Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 18 (15.7.1894)
- Date
- 1894-07-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453304-3453322--4057-3458478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 3. Nr. 18. Mesterreichisch-nngarische Cantoren-Aeitung. Einwohnerin durch jenen Verborgenen und Unbekannten". Wer ist nun der so geheimnisvolle Unbekamüe und Verborgene? Wer anders, als Derjenige, der nur für uns vorläufig verborgen und unbekannt zu sein braucht, damit wir diese Unterschiebung nicht leicht merken; in der Gesellschaft, in der er erscheint, ist er auf den ersten Blick hin wohl zu erkennen. Die Kabbalisten )vollen bekanntlich mit ihrem Gebete immer nur darauf hinarbeiten, um die Vereinigung des ״heiligen Alten" (עודקא קדישא), also des Gott-Vaters, mit seiner Matrone (׳ימטרוניתא dasselbe was ״שד'2ד.״ Einwohnerin, also der Mutter Gottes, wieder zu bewerkstelligen. Dcnm, sagen sie, wurde die Welt in lauter Liebe und Glückseligkeit anfgehen, und die Menschen würden dann einem höheren Grade der Vollkommenheit entgegensehen können und dern Himmelreiche näher sein. Wie wünschenswerth wäre es nun aber, )venu diese ersehnte Vereinigung durch Vernnttlung des Sohnes selbst zu Stande käme, der sich vor uns so lauge verborgen, und verheimlicht halten muß, bis wir sein Geheimnis errathen haben und wenn wir uns danl) zu ihm bekennen, wird der Unbekannte sein Jncognito ablegen und sich uns in seiner ganzen Herrlichkeit und Größe׳ zeigen. Das ist der einzige Sinn dieser dunkeln Worte —- einen anderen konnten wir hier nicht heransfinden — und wahrlich solches könnte unmöglich in unserem Gebetbuche Platz finden, wenn wir nur ein klein wenig ans die Gebete mehr Acht geben und nicht ganz blindlings beten würden. .Der folgende Inhalt ist unter der Bezeichnung ,.פסוקי דזמרא' bekannt, u. zw. bedeutet dieses: ״Psalmverse", weil mehrere Stücke darin aus verschiedenen Psalmversen zusammengesetzt sind. Nun sind , es aber nicht allein Verse, sondern auch ganze Psalmen, die hier in Verwendung kommen und belaufen sich dieselben im Ganzen aus sechs. Mit dieser Zahl scheint ein gewisser Zweck verfolgt zu werden, welcher überall, wo mehrere vollständige Psalmen innerhalb des Gebetes Vorkommen, immer zur Geltung kommt. Die Psalmen von Freitag Abend vor ..Lecho daudi־ sind gerade sechs an der Zahl, hier eben so viel, und selbst diejenigen von Samstag Morgen, die scheinbar ihrer nenn sind, stellen sich dennoch in Wirklichkeit nicht mehr wie ans sechs zusammen, indem hier manche Cap.iteln ihrer Kürze oder des engen-Zusammenhanges halber, die nächstfolgenden mitziehen und somit ist jedes Paar für eines anzusehen. Also nicht die einzelnen Capiteln für sich, sondern die Stellen, woraus sie entnommen sind, werden hier gezählt 'und gelten daher die Doppeltpsalmen 90—91, 135 —136 und 92—93 immer nur als ein einziges Ganzes. Das ist auch unserer Ansicht nach der Grund, warum hier der deutsche vom sephardischen Minhag abgewichen ist, und das ,.ranenu zaddikim“ von seinem Nachfolger getrennt und nach hinten verlegt hat, während die Sephardim die beiden Psalmen 33 bis 34 hintereinander zusammen sagen. Eben deshalb, damit sie nicht )vie die folgenden Psalmenpaare für eines angesehen werden, wodurch die Zahl sechs dann nicht mehr herauskäme; entweder zählte man die Psalmen getrennt, dann wären es neun, oder paarweise, so wären es nur fünf. Die Portugiesen aber kümmerten sich nicht um diese Zahl, wie sie auch das ..Lechu neranenu“ nebst seinem Gefolge von vornherein nicht angenommen haben, -sie scheinen die Psalmen nicht einer ominösen Zahl, sondern ׳Ihrer selbst Willen zu sagen und deshalb sagen sie dieselben der ״Reihe nach und wie