervorzuheben ist. Eine andere Abtheilung in dem prächtigen Kunstpavillon der hiesigen Landesausstellung enthält eine Exposition, die bisher bei ähnlichen Veranstaltungen ans dem europäischen Festlande noch niemals vertreten war, die Ausstellung von Gegenständen, nämlich die im religiösen Leben der Inden gebraucht werden, und die zumeist Alterthümer von hohem künstlerischem Werthe enthält. Die Wände des Saales sind über und über mit kostbaren Thoravorhängen behängen, von denen aber keiner jünger als 150 Jahre ist. Die ältesten reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Auch der Thoravorhang, den die Mutter der beiden Märtyrer Reizes gestiftet hat, befindet sich daselbst. In zierlichen Vitrinen und Glasschräuken sind Thorageräthe — Kle Kodesch, — Schilder, Kronen 2c. aus Silber tu gediegener und wahrhaft künstlerischer Ausführung ausgestellt. Altarleuchter, Wandschüsseln und Neflcctoren, Waschgcräthe für die Kvhanim, Kiduschbecher und Riechbüchsen sind in Fülle vor- Händen, doch ist an jedem dieser Gegenstände hohes Älter oder künstlerische Gestaltung zu bewundern. Der majestätische Channkaleuchter aus der Lemberger vorstädtischen Synagoge wiegt nicht weniger als 16 Centner und ein Reslectvr aus der innerstädtischen Synagoge, mit dem in Messing getriebenen Wappen Svbieski's, hat den Umfang von 2 Meter. Von den altert Hängelertchterrt erregt der von der Synagoge in Trembawla ausgestellte die die Bewundertmg aller Kunstkertner, dertn er ist ein Meisterstück der reinsten und edelsteit Renaissance. Eine 35 Centinteter hohe Thorarolle auf kunstvoll in Silber getriebenen Rollert — Ez Chajim — mit einer mit Edelsteinen gezierten Krone, stammt aus dem Anfänge des vorigen Jahrbunderts trnd ist irr Privatbesitz. Eine vergoldete Krone mit Thierstücken in Emailfedern ist ein Meter hoch und fast ebenso breit. Etwa 20 Gemeinden irr Galizien — Krakau glänzt durch Abwesenheit — haben diese in ihrer Art einzige und auch für die Entwicklung des Knnstgewerbes ttnter Israeliten höchst lehrreiche Ausstellung beschickt. Der Katalog enthält einige hundert Nummern. In Anbetracht des großen Autheils der galizischeit Juderi an dem Gelingen der Landesausstellung ist das Umsichgreifen der jndenfeindlichen Strömung in Galizien tun so bedauerlicher. Man leugnet öffentlich den Antisemitismus, aber er wird bei jeder Gelegenheit praktisch ausgeübt. Der Lemberger Bürgerntcister sagte wohl bei der Eröfsirung der Ausstellung zu dem Erzherzog Karl Ludwig: ״Bei uns gibt es keinen Antisemitismus", aber thalsächlich wird seit Jahren ein wirthschastlicher Versolgungskrieg gegen die Juden geführt, der auch in dem famosen Schildernkas des Lemberger Magistrates zu Tage trat. Und noch eilt Geschichtchen illustriert die Art des polnischen Nichtantisemitismus. Die Direction der Staatsbahnen — Präsident der Pole Bilinski — gewährt den Ausstellungsbesuchern für einen Tag in der Woche ermäßigte Fahrpreise auf den Strecken Krakau-Lemberg und Lemberg- Czernowitz. Als Tag der ermäßigten Fahrpreise wnrde Samstag gewählt. Die Absicht ist klar, nachdem 9/io der galizischen Inden an diesem Tage nicht fahren. Budapest. (Landespensionssond für Schochtim.) Die Cultns-Sectiou der Bndapester orth. isr. Gemeinde, unterbreitete ihrem Vorstande nachfolgendes Mernorandnm. Derselbe hatte dieses in seiner letzthin abgehaltenen Sitzung verhandelt und beschlossen, dasselbe an die Cnltus-Section mit dem Ansuchen znrückzuleiten, dass dieselbe irr erster Reihe das Memorandum irrt Wege der Presse verbreite, durch welches Verfahreil die interessirten Kreise ans die Wichtigkeit der Angelegenheit .aufmerksam gemacht werden und es ihnen ermöglicht wird, ihre Ausichter! oder etwaige Anträge der genannten Cnltus-Section (Budapest, Königsgasse 1) mitzntheilen. Die weitere!! Schritte in dieser Angelegenheit könnten nur in dem Falle unternommen werde!!, wenn sich eine allgemeine Theilnahme seitens der orth. Gemeinden kundgibt. Das ״Memorandum" hat folgenden Wortlaut: Die gefertigte Cnltus-Section sieht sich veranlasst, ׳ die Ausmetksamkeit des 1. Vorstandes aus ein immer mehr und mehr zu Tage tretende? und das Interesse der orth. Gemeinden Ungarns in erhebendem Maße berührendes Uebet zu lenken und zur Bekämpfung des Uebelstandes eine!! geeigneten Modus in Vorschlag zu bringen. So wir die Nvthwendigkeit der verschiedeuen religiösen Einrichtungen einer jüdischen Gemeinde in Betracht ziehen, müssen wir in erster Reihe constatireu, dass der nothwendigste Factor in jeder Gemeinde ein Sch och et ist. Die Eigenschaften, rvelche ein solcher besitzen muß, um nur in einer halbwegs frommen Gemeinde fnngiren zu.können, sind genügend bekannt, und muß daher bei der. Aufnahme eines solchen mit der größten Vorsicht vorgegangen werden, denn der Schochet, der doch wahrhaft gvttesfürchtig sein muß, kann nur dann den an ihn gestellten Anforderungen gerecht werden und sein Amt gehörig begleiten, wenn er die geeigneten Fähigkeiten hiezu besitzt uud von der Natur mit solchen / Eigenschaften begabt ist, welche zu diesem Stande unbedingt nothwendig sind. Bis zur Zeit des jüdischen Congresses in Ungarn, als die Gemeinden noch vereint waren, fühlte man den Mangel an frommen Schvchtim!licht so sehr als jetzt und zwar ans folgenden Gründen: 1.) War zu jener Zeit die Anzahl der Gemeinden nicht so groß als heute, demzufolge war auch, der Bedarf an Schochtim ein kleinerer. 2.) Bestanden damals weit mehr Jeschibas. Die hervorragendsten Bachurim befassten sich selbst nach ihrer Verehelichung noch mit. dem Torastndium und rvelche sich nicht beut Geschäfte widmen konnten, wählten den Schochet Stand. 3.) Waren zu jener Zeit nicht so viele verlockende Ableitungs-Bäche, welche so viele Bachurim. und junge Gelehrte mit sich rissen. 4.) Hatten die Schochtim in den Prvvinzgemeinden reichliches Einkommen, da infolge des günstigen Geschäftsganges, welcher zu jener Zeit herrschte, die liebersiedlungen der Gemcindemitglieder nach den größeren Städten nicht so massenhaft waren. 5.) Sind die Bedürfniße eines Schochet heute auch viel größer als. früher und erzieht er seine Kinder auch in der Weise, dass ihnen ein freundlicheres Los bevorstehe. Laut all dem Erwähnten lässt es sich begreifen, dass.wir in dieser Hinsicht einer traurigen Zukunft entgegensehen. Die Hervorragenden gehen uns verloren, entsprechender Nachwuchs kommt sehr spärlich nach, was doch sehr natürlich ist, denn jeder muß einsehen, dass dieser Stand der elendste auf Erden ist. Jeder Bearnte, Lehrer, ja Fabriksarbeiter ist durch die bestehenden Pensionsfonde mehr oder weniger versorgt und ist nicht der Gefahr preisgegeben, dass durch einen der vielen Zufälle, welchen der Mensch ausgesetzt ist, er und seine Familie dem Elende verfallen kann. Nur der Schochet, der für uns unentbehrlich ist, gleicht einem Segelschiffe ans dem Weltmeere, welches ans den stürmischen Wogen her und hin getrieben wird, ohne Aussicht, zu einem Ziele zu gelangen. Der Schochet braucht nur durch welchen Umstand immer die Missgunst seines Vorstehers oder eines, anderen hervorragenden Gemeindemitgliedes sich zugezogen, zu haben, so hat er, selbst wenn er auch der vorzüglichste ist, in der Gemeinde keinen Bestand, oder wenn er krank wird, oder durch Alter unfähig wird, seine Stelle' zu bekleiden, da wird er ganz einfach vor die Thiire gestellt. Was