Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung. Seite 5. ihren Stand haben, mit obfcuren Gemeinden vorlieb nehmen müssen? Jndess konnte mein seliger Vater, der von Kindheit ohne Unterstützung sich selbst forthelfen musste und als Privatlehrer und Tempelchorsänger sich Plagte, mit seinem Lose so weit zufrieden sein, dass er, nachdem er in der Schule des Kapellmeisters Skranp in Prag seine musikalische Bildung genossen und in kleineren Gemeinden gewirkt hatte, einen Ruf nach Leipa in Böhmen, einer einst sehr bedeutenden Gemeinde, erhielt. Mit seinen Zwecken wächst der Mensch. In dieser Stadt war es ihm gegönnt, sich nach jeder Seite hin ausznbilden, und mit der Ausbildung seiner Person wuchs die Sympathie, welche ihm entgegengebracht wurde. Es wäre an dieser Stelle müßig, alle Ehrungen aufzuzählen, welche ihm sowohl von jüdischer als von christlicher Seite erwiesen wurden, er war im Zenith seines Ruhmes, insoweit man von Ruhm sprechen kann, der sich im bescheidenen Rahmen eines jüdischen Cultusbeamten bewegt, denn die Vorsehung hat ja für Jeden, wenn er auch keine epochemachende Größe ist, den Wirkungsreis geschaffen, in auf- und absteigender Form. Und in der That liegt es in der Beschaffenheit der vielköpfigen Hydra, Cultusgemeinde genannt, dass ihre Gunst und Ungunst dem Functionär gegenüber gleich dem Barometer steigt und fällt. In: ersten Jahre seiner Anstellung ist jeder von seinen Leistungen entzückt, das Quecksilber steigt plötzlich bis zum Siedepunkt; im zweiten hört man ihm noch gern, aber der Enthusiasmus hat nachgelassen, das Barometer fällt bis zum bloßen Wärmegrad: im dritten Jahre ist er ihnen schon zu viel geworden, das Quecksilber ist auf dem Gefrierpunkt angelangt. Vierzehn Jahre hat mein Vater in der Gemeinde 2. gewirkt, und Hütte er nicht, um sich seine Stellung zu verbessern, gleich im dritten Jahr einen Wechsel unternommen, (er war nämlich in Teschen bereits einstimmig acceptirt) er hätte die Krisis des dritten Jahres glücklich überstanden; allein der Gemeinde untren werden, und noch unmittelbar vor den hohen Festtagen, dies hat ihm natürlich Gegner verursacht. Familiengründe und die nochmalige Aufnahme in seiner alten Gemeinde haben ihn den Posten in Teschen nicht annehmen lassen, er blieb wieder, aber eine gewisse Bitterkeit ist in den Herzen seiner Vorstände übrig geblieben. Mein seliger Vater musste sich die Gunst derselben noch einmal erobern, und dass ihm dies noch in erhöhtem Maße gelang, war nur seiner Begabung, seiner Tüchtigkeit, seiner stylvollen Wiedergabe des Chasonus zuzuschreiben. Das Barometer der Volksgunst war wieder bis zum Siedepunkt gestiegen, es musste eine Reaetion eintreten, und deren Seele und Führer war niemand Anderer als — ein reichgewordener Fachgenösse, der als Vorsteher nicht weiter mitansehen mochte, dass sein Nachfolger im Amte glänzte. Auch er wollte noch singen, und zwar vom Chore herab (der Herr Vorsteher war nämlich Chordirigent) seine Gloriole leuchten lassen, der Cantor aber solle sich mit dem Dortstehen begnügen. Die Stellung wurde für meinen Vater unhaltbar. Er kündigte, und die Gemeinde, welcher er seine Jugendkraft gewidmet und sein ganzes Talent unter Anstrengungen und Entbehrungen geopfert, sie nahm die Kündigung an. Wer will noch von Dankesbezeugungen einer Gemeinde sprecheil, wenn dieselbe nur den objectiven Standpunkt eines Taglöhners im Auge behält, der den Lohn erhält, so lange er arbeitet. Weg mit jenen edlen Gefühlen, welche den uneigenllützigen Menschen nur in dein Bestreben aufgehen lassen, sich seiner Gemeinde mit Gut und Blut zu verschreiben. So mögen oft unsere Vorgänger gedacht haben. Wir Jüngeren fassen die Sache denn doch etwas kühler auf, weil die Zeit der Ideale nicht mehr vorhanden ist, und wir fragen uns: Was lässt uns heute das Barometter der Volksgunst steigen machen? Ich habe einmal darüber mit einem klugen Manne Rücksprache gepflogen, der sagte: So wie der Steuerbeamte durch öfteres Schrauben der Steuerbetrüge die Gunst von oben sich erringen inuß, so nulß der jüdische Functionär durch sein beim Amte immer mehr subjektives Hinzuthun von Eifer lind Pflicht die Gunst sich immer mehr und mehr erringen. Dafür bleibt er aber immer derselbe ohne Mittel ohne Titel, sagte ich, während Elfterer, Ober-Jnspector, Finanzrath, Ober-Finanzrath rc. wird, also Mittel und Titel sich erringt. Deshalb gilt, lieber College, für uns der alte Kernsprnch: Mache nichts zu gut, denn heute am heiligen Jom Kippur hast Du die Menge durch Deinen herrlichen Gesang entzückt, hast Deinen Leib kasteiet, bist zur gänzlichen Erschöpfung ermattet und wirfst Dich nachts ermüdet auf Dein Lager und schläfst den Schlaf des Gerechten bis zur frühen Morgenstunde: aber wehe, wenn Du zu spät erwachst und das rP1rU£r־®ebet versäumt hast, vergessen ist der Ethusiasmus, man hat Dich bereits beim Vorstande verklagt und Du erhälst anstatt eines Belobungs-Decrets — eine Rüge! So socialistisch angehauchte Gedanken sind wohl in dein Gehirn Vieler, welche durch Erfahrung erbittert wurden, aber der wahrhaft Fromme spricht: Ich will den Dank der Menge nicht, ich singe und arbeite zur Ehre Gottes. Ich habe in diesem Gottvertrauen meinen theuren Vater bewundert, seine Selbstverleugnung, wenn es sich um den Beruf gehandelt hat, angestaunt. Ihn: galt die Achtung und Ehre über Alles, und ein Lob aus bewährtem Munde war ihm schmeichelhafter, als materieller Verdienst. Bei dieser Gelegenheit will ich auch folgendes Merkmal nicht außer Acht lassen, welches vielen unserer Collegen in ihrer Praxis ausgefallen sein mag. Es ist z. B. der Gottesdienst an einem Festtage zuftiedenstellend, ja oft glänzend ausgefallen, die Piecen des Chores sind präcise gegangen, aber ein Fehler hat sich eingeschlichen, der Cantor hat eine Kleinigkeit übersehen; da wird man gerne von dem Fehler des Chores, von der Vergesslichkeit des Borbeters sprechen, die Lichtseiten aber unerwähnt lassen, oder die guten Freunde werden sagen: ״Es war der Gottesdienst sehr erhaben, aber" .... Mein seliger Vater hatte für ein derartig unnachsichtiges Urtheil ein passendes Wort: Nicht Deinen Honig, nicht Deinen Stachel will ich. Unter den größten Sympathiekundgebungen sind wir von der Gemeinde L. geschieden. Der von meinem Vater gegründete und zum Erblühen gebrachte Gesangverein ״Harmonie" deranstaltete am Abend vor unserer Abreise einen Fackelzug. Der Präses, ein kostbares Angebinde überreichend, hielt eine Ansprache, die mein Vater mit den Worten erwiderte, dass er die Tage, welche er in der Stadt L. verlebte, als die schönsten seines Lebens nie vergessen wird. Und wirklich, wo überall derselbe noch wirkte — es waren zwei Gemeinden — musste er mehr den engen Kreis eines Cantors, natürlich musikalischen mit Chor und Instrument unterstützten, ziehen. Das Uebrige, was außer dieser Sphäre lag und dem ein so genialer Liedersänger, wie er es war, so gerne huldigte, ein schönes Concert, ein gemüthlicher Ausflug, ein Gesangsfest, rc. auf das musste er von jetzt ab für immer verzichten, weit er in keine deutsche Stadt mehr kam,