sie stehen. Was mm die Zahl sechs für eine Bedeutung hat, wissen wir ja von ״Lecliu neranenu‘ her, ׳ dass sie nämlich auf die sechs Wochentage berechnet ist. weshalb ja diese Psalmenreihe am Freitage eines Feiertages oder am Vorabende desselben nicht gesagt wird, weil da die Arbeitstage nicht mehr vollzählig sind. Allein die sechs in Rede stehenden Psalmen scheinen dazu auch noch einen praktischen Zweck für sich in Anspruch zu nehmen, welchen wir in dem folgenden Artikel desiniren wollen. Ueber pianistische Untugenden. Nrn unseren Lesern eine Probe des lehrreichen Inhaltes der an anderer Stelle dieses Blattes anempfohlenen ״Neuen Deutschen Mnsikzeitnug" zu liefern, veröffentlichen wir im Nachfolgenden einen höchst instrurtiven Aufsatz des Mnsikschriftstellers Eeearius-Sieber aus der ji'mgsten Nummer des genannten Blattes. Das Klavierspiel ist heutzutage so verbreitet, dass es fast zum Kennzeichen allgemeiner Bildung gehört, ״etwas Klavier spielen zu können". In Folge dessen spielt natürlich auch Mancher dieses Instrument, dem es Lebensstellung, Beruf, kurz, persönliche Verhältniße nicht erlauben, so lange rativtlellen Unterricht zu genießen, bis ein gewisser Grad von Fertigkeit und Selbst- Müdigkeit erreicht wurde, und der daher versucht, ohne Lehrer weiter zu kommen. Was liegt dabei näher, als die Gefahr, entweder ans Unkenntnis oder aus Mangel an strenger Selbstcontrole, oder aus beiden Gri'mden auf falsche Fährte zu kommen in einem Kunstsache, das so ungemein viel aufopfernde Hingabe und Uebung erfordert, wie das Klavierspiel. Diese auf sich selbst angewiesenen Musikbeflissenen speciell hoffen wir nun in ihrem Streben zur Weiterbildung zu unterstützen, indem wir im folgenden audeuten, wie allgemein verbreitete ״pianistische Untugenden" vermieden werden können und worauf beim Spiel die Aufmerksamkeit besonders gerichtet werden muß. Was für den Sänger der gute Ansatz, die reine Intonation, für den Geiger der Bogenstrich, das ist für den Pianisten der Anschlag. Einen guten Anschlag sich anzneignen, ist also das erste Bestreben des Spielers. Der Anschlag darf nicht zu hart, nicht zu weich oder schwächlich sein; es muß sich klangvoll und geschmeidig Ton an Ton reihen. Daher spiele man oft und viel Lieder, Melodien, auch langsame Tonleitern und sei dabei bestrebt, dem Instrumente einen möglichst klangvollen, gleichmäßigen, singenden Ton zu entlocken, man suche gleichsam den Gesang nachzuahmen. Bei ruhiger, correcter, dabei ungezwungener Finger- und Handstellung wird durch diese Uebung der Zweck sicher erreicht. Dabei sind bekanntlich verschiedene Arten des Anschlages zu unterscheiden, besonders der gebundene (legato) und der gestoßene (staccato) Anschlag. Wie viele tausende Spieler jedoch vermeiden fast gänzlich den Gebrauch der letztgenannten Spielart und berauben sich dadurch von vornherein einer der wichtigsten Vortragsnüancen. Im Gegensätze zum Legatoanschlag, bei welchem der Finger erst in demselben Augenblicke die Taste verlässt, in dein die nächste niedergedrückt wird, wodurch sich die Töne fließend aneinander reihen, trennt das Staeeato dieselben hörbar durch kurzes Pausieren, wobei natürlich der Notenwerth zum Theil zu Gunsten der eingeschalteten Pausen gekiirzt wird. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen. Ohne auf feinere Abstufungen und Anschlagnüancen einzugeheu, erwähnen wir zunächst das ״Handgelenkstaccato". Dasselbe wird aus solgelide Art geübt: Die Finger treten in lose Fühlung mit den anznschtagenden Tasten. Im Augenblicke des erfolgten Niederdruckes und Ertönens derselben schnellt die Hand leicht, ungezwungen im Gelenk in l die Höhe, um dann sofort wieder in leichte Verührni'g mit den