Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 14 (1894)
- Issue
- Heft 17 (1.7.1894)
- Date
- 1894-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Zeitung. Nr. 17. Um dem Aufrufe an die Gemeinden einen gewissen Erfolg zu sichern, muß jedoch jeder Cantor in seinem Wirkungskreise auch selbst thätig sein und die Bestrebungen des Vereines mit allen Kräften zu fördern suchen. Viele Schwierigkeiten lassen sich an Ort und Stelle viel leichter besiegen und das persönliche Eintreten des Angestellten kann oft von großem Vortheile sein. Ueberhaupt müssen wir an dieser Stelle bemerken, dass es nicht ganz gleichgiltig bleibt, ob ein Cantor schon jetzt Mitglied des Vereines ist oder sich erst dann demselben anschließt, wenn der Pensionsfond bereits activirt wird. Das Niedersetzen an gedeckter Tafel träfe wohl Jeder ganz leicht, wenn Andere sich für ihn bemüht haben, und es wird ohne Zweifel Vorsorge getroffen werden, dass diejenigen, welche bei der Gründung selbst mitgeholfen haben, ein gewisses Vorrecht vor den später Eintretenden genießen. Wer es also mit sich und seinem Stande ehrlich meint, der trete an unsere Seite und stelle seine Arbeit und seine Erfahrungen in den Dienst der Allgemeinheit. Schon am Cantorentage wurde von Seiten des Vereinsvorstandes ein Appell an die anwesenden Berufsgenossen gerichtet, ihre Meinungen und Ansichten in diesem Blatte kundzugeben und wir müssen hier nochmals betonen, dass durch die eingehende und ununterbrochene publizistische Erörterung des Pensionsfondes manche nützliche Anregung gegeben werden kann. Hierdurch wird auch die Kenntnis unserer gemeinnützigen Bestrebungen in immer weitere Kreise dringen, was für das Gelingen derselben nur von Vortheil fein kann. Bei dieser Gelegenheit halten wir es auch für angezeigt, allen jüdischen Blättern, welche über die Berathungen des Cantorentages in mehr oder minder erschöpfender Weise berichteten und die projectirte Gründung eines Pensionsfond es durchwegs sympathisch aufnahmen, im Namen des Cantorenstandes öffentlich Dank zu sagen. Eine wenig rühmliche Ausnähme glaubte nur der in Tilsit (Ostpreußen) erscheinende ״Jeschurun" machen zu müssen, indem er die Bedeutung des Cantorentages und die auf demselben gefassten Beschlüsse herabzusetzen suchte. Eine Polemik mit dem genannten Blatte halten wir für überflüssig und wollen nur unserem Bedauern darüber Ausdruck leihen, dass der Herausgeber desselben, ein jüdischer Cantor, für die Bestrebungen seiner Standesgenossen so wenig Sinn hat. Die Kleinlichkeitskrämer haben sich zu allen Zeiten mit Neid und Misgunst an große Werke und erhabene Ideen herangewagt, um durch Herabsetzung Anderer die eigene Bedeutungslosigkeit vor den Augen der Oeffentlichkeit zu bemänteln. Unbeirrt durch solche Anfechtungen wollen wir unser vorgestecktes Ziel weiter verfolgen und nach wie vor für die Interessen unseres Standes mit aller Kraft eintreten. Nach dem Cantorentage. Von Cantor Fürnberg, Neuhaus. Ungefähr vier Wochen sind seit der Abhaltung des Cantorentages verflossen, und Jeder von uns hatte Zeit, die Resultate des 28. und 29. Mai im Sitzungssaale der Wiener Cultusgemeinde zu überdenken. Da fällt in allererster Linie ein Punkt auf, der die Cantoren aufrütteln, und Diejenigen, die dem Cantoren-Vereine bis heute ihre Anerkennung versagen zu müssen glauben, eines Besseren belehren dürste.' Es ist dies der Dank Seiner M a j e st ä t u n s e r e s a l l g e l i e b t e n Kaisers an den Cantoren - Verein. Wenn wir zurückblicken auf die Zeit, bevor noch der Cantoren-Verein existirte, wenn wir uns dieses Chaos, dieses Tohii wab 01111 lebhaft vor die Seele führen, so muß es jeden Cantor mit besonderem Stolze erfüllen, diesem Vereine, der das moralische Gewicht unseres Standes innerhalb einer solch' kurzen Zeit ans ein so bedeutsames Niveau gehoben hat, anzugehören. Wenn wir aber weiter gehen und uns fragen, w e m eigentlich das Verdienst um Hebung des Vereines zufällt, so müssen wir bekennen, dass lediglich die Vereinsleitung durch rastloses Streben dieses Resultat erzielt hat. Es war daher gewiss am Platze, diese Männer für ihr uneigennütziges Wirken in ehrender Meise auszuzeichnen. Um aber einen Stand auf seiner eroberten Position zu erhalten, bedarf es auch noch anderer Momente. Eines dieser Momente ist die Unabhängigkeit, die Versorgung im Alter. Nur derjenige geht freudig an sein Amt, der von dem Bewusstsein getragen wird, seine Zukunft gesichert zu haben ltitb sein Alter in Ruhe genießen zu können. Zu diesem Behufe wurde die Gründung eines Pensionsfoudes am Cantorentage beschlossen und die Vereinsleitung beauftragt, das Nothwendige zu veranlaffeu, was dieselbe mit der größten Bereitwilligkeit zusagte. Bei diesem Punkte will ich folgendes erwähnen. Vor einigen Tagen las mau in den Tagesblättern: Herr Nathaniel Freiherr von Rothschild hat eine Stiftung für immerwährende Zeiten zu dem Zwecke errichtet, dass einer entsprechenden Anzahl von unzulänglich bemittelten, im k. u. k. Militärdienste invalid gewordenen Subaltern-Officieren die einstmalige Aufnahme in eine eingerichtete Heimstätte gesichert werde. Freiherr von Rothschild schenkte zu diesem Zwecke seine Besitzung in Hinterleithen in Nieder-Oesterreich und 800.000 Kronen. Gewiss ein hochherziger Zug und ein Humanitätsact, den man von Cavalieren rein arischer Abstammung noch selten gehört hat. Nun, wie wäre es denn, wenn der Vorstand des Cantoren-Vereines bei Frei- Herrn von Rothschild Vorstellung nehmen würde und auch dort unsere Bitte behufs Unterstützung des. Pensionsfoudes vortragen möchte. Bei der bekannten Munificenz, bei der vielgepriesenenHerzensgüte, beiden: oft bewährten, echt jüdischen Erbarmen über Alles, was unterstützungsbedürftig ist, ohne Unterschied der Confessio::, glaube ich kaum, dass wir unverrichteter Dinge abziehen würden. Das Malheur für uns ist eben, dass man in den maßgebenden Kreise:: bis vor Kurzem von uns nichts wusste. Ich erinnere nur an die Audienz, die der Vorstand des Cantoren- Vereines bei Seiner Excellenz den: Herrn Statthalter von Nieder- Oesterreich hatte. Die meisten unserer jüdischen Aristokraten leben sicher in dem Glauben, dass jede Cultusgemeinde ihre Funktionäre in: Alter versorgt. Gewiss würde sie es thun, wenn sie in der Lage wäre. Sind doch die B’ne jisroel b’ne rachmonim. Eine Religion, die seinen: Bekenner (ohne Thierschutzverein) nahelegt und gebietet: jodea zaddik nefesch be’hemsso braucht nicht erst den Cultusgemeinde:: Verhaltungsmaßregeln in Bezug auf die Altersversorgung ihrer Funktionäre zu dictiren. — Aber die kleinen Gemeinden können nicht. Es kostet Mühe genug, einen Funktionär, ein sogenantes Universal- Genie, das in neuester Zeit auch noch Rabbiner sein :nuß, zu erhalten, und es ist daher unmöglich, einem Cantor, der die laufenden Agenden des Amtes zu besorgen hat, zum Leben zu geben, und einen invaliden zu pensioniren. Beitragen zun: Pensionsfond kann aber jede, selbst die kleinste Gemeinde. Werden wir an das jüdische Herz unserer hervorragenden Glaubensgenossen appelliren, so können wir eines Erfolges sicher sein